Nachdenkenswert #409

,,Ich würde die Frage „Sind eigentlich alle verrückt geworden?“ während Fußball-Welt- und Europa-Meisterschaften ohnehin pauschal mit „Ja“ beantworten. Aber der Wahn, der in diesen Tagen ARD und ZDF erfasst hat, ist ganz besonders besorgniserregend.“

Stefan Niggemeier, Medienjournalist, auf seinem Blog am 30. Juni 2012 im Artikel mit dem Titel Deutschland ringt um Fassung.

Zwei Tage vorher war am 28. Juni 2012 im Nationalstadion in Warschau das EM-Halbfinalspiel Italien vs. Deutschland mit 2:1 über die Bühne gegangen. Stefan Niggemeier dröselte damals die unglaubliche ARD und ZDF Berichterstattung auf. Stichwort Bernd Schmelzer, Boris Büchler, der unsägliche Usedom Fußball-Strand mit Katrin Müller-Hohenstein und Oliver Kahn. Inklusive einem kritischen Schwenk auf die Bild.

Reblog: Sport am Bodensee: Die eleganten Riva Boote fernab vom TV

Guten Morgen.

Kann sich jemand noch an das Wehklagen von ARD und ZDF im vergangenen Jahr nach dem Verlust der TV-Rechte in Sachen Olympische Spiele 2018 bis 2024 erinnern? Bild legte den Finger in die Wunde und schrieb in Sachen Axel Balkausky und seiner Reaktion nach der Niederlage von ARD und Co. im Kampf um die Fernsehrechte unter dem Titel: Weniger Randsportarten in ARD und ZDF

,,ARD-Sportchef Axel Bakaulsky droht nach Olympia-Deal mit Eurosport.“

Drohungen weniger Randsportarten in ARD und ZDF zu bringen sind natürlich ein Schenkelklopfer. Deutschlands Volleyballfans zum Beispiel ziehen sich die Spiele legal und bequem aus dem Netz von sportdeutschland.tv oder Schachfreunde die beim WM-Kandidatenturnier 2016 in Moskau traditionell miterleben konnten, das dem Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen die Kraft selbst für Zweizeiler im Videotext zum internationalen Sporthighlight des königlichen Spiels fehlte, haben mit ChessBase Kompetenz in Sachen Berichterstattung. Da bedarf es der ARD oder des ZDF nicht.

Gelegenheit an einen Artikel hier auf sportinsider aus dem Archiv zu erinnern:

Reblog: [vom 02. Juli 2015] Sport am Bodensee: Die eleganten Riva Boote fernab vom TV

Nein, so elegant wie sich vorige Woche die italienischen Stilikonen von Carlo Riva hier am Bodensee bei den 4. Riva Classics zeigten, waren die Reaktionen von ARD und ZDF auf die Vergabe der TV-Rechte in Sachen Olympische Spiele 2018 bis 2024 nicht.

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Foto:  © Michael Wiemer

Da wäre zum Beispiel die Argumentationskette vom ARD-Sportkoordinator Balkausky. Vielleicht gar ein Beispiel für das Medienlehrbuch, wenn sonst hofierte Sender im Kampf um die Übertragungsrechte bei der Vergabe mit leeren Händen dastehen.  Meedia brachte ein Interview von Michael Rossmann (dpa) mit Axel Balkausky unter der griffigen Überschrift ARD-Sportkoordinator Balkausky zur Olympia-Schlappe: „Kampf um TV-Rechte hat eine neue Dimension erfahren.“

,,Zunächst einmal respektieren wir den Verkauf der europaweiten Übertragungsrechte an Discovery und Eurosport als Entscheidung des IOC für eine Neuorientierung bei der Vergabe seiner Medienrechte. Ob es seitens des IOC nicht partnerschaftlicher gewesen wäre, ARD und ZDF als jahrzehntelange Partner deutlich früher als die breite Öffentlichkeit über den Verkauf an Discovery zu informieren, das sollte sich das IOC einmal selbst fragen.“

Discovery Channel sponserte einst ein teures Radsportteam und stellte 2005 mit Lance Armstrong den Tour de France Sieger. Okay, dieses Ergebnis ist mittlerweile Makulatur. Wegen Dopings wurde dieser Sieg nachträglich gestrichen. Das kolportierte Budget soll 12 Millionen US-Dollar pro Jahr betragen haben. Nach der Saison 2007 beendete Discovery Channel sein Sponsorship im skandalumwehten und durchgeschüttelten Radsport.

Der Olympia Coup von Discovery wird auch im Tagesspiegel behandelt. Sonja Álvarez leitet Ihren Artikel unter dem Titel Dabei sein ist alles mit den folgenden Worten ein:

,,Die ARD reagiert trotzig, Sportverbände sorgen sich um die Qualität der Berichterstattung: Reaktionen nach der Vergabe der Übertragungsrechte für die olympischen Spiele an Discovery.“

Eingesammelt hat Sonja Álvarez dann Stimmen von Dagmar Freitag, Alfons Hörmann, Siegfried Kaidel, Clemens Prokop sowie Axel Balkausky.  Dagmar Freitag ist übrigens Parteimitglied der SPD, jener heftige Wahlniederlagen sammelnden Partei, die kürzlich auf ihrem Parteikonvent die Vorratsdatenspeicherung durchwinkte. Auch Jens Weinreich hat ein paar Zeilen in die Tastatur gegeben. Auf Spiegel Online dröselt er die Thematik auf unter der Überschrift Olympia-TV-Deal: Warum ARD und ZDF zunächst draußen sind.

Foto:  © Michael Wiemer

Jetzt hat also Discovery die Hände am Steuer in Sachen TV-Rechte für Olympia. Die Welt fragt ganz ohne Ehrfurcht: Die Olympischen Spiele ohne ARD und ZDF! Na und? Während dessen hat sich auch die FAZ in Person von Michael Hanfeld Gedanken um den Mega-Deal pro Discovery und kontra der Öffentlich-Rechtlichen gemacht und befindet unter dem Titel ARD und ZDF wollen nicht bloß am Boden turnen:

,,Ein historischer Tag für Discovery-Chef David Zaslav, ein erschütternder für die Intendanten von ARD und ZDF: Der Discovery-Konzern hat die Olympia-Rechte gekauft. Was folgt daraus für die Sender und die Zuschauer?“

Des einen Jubel, des anderen Ärger. Es können nicht immer alle gewinnen. Das war definitiv nicht der Tag für ARD und ZDF. Autor Hanfeld, verantwortlicher Redakteur vom Feuilleton der FAZ, hätte dabei auch gerne in die Gesichter der Intendanten geschaut:

,,In die langen Gesichter der Intendanten von ARD und ZDF hätte man am Montag gern gesehen. Bass erstaunt waren sie, die gewohnt sind, Spitzensport jeder Art jederzeit im Programm zu haben. Nun nicht mehr: Die Olympischen Spiele sind für die Jahre 2018 bis 2024 erst einmal weg. Der amerikanische Discovery-Konzern, zu dem der Sender Eurosport gehört, hat für 1,3 Milliarden Euro die Senderechte an zwei Olympischen Sommer- und zwei Winterspielen gekauft.“

Eurosport wurde einst von Rudolf Scharping geadelt. Der Präsident des Bundes Deutscher Radrennfahrer konnte sich dabei 2011 einen Seitenhieb auf ARD und ZDF nicht verkneifen:

,,Das ist eine souveräne Entscheidung von ARD und ZDF. Es zeigt, dass die Produktion einer Telenovela offensichtlich billiger ist als eine Radsport-Übertragung – die findet dann eben bei Eurosport statt.”

So der einstige Verteidigungsminister und Jan Ullrich Fan zum Ausstieg von ARD + ZDF aus der LIVE-Berichterstattung der Tour de France 2012 gegenüber dpa Anfang des Jahres 2011.

Foto:  © Michael Wiemer

Vielleicht ist Fernsehen aber auch total überbewertet. Und machen wir uns doch nichts vor, Menschen die ohne Fernseher leben, sind oft die Zeitgenossen mit dem größeren Zeitbudget. Sehr belesen, produktiv, aktiv in Sachen Sport – also der eigenen Bewegung an frischer Luft. Informiert sind sie oft auch noch besser, weil sie sich keine Talk-Shows von Plasberg, Jauch, Will, Maischberger und Co. reinziehen. Oder starr auf dem Sofa sitzen und sich irgendwelche Nachrichten mit vorgefertigten Meinungen von schlecht angezogenen Nachrichtensprechern vorlesen lassen, ist ja nun wirklich nicht sehr aufbauend. Menschen ohne Fernsehkonsum, einige kenne ich persönlich, sind in der Regel auch sehr ausgeglichen. Fernsehzeit ist für sie vergeudetes Leben. Sie nutzen die gewonnene Lebenszeit gerne auch für gut recherchierte englischsprachige Artikel und investieren in Lesezeit oder nutzen das Internet gezielt für die Suche nach Informationen fernab des Mainstreams.

Foto:  © Michael Wiemer

Hier am Bodensee ist der Sommer schön. Die Temperaturen angenehm warm. Wehklagen über Hitze gibt es hier nicht. Übrigens die 4. Riva Classics Bodensee fand auch so ganz ohne Übertragungen von ARD und ZDF statt. Gestört hat das hier niemanden.

Foto:  © Michael Wiemer

Derweil ist der Juli auch bereits angelaufen und der Blick auf den Sportkalender am Bodensee zeigt einige durchaus interessante Veranstaltungen.

Reblog: Toni Innauer und die Sache mit dem finanziellen Overkill

Toni Innauer trat erstmals 1976 in mein Leben. Stichwort Olympische Winterspiele. Am 12. Februar 2010 erinnerte ich hier im Sportblog Sportinsider an Olympia Innsbruck 1976.

,,1976 nahm ich als fast 13-Jähriger die ersten Olympischen Winterspiele bewußt wahr. Die Helden von Innsbruck waren für mich Franz Klammer, Meinhard Nehmer, Hans-Georg Aschenbach, Toni Innauer, Rosi Mittermaier, Uli Wehling und der legendäre Eishockeytorwart Wladislaw Tretjak. Das Sonderheft zu den Spielen war eine ständige Begleitlektüre. Ich konnte damals alle Olympiasieger aus dem Kopf aufsagen. Heute müßte ich dafür den Google Sehschlitz bemühen.“

Den bemerkenswerten Weg von Toni Innauer habe ich dann mit großem Interesse über all die Jahre verfolgt. Jetzt arbeitet er zur Zeit als ZDF-Experte während der Vierschanzentournee und macht auch dort eine ausgesprochen gute Figur. Sachlich seine Kommentierung, fundiert die Analysen. Er bringt die Dinge auf den Punkt.

Eigentlich ist es ja schade, dass die österreichische Skisprunglegende Toni Innauer seinen Blog unter toni-innauer.at nicht mehr führt. Dort äußerte er sich immer sehr klug und mit klaren Aussagen. Gelegenheit einen kleinen Blick ins Sportinsider Archiv zu werfen.

Reblog: [7. März 2013] Toni Innauer und die Sache mit dem finanziellen Overkill 

Wenn Sportler bloggen ist es oft so eine Sache. Manch einer kommt nicht über Standardsätze und hundertfach gehörte Floskeln hinweg. Ganz anders dagegen Skisprunglegende Toni Innauer. Sein Blog auf toni-innauer.at ist voller interessanter Beiträge. Der charismatische Sportheld ist ein Freund von klaren Worten und guter Analyse. Er schont dabei selbst Lance Armstrong nicht.

,,Lieber Lance Du hast den Idealisten unter uns also auch noch gezeigt, dass es im Sport nicht nur ums Gewinnen sondern um „richtige Kohle“ geht, um das große Umverteilen. Um das Verschieben des Geldes von denen die sich noch halbwegs ehrlich abstrampeln zu denen, die an den Hebeln sitzen, und so wie Du, wenn sie unter Druck geraten, eine kleine Spende an die Community springen lassen.“

In seinem neuesten Artikel ist der gefallene Velo-Jesus jedoch nicht das Thema von Toni Innauer. Es geht um Geld, sehr viel Geld, die Spirale im Wettbewerb der Materialschlacht. Innauer schaut dabei auch auf die Parkplätze neben den Skisprungschanzen und stellt fest:

,,Neben den Riesentrucks anderer Nationen nimmt sich das ÖSV-Gefährt allerdings aus wie ein winziges Rettungsboot neben Kreuzfahrtdampfern. Früher zitterte man davor, dass die Schanzen durch neue Materialentwicklungen umgebaut werden müssen, heute weitet sich dieses Problem auch auf die Parkplätze aus. Da braucht es schon einen doppelstöckigen Superadlerbus um nicht im Schatten der anderen zu stehen.“

Der einstige Ästhet unter den Skispringern plädiert für eine finanzielle Obergrenze der Etats, um die Materialschlacht zwischen den einzelnen Nationen zu begrenzen. Stichwort Chancengleichheit. Sicher eine idealistische Sicht auf die Dinge.

Nachdenkenswert #349

,,In der ZDF-Reihe „Terra X“ – werden faszinierende Geschichten aus Natur und Kosmos, Geschichte und Kultur erzählt. In der zweiteiligen Minireihe „Supertalent Mensch“ steht das Leistungsvermögen von Menschen mit besonderen Fähigkeiten im Mittelpunkt. Die erste Folge wird am 27. Dezember ausgestrahlt. In der 2. Folge am 3. Januar 2016 werden mit Vincent Keymer und Marc Lang auch zwei Schachspieler vorgestellt.“

André Schulz, Chefredakteur von ChessBase mit einem Programmhinweis auf die zweite ZDF-Staffel Terra X: Supertalent Mensch. Vincent Keymer (11) ist Deutschlands hoffnungsvollster Jungschachspieler und wurde 2015 mit der U18 Europameister, er ist aktuell der zweitbeste U12 Schachspieler der Welt und kann bisher auf 3 Siege gegen Großmeister verweisen. Marc Lang ist der anerkannte Blindschachexperte und Weltrekordinhaber im  Blindsimultan-Schach.  

Jens Weinreich räumt mit einer Mär in Sachen FIFA-Ethikkommission auf

Nein, die unappetitlichen Dinge in Sachen Korruptionsskandal in der FIFA, die da mit geballter Wucht täglich in die medialen Kanäle geflutet werden, sind nicht erfreulich. Hier im Süden am Bodensee ist Fußball beileibe nicht das ganz große Ding. Es gibt einfach viele andere schöne Sachen und Aussichten.

Foto:  © Copyright – Michael Wiemer

Doch wir schauen hier im Süden schon auch über den Tellerrand. Es gibt, ich wiederhole mich da gerne, nichts zu beschönigen in Sachen des systemischen FIFA-Skandals. Die Schlagzeilen über korruptes Verhalten, Schmiergeldzahlungen, kriminellen Machenschaften am Fließband inklusiver dubioser Vergabepraktiken der WM-Turniere (Katar ist da nur die Spitze des Eisberges). Will man uns für blöd verkaufen? Was sollen all die Sprüche und beschönigenden Verlautbarungen von Reformen, Reformwillen, neuem Personal? Soll das Fußballvolk beruhigt werden? Die DDR war einst nicht reformierbar. Die FIFA ist es auch nicht. Die Liste der Verfehlungen ist lang und geht auf keine Kuhhaut.

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Foto:  © Copyright – Michael Wiemer

Der hier am Bodensee in Konstanz ansässige Südkurier titelte gestern Der Pate wird abserviert. Er schaffte es auf die Titelseite. Das kann noch lustig werden mit der Suspendierung von Sepp Blatter. Ach, Platinis Karrierechancen auf die Nachfolge von Blatter sind ebenfalls gesunken. Die ARD hat jetzt auch einen FIFA Experten. Was der durch Zwangsgebühren gemästete Sender so alles zu bieten hat. Warum lässt man eigentlich Jens Weinreich in der ARD oder dem ZDF nicht zu Wort kommen?

Die Unzulänglichkeiten der ARD und ZDF in Sachen FIFA Berichterstattung kritisierte ich am 8. Juni 2015 unter dem Titel Sport am Bodensee: Fernab vom Sumpf.

,,Dabei darf durchaus auch nochmals an die unsägliche Geldverschwendung von ARD und ZDF hingewiesen werden, die in das System FIFA gepumpt werden. Im Anschluss an jene unsägliche Jauch Sendung, mit einem überforderten Moderator und einer Zusammenstellung der Gästeliste, der dramatisch viel Kompetenz, Detailkenntnis und Aufklärungswille fehlte. Da hätte man sich in der Gästeliste schon Thomas Kistner, Jens Weinreich und Andrew Jennings gewünscht. Statt dessen wurde nicht aufgeklärt, Claudia Roth durfte die empörte Grünen Kritikerin spielen und FIFA Mann Koch outete sich als Wähler der CSU Grünen. Auch Florian Bauer überzeugte mich nicht. Er spielt halt nicht in der Liga eines Weinreich, Kistner oder Jennings. Doch verlieren wir die Geldverschwendung von ARD und ZDF sowie die damit verbundene Stützung des Skandal umtosten Ladens in Zürich nicht aus den Augen.

Und verwies auf die Ahrens Rezension.

,,Peter Ahrens vor einer Woche in seiner Rezension zum  Jauch-Talk über den FIFA-Skandal auf Spiegel Online.“

Wie sehr würde solchen Sendungen echter Journalismus gut tun. Aber von journalistisch sauber aufbereiteten Sendungen zum Thema FIFA scheint die ARD so weit entfernt wie der Salzstock in Gorleben von einem verlässlichen Atommüll-Endlager.

Aber beißen wir uns an diesem milden Herbsttag nicht an der ARD fest. Ein andermal mehr.

Der sportpolitische profundeste Kenner der FIFA-Zusammenhänge aus der Gilde der Journalisten in Deutschland ist Jens Weinreich. Er titelt Nur noch 89 Tage: Zu den Suspendierungen von Blatter und Platini #FIFAcrime.

,,Wichtig ist zudem mit der Mär aufzuräumen, wonach die FIFA-Kommission „ermitteln“ würde. Unsinn. Echte Ermittlungen, und zwar strafrechtliche, führen die Justizorgane in den USA, der Schweiz und einigen anderen Nationen. Parallel dazu laufen unabhängige Recherchen in einigen Medien – derlei Recherchen haben die Strafverfahren überhaupt nur ermöglicht. Die Aufarbeitung des kriminellen Systems geschieht auf Grundlage des amerikanischen RICO-Gesetzes, die FIFA wird von der amerikanischen Justiz mit einer Mafia-Organisation (RICO) gleichgesetzt.“

Das ist Journalismus wie ich ihn mag. Klar strukturiert, mit Rückgrat, sauber recherchiert.

Reblog: Einzug der Gladiatoren: Die Bolt Show

Die Leichtathletik-WM 2015 steht vor der Tür. Die FAZ veröffentlichte bereits den offiziellen Zeitplan des Events. Gelegenheit einen kleinen Rückblick auf den Einzug der Gladiatoren vor 2 Jahren in Moskau zu werfen.

Reblog [12. August 2013] Einzug der Gladiatoren: Die Bolt Show

Der ZDF Reporter sprach vom „Einzug der Gladiatoren“ und bereitete die Republik auf das Sportereignis von Moskau vor. Muskelbepackt zeigten sich die Kämpfer vor Ihrem spektakulären und medial aufbereiteten Jahresereignis. Einige Gladiatoren waren vor dem eigentlichen Spektakel bereits aus dem Verkehr gezogen. Dies ist halt ein Grundrauschen was mit einkalkuliert werden muss. Die große Show verträgt dies schon.Traveler Digital CameraDie Sportartikelhersteller mit Rang und Namen zeigen ihre Erkennungszeichen. Das Logo ist gut sichtbar. Die Designer haben sich Mühe gegeben. Die Muskeln sind definiert bei den Athleten. Der Blick konzentriert. Die Show wird nicht auf die leichte Schulter genommen.Traveler Digital Camera Die Szene hat einen Star. Er kommt aus Jamaika. Sein Name ist Usain Bolt. Ihn nerven vor der WM die zahlreichen Fragen nach unerlaubten Hilfsmitteln. Moskau soll seine Triple-Bühne werden. Der schnellste Mann der Welt will eine lebende Legende werden. Fokussiert auf den bevorstehenden 100 Meter Kampf auf der Gladiatorenbahn von Moskau schwingt sich Superstar Bolt ein.Traveler Digital CameraDie Gladiatoren der Neuzeit nehmen ihre Startposition ein. Dies ist nichts für sensible Gemüter. Hier geht gleich der Kampf los. Höchste Alarmbereitschaft. Die geballte Konzentration ist zu spüren. Die Muskeln zur Leistungsexplosion bereit.Traveler Digital CameraTraveler Digital CameraZuschauer werden nervös. Die Zeit scheint stehen zu bleiben. Hitchcock Atmosphäre. So fühlen sich Thriller Momente an. Knall. 8 Gladiatoren schnellen empor und powern was das Zeug hält. Sie laufen als gebe es kein Morgen.Traveler Digital Camera Traveler Digital CameraMeiner Jahrhunderliebe habe ich versprochen nach dem Ende der Bolt Show mit ihr noch eine Runde Speedminton auf dem Sportplatz von Eriskirch zu spielen. Eigene sportliche Ertüchtigung soll während einer WM nicht zu kurz kommen. Sie freut sich schon sehr darauf. Meine Zusage steht. Für den folgenden Tag steht Kieser Training in Friedrichshafen auf dem Programm. Derweil ich ein wenig abschweife ist das Rennen durch. Bolt macht es wieder unter 10 Sekunden. Die Normalität wie unsereins den Gang zum Bäcker am Sonntagmorgen antritt.Traveler Digital CameraTraveler Digital CameraSpeedminton steht jetzt fast nichts mehr im Wege. Doch ich will noch ein wenig die Faszination der Show aufsaugen. Auch die berühmte Geste will ich noch sehen. Meine Jahrhundertliebe sitzt auch noch gebannt auf der Couch. Bolt erntet den Applaus. Ein wenig auslaufen muss auch noch drin sein.Traveler Digital CameraDie Geste aller Gesten fehlt noch. Meine Liebste hat die Augen bereits freudig auf mich gerichtet. Sie freut sich auf Speedminton. Der Sportplatz liegt fast vor der Tür. Die Fotos könne ich auch morgen noch sichten und ordnen. Aber ohne seine Geste gehe ich noch nicht. Komm Usain Bolt zeig sie. Und er zeigt die Marketing-Geste des Gladiators Nummer 1 auf diesem Leichtathletikplaneten noch nicht. Denn erst zeigt das ZDF das seriöse Wettkampfergebnis. Traveler Digital CameraDoch jetzt ist es soweit. Die Geste von Usain Bolt. Das Showelement ist ihm in Fleisch und Blut übergegangen. Unter dem Moskauer Himmel zeigt er die Geste aller Gesten. Die Siegerpose.  Traveler Digital CameraIn Herzogenaurach bei Puma dürfte man zufrieden gewesen sein. Die Raubtierkatze, jenes Logo des fränkischen Sportartikelherstellers, hat an jenem Abend in Moskau im Olympiastadion Luschniki keine Kratzer abbekommen.

Reblog: Hassliebe Tour de France

Die 102. Ausgabe der Tour de France geht nach ihrem Ruhetag am Montag in die 2. Woche. Spiegel Online vermeldet unter dem Titel: Tour de France: Sky vermutet Hackerangriff auf Froome.

,,Tour-de-France-Favorit Chris Froome und sein Sky-Team sind offenbar Opfer eines Hacker-Angriffs geworden. „Wir glauben, dass jemand unsere Trainingsdaten gehackt hat und die Dateien von Froome besitzt. Wir haben Anwälte eingeschaltet“, sagte Teamchef Dave Brailsford.“

Gelegenheit einen Blick in die am 17. Juli 2013 von mir publizierte Hassliebe Tour de France zu werfen. In jenem Jahr ritt Lohnfahrer Froome am Mount Ventoux wie aus einer anderen Welt davon.

Reblog [17. Juli 2013] : Hassliebe Tour de France

Höllenqual, der Mund schon lange trocken, die Waden schmerzen, die Arme vibrieren, am Lenker wird gezerrt, doch es sind noch 6 Kilometer bis L’Alpe d’Huez. Scheiß Höllentour.

Noch ein Tritt. Noch ein Tritt. Noch ein verdammter Tritt. Erbarmungsloser Fight gegen sich selbst. Der Puls scheint die Schädeldecke öffnen zu wollen.

Die Sonne peitscht den Asphalt, die Gesichter und den Rücken der Radprofis. Die Arme schmerzen. Die Beine lösen sich auf. Noch ein paar Meter.

Simpson, Tommy. Mount Ventoux 67. Scheiße. Todeskampf, Hubschrauber. Einsatzkräfte. Flug in das Krankenhaus. Alles zu spät. Sinnlos. Mount Ventoux der Killerberg. Die Todeszone. Die surreale Mondlandschaft. Die Bilder seiner Todesfahrt gehen um die Welt.

Denkmäler. Sie stürzen ein wie ein Kartenhaus bei starker Zugluft. Anquetil, Bobet, Fignon, Armstrong, Merckx,  Jan Ullrich, Contador, Guerilla-Pirat Pantani, Landis, Indurain, Winokurow, Millar, Hamilton, Zabel, Riis, Cancellar, Kohl, Rasmussen. Wanken. Bröckeln. Die Heroes kommen ins straucheln. Ich bin empört. Wütend. Phlegmatisch. Gleichgültig. Desillusioniert.

Die Doping-Scheiße. Schlimmer wie Lepra. Fukushima. Tschernobyl. Krebs in der Endphase.

Ich will diesen Zirkus ohne Doping. Ohne Bluteigendoping. Keine Klebestreifen an Hotelwänden zur Befestigung der Blutbeutel. Kein Motoman mit dicken Cocktail-Kurier-Taschen. Keine Rolex für zuverlässige Überbringerdienste am Ende der Tour.

Man möchte die Kiste abschalten. Nein, Fenster auf. Das TV-Monster über die Terrasse geschmissen in bester Kinski Manier.

Hat die Seele jetzt ihre Ruhe?

Andreas Burkert berichtet für die Süddeutsche Zeitung von der Höllentour 2013. Marcel Kittel spricht vorwurfsvolle Worte Richtung Jan Ullrich. Kittel musste sein auf der 1. Etappe errungenes Gelbes Trikot bereits nach der 2. Zielankunft wieder abgeben. Das ging aber schnell. Motivationstrainer wie Anthony Robbins empfehlen in solchen Situationen die Konzentration der Kräfte. Keine Verzettelung.

Finger krampfen. Venen erstarren. Das Sitzfleisch ist aufgerauht. Salz auf der Haut. Schweiß, der den Augen zu schaffen macht.

100 Jahre. Für die einen die größte professionelle Radsport-Rundfahrt der Welt, für die anderen die größte und skrupelloseste rollende Apotheke auf Rädern. Zeit Online bringt die ultimative mediale Festagsausgabe. Ein multimediales Scroll Dossier.

Jäger und Gejagte. Den Laborspezialisten immer einen Schritt voraus. Oder? Armstrong Beichte, die Stunde der Heuchler.

Telekom, Gerolsteiner, US-Postal, Phonak, Milram, Radio Shack pumpten Millionen in das umstrittene Spektakel.

Wasserträger fluchen und buckeln gleichzeitig.

Eurosport sendet. Auch 2013. Beharrlich. Unaufhörlich. Kontinuierlich. Das halbstaatliche Fernsehen ARD + ZDF köchelt auf Sparflamme. Nicht erst dieses Jahr. Hatten ihren moralischen nach dem Telekom-Team Kater. Jan Ullrich, einst von ARD hochgejazzt, wurde fallengelassen wie eine heiße Kartoffel. Moralin-sauer wird sich von der Schmuddelsportart abgewendet. Andererseits wer will es ihnen verdenken.

Derweil gibt es da diesen Froome. Trägt Gelb. Tourdominator. Scheinbar aus einer anderen Welt. Wie er am Mount Ventoux davonritt, leicht, scheinbar ohne physikalische Widerstände, im Speedmodus, erinnerte er mich stark an Pantani. Der hatte solche Berg-Guerilla Attacken auch drauf.