Tauscht Holland Fußball aus der Feinkost Abteilung gegen den Erfolg?

Die WM nimmt Fahrt auf. Im Viertelfinale treffen heute die Niederlande und Brasilien aufeinander. Bisher haben sich  beide Mannschaften ohne größeren Kraftakt einspielen können. Niederlande gegen Brasilien im Viertelfinale könnte ich mir auch gut als Partie im Halbfinale vorstellen. Die Niederlande sind bisher nicht echt gefordert worden, zeigten jedoch sehr effektiven Fußball. Manch einer mag die einstige Schönheit  vermissen.

Die Süddeutsche Zeitung schreibt zur Spielweise unseres Nachbarlandes:

,,Trotzdem nölen Kritiker, die einst für ewige Schönheit bekannte Elftal wurstele sich 2010 so rational und unterkühlt durchs Turnier wie früher die Deutschen (die nun ihrerseits schick wirken). Man könnte sogar frotzeln: Holland spielt wie der alte FC Bayern – Hauptsache gewonnen!“

Für Freunde des atemberaubenden holländischen Fußballs habe ich nochmals ein Video mit Sequenzen von König Johan Cruyff ausgegraben: 

Das war Fußball aus der Feinkost-Abteilung. Da schnalzt jeder Fußballfreund mit der Zunge. Bei meiner Reminiszenz zum WM Endspiel 74 aus der Max-Schmeling Villa schrieb Leser Fred:

,,Tja, und seit dieser WM bin ich Holland-Fan.

Das kam so: beim Spiel BRD-DDR hielten alle Kumpels, einschließlich meinem Vater, auf die Bundesrepublik. Nach der peinlichen Vorstellung hatte ich genug von dieser Elf, zumal sich Günther Netzer nach seiner Einwechslung, noch als Totalversager herausstellte.

Holland aber spielte den schönsten Fußball und sollte im Endspiel auf die Truppe aus Hamburg treffen. Johann Cryff, der Fußballgott. Nach zwei Minuten die Führung, wenig später die ‘Schwalbe’ von Hölzenbein. Dann Müller. Die zweite Halbzeit: Spiel auf ein Tor. Der Rest ist bekannt, meine Laune war für Tage im Keller.

Vier Jahre später rettete der linke Pfosten den Argentinien in der 89. Minute den Weltmeistertitel. 1998, im Halbfinale, das wohl beste Spiel der WM-Geschichte. Und 2006 setzte Marco van Basten (der ‘Held’ von 1988 München) Ruud van Nistelroy nicht ein.

Ein Deutscher als Holland-Fan. Warum nicht?!
Zum Endspiel fahre ich dieses Jahr nach Amsterdam.
Irgendwann muss es ja doch mal klappen ….
Holt mich dann bitte von der Intensivstation )“

Schaun wir was Robben, Sneijder, van Bommel und Co. gelingt.  Auch Brasilien hat sich auf effektiven Fußball konzentriert. Die halbe brasilianische Abwehr spielt bei Inter Mailand. Robben und van Bommel werden sich an das Bollwerk aus dem Finale im Championsleague-Finale erinnern. Apropos Erinnerung. Bei der erwähnten WM 74 verspeisten die Holländer mit ihrem begeisternden Fußball gleich drei südamerikanische Mannschaften. In der Vorrunde in Dortmund schlugen Johan Cruyff und seine Mitspieler Uruguay souverän mit 2:0. In der  2. Finalrunde demontierten die Holländer in Gelsenkirchen die Mannschaft von Argentinien mit 4:0. Auch Brasilien war kein Hindernis. In Dortmund gab es ein klares 2:0 der holländischen Ballzauberer.

Wer wird Weltmeister?

Nein, es gibt kein Tippspiel von mir. Selbst Online-Plattformen ohne erkennbare Sportkompetenz konnten davon nicht lassen. Ich verfolge Fußballweltmeisterschaften seit 1974. Bei neun Weltmeisterschaften seit damals holten Deutschland, Brasilien, Argentinien und Italien je zweimal den Titel und Frankreich  einmal bei der Heim-WM.

Ein Blick in die Glaskugel. Ich würde mich auf ein Favoriten-Trio beschränken wollen. Der Weltmeister kommt aus dem Kreis Brasilien, Argentinien und Spanien.

Brasilien ist Rekordweltmeister. Coach Carlos Dunga hat ziemlich viel Disziplin in die brasilianische Elf hineingebracht. Den Zirkus von 2006, der eine oder andere erinnert sich noch an dieses unsägliche Promotion-Trainingslagerchen, konsequent ausgemerzt. Die Brasilianer haben einen vernünftigen Torwart (gerade mit Inter CL Sieger geworden) und genügend individuelle Klasse jederzeit ein Spiel entscheiden zu können. Ist es zu kalt für die Ballkünstler im Winter von Südafrika? Die meisten Brasilianer spielen eh in Europa unter teilweise widrigeren Witterungsbedingungen im europäischen November oder Februar. Wer Weltmeister werden will sollte sich nicht mit klimatischen Ausreden aufhalten lassen.

Ein zweiter Favorit von mir ist die Elf von Diego Maradona. Argentinien konnte man vor einem Jahr noch nicht einmal mit der Kneifzange anfassen und als WM-Favorit handeln. Am 1. April 2009 verloren sie ein WM-Quali-Spiel in Bolivien mit 1:6. Okay, bei der Höhenluft hat schon manch anderer verloren. Doch solch ein Debakel war massiv. Quali ist das eine und ein WM-Turnier das andere. Die argentinische Truppe ist sehr abgebrüht und die älteren Jahrgänge noch hungrig. Messi kann sich eventuell besser entfalten (oder soll ich dem Gerede vom Ausgebranntsein Glauben schenken?)  und ist jederzeit für einen genialen Moment fähig.

Bliebe noch Spanien. Amtierender Europameister. 1972 gewann Deutschland die EM ähnlich souverän wie Spanien 2008. Die Spanier sind sehr lange ungeschlagen gewesen (35 Spiele bis zum vorjährigen Halbfinale im Confed Cup) und haben eine souveräne Quali gespielt. Technisch perfekte Truppe. Es muss kein Nachteil sein dass Barcelona und Real in der CL die Segel streichen mussten. Die Mannschaft hat ja bei WM-Turnieren oft enttäuscht. Diesmal kann der ganz große Wurf gelingen. Die Mannschaftsteile greifen prima ineinander und sie haben mit Vicente del Bosque einen gewieften Coach.

Ich lege mich fest. Aus dem Trio Brasilien, Argentinien und Spanien kommt der Weltmeister 2010.

Kann Deutschland unter Löw Weltmeister werden?

Die Daten sind in jedem Fußballanhänger fest verankert. 1954 Bern. 1974 München. 1990 Rom. Die deutsche Nationalmannschaft kam von diesen Endspielorten mit dem Weltmeistertitel in die Geschichtsbücher.

Ist dies unter dem Übungsleiter Löw eigentlich auch für 2010 vorstellbar? 

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           © picapp

Kann der einstige Fußballer vom SC Freiburg in die Fußstapfen von Sepp Herberger, Helmut Schön oder Franz Beckenbauer treten? Hat er das Charisma, die strategischen und taktischen Fähigkeiten, die stimmige Feinfühligkeit im Umgang mit den einzelnen Spielern? Ich weiß es nicht.

In den bisherigen Weltmeistermannschaften waren immer Männer. Richtige Männer. Mit Courage, Rückgrat und eigener selbstbewusst geäußerter Meinung. Mit dem jetzigen Kader kann Löw eigentlich nicht Weltmeister werden, es sein denn er bekommt so einen Dauer-Glückskuss beim Turnier vom Universum wie einst Rehagel mit Griechenland bei der EM 2004.

WM 74

Die Fakten des Endspiels der WM 74 von München lesen sich so:

Deutschland – Niederlande 2:1 (2:1)

Deutschland: Maier – Vogts, Schwarzenbeck, Beckenbauer – Breitner, Bonhof, U. Hoeneß, Overath – Grabowski, G. Müller, Hölzenbein

Niederlande: Jongbloed – Suurbier, Rijsbergen (69. de Jong), Haan – Krol, Jansen, van Hanegem, Neeskens – Rep, Cruyff, Rensenbrink (46. R. van de Kerkhof)

0:1 Neeskens (2., Foulelfmeter)
1:1 Breitner (25., Foulelfmeter)
2:1 Müller (43.)

Schiedsrichter: Taylor (England)
Zuschauer: 77.833 (ausverkauft)

Mein erstes richtig wahrgenommene WM Endspiel war 1974. Ich war 11. Mein Vater impfte mir vorher ein, ja nicht auf die Holländer zu halten. Wie er da bloß drauf kam. Wir waren im Fernsehraum der ehemaligen Max-Schmeling Villa in Bad Saarow ungefähr 15 Mann. Fast alles erwachsene Männer. Meine Mutter und meine zwei jüngeren Schwestern waren derweil im Urlaub 1,5 Kilometer von der Villa entfernt am See baden. Holland ging blitzschnell durch einen Elfer in Führung.

Entsetzen. Absolute Stille für einen Moment. Unerträgliche Stille. Deutschland drehte das Spiel. Erst ein Elfer von Breitner. Dann Gerd Müller mit diesem typischen Müller Tor (davon hatte ich im Bayern Trikot von ihm schon einige gesehen)kurz vor dem Halbzeitpfiff. Zweite Halbzeit war von zahlreichen ..oh..der Männer und meines Vaters begleitet. Ich hab auch wahnsinnig mitgefiebert. Deutschland hielt das 2:1 fest.

Danach analysierte mein Vater tagelang. Mir sind die Lobeshymnen auf die Paraden von Sepp Maier im Tor, den kopfballstarken Beckenbauer, Schwarzenbecks Abwehrarbeit vor dem Libero F.B. und das Siegtor von Gerd Müller, die wahnsinnig wichtige nervenstarke Treffsicherheit von Paule Breitner beim Strafstoß zum 1:1 noch gut im Ohr. Uli Hoeneß. Ihn hatte ich im Herbst 73 das erste mal live im Europapokal gesehen.

Es fiel aber immer ein Name. Berti Vogts. Wadenbeißer hatte mein Vater damals glaube ich nicht gesagt. Das hat man dem Berti wohl später in der Retrospektive angehangen. Den großen Johan Cruyff aus dem Spiel genommen zu haben war die Basis für den WM Sieg. So mein Vater. Wahnsinn. Vogts wurde mit Lob von meinem Vater überschüttet.

Ich selber hatte bis zum Endspiel in meiner kindlichen Sicht Cruyff als den überragenden Spieler des Turniers gesehen. Später kamen Platini oder Zidane nie annähernd an diese Leichtigkeit und diese fußballerische Klasse heran. So ist bis heute mein rein subjektives Empfinden. Hoeneß sagte später, dass die Niederlande nur einen Schwachpunkt hatten. Ihren Torwart.

Diese Finale von München war mein erstes Endspiel. Es war für mich sehr emotional. Ich mochte schon vor der WM die Bayern Spieler sehr. Ich fand die einfach ziemlich stark. Die anschließenden Urlaubstage waren sehr schön