Tom arbeitet an seiner To do Liste

Tom frühstückt mit seiner Haushälterin Melinda. Der Frühling will es jetzt wissen. Azurblauer Himmel, Sonnenschein. Die Sonne scheint bis auf den Frühstückstisch hinein und reflektiert auf der großen Kaffekanne und dem Grapefruitglas. Ein Tag wie zum Arbeiten geschaffen. Der Wettprofi geht zielgerichtet von der Frühstückstafel in sein Zimmer. Der Computer wird voller Vorfreude hochgefahren. Tom schaut auf die eingerahmte goldene 10er Liste seines Vaters fürs Wetten an der Wand.

1. Wette nie bei Liebeskummer
2. Leg Deine Wette vorher schriftlich fest
3. Führe Buch über Sieg/Verlust Deiner Engagements
4. Lass Dich nur auf Sportarten ein die Du verstehst
5. Versuche Verluste nie krampfhaft am selben Tag mit überhöhten Einsätzen reinzuholen
6. Bei großen Fußballveranstaltungen gibt es öfters Verlängerungen
7. Lass auch mal eine Wette aus
8. Vergleiche Quoten
9. Hab Deine Emotionen im Griff
10.Das Leben hat noch andere schöne Seiten

Die Liste hat für Tom fast meditativen Charakter. Über Jahre hat sie ihm geholfen in der Branche einer der Experten zu werden, der Gewinne realisiert und Verluste vernünftig eingrenzen kann. Die blauen Augen wandern von der 10er Liste konzentriert auf den Bildschirm. Er schaut schwungvoll auf Wettanbieter.cc.Orientiert sich kurz. Tom hat heute noch eine To do Liste abzuarbeiten. Blick auf den Gewinneingang vom Dortmund Spiel gegen Donezk. Auch der Bayern München Einsatz von Tom für die Meisterschaft soll bereits ausgezahlt werden. Platzieren der Wette Deutschland – Kasachstan in Nürnberg am 26. März. Die Löw Elf hat bei Tom noch einen gut. Stichwort jenes 4:4 gegen Schweden. Sicher geglaubter Gewinn bekam eine Abwärtsbewegung wie sie zur Zeit die TSG Hoffenheim vollführt. Ein guter Test für Regel 5 und 9.

Telefongespräch mit der englischen Videoreporterin Lindsey. Am Wochenende hat sie ihre konzeptionellen Vorstellungen über eine Reportage von Toms Leben als Wettprofi skizziert. Die E-Mail mit dem Anhang war interessante Lektüre. Sie will über einige Wochen an der Seite von Tom den Arbeitsalltag porträtieren, ihm über die Schulter schauen beim setzen der Sportwetten, den Telefongesprächen lauschen, beim Treff mit Journalisten auf dem Viktualienmarkt, der Fachsimpelei mit Scouts, dem Austausch von Trainingseindrücken mit Kiebitzen, der Plauderei von Tom mit befreundeten Jockeys in Restaurants dabei sein. Lindsey macht einen kompetenten und sympathischen Eindruck. Ihre letzte Reportage hat sie über einen derzeit sehr gefragten englischen Bluesmusiker gemacht. Vorher porträtierte sie einen erfolgreichen Jockey. Tom will sich am Freitag festlegen ob er der Videoreportage zustimmt. Er lässt das Telefonat ein wenig sacken.

Da geht langsam die Türklinke herunter.

Melinda bringt Tom den traditionellen Espresso und holt sich das Kopfnicken für die später zu servierenden und mundenden Ananas. Frisch geschnitten. Tom arbeitet weiter konzentriert auf Wettanbieter.cc. Schaut sich die News an. Überlegt. Was ist daran gut für mich? Wie kann ich sofort handeln? Tom mag diese gut aufbereiteten Wettplattformen. Gute Arbeitsgrundlage für Ihn. Quotenvergleich, Statistiktools, Vorschau. Der Espresso mundet wieder. Tom hat heute wieder einen guten Arbeitstag. Die Sonne scheint provozierend in sein Zimmer und erinnert an Regel Nummer 10. Tom wird heute noch ein wenig mit dem Mountain Bike unterwegs sein.  Aber erst die Arbeit dann das Vergnügen. Dabei sind bei Tom die Grenzen fließend. Seine blauen Augen leuchten. Er hat auch für die heute anstehenden Champions-League Spiele seine Engagements getätigt. Seine loyale Haushälterin bringt die Ananas. Es ist 10.21 Uhr. Zeit das große Fenster aufzumachen und die wärmende Sonne ins Zimmer zu lassen.

Der Blick auf den Zwischenstand

Zum obligatorischen Espresso hatte Melinda, Toms Haushälterin, diesmal noch eine Kleinigkeit beigefügt. Aus einer feinen und kleinen Pralinenmanufactur hatte sie handverlesen 6 Kostbarkeiten mitgebracht. Heute gab es Kokostrüffel. In der Beschreibung, die Melinda von der freundlichen Dame in der Confiserie mitbekommen hatte, las sich dies so:

Kokostrüffel. Eine Reise in die Südsee. Vollmilch-Canache mit feinem Kokosgeschmack und leckerem Kokoslikör, eingebettet in zarte Kokosraspeln.

Auf dem kleinen Porzellanteller hatte es auch noch Platz für eine zweite Praline gegeben. Die anderen vier bekommt Tom Dienstag und Mittwoch von Melinda serviert. Er ist ja an seinem PC in Sachen Sportwette immer sehr konzentriert. Für heute hatte die liebenswürdige Haushälterin noch einen Ceylon-Zimttrüffel beigefügt. Der Text war ein Versprechen:

Ceylon-Zimttrüffel. Edler Ceylon-Zimt und etwas aromatischer Jamaikarum geben dieser feinen Vollmilchcanache ihr Aroma. Haselnüsse und Zimt umhüllen dunkle Schokolade.

Tom hatte nicht nur bei der Auswahl der siegbringenden Sportwetten eine glückliche Hand. Melinda hatte er einst aus einer Bewerberschar ausgewählt . Ein Glücksgriff. Doch jetzt tauchte der Wettprofi wieder in seinen Kosmos. Einige Spiele liefen bereits. Zeit für die Zwischenstände. Konzentriert schauen die blauen Augen von Tom auf den Bildschirm gespannt unter Livescore und zufrieden nimmt er die Zwischenergebnisse auf. Alles läuft nach Plan. Später wird es traditionell noch ein paar geschnittene frische Ananas geben, wenn die Türklinke wieder sachte hinunter geht. Solche in den Alltag integrierten Rituale möchte er nicht missen.

Beim 4:2 beschlich Tom ein eigenartiges Gefühl

Selbstverständlich hat Tom auch bereits in seiner langen Laufbahn eine Achterbahn der Ergebnisse mitgemacht. Zwischenstände können erheblich vom Endergebnis abweichen. Erst im vergangenen Herbst. Deutschland gegen Schweden. Eigentlich wieder so ein klares Ergebnis. Sieg auf die Löw-Elf. Tom hatte bei dem Zwischenergebnis von 3:0 das Geld noch nicht auf seinem Konto gesehen. Dafür hatte sein Vater ihm immer eingeimpft, den Schlusspfiff abzuwarten. Doch bei dem 4:0 war Tom guter Dinge. Später kam dann dieser Ibrahimovic zum Torerfolg. Stand 4:1. Tom war die Ruhe in Person.

Als die Löw Truppe förmlich um Gegentore bettelte und es nun bereits 4:2 stand beschlich ihn ein eigenartiges Gefühl. Tom schaute erstmals besorgter auf die Uhr. Irgendwas bahnte sich da vielleicht an. Ein weiterer Blick auf den Zwischenstand gab dann gar ein alarmierendes 4:3 kund. Tom hatte eine dreistellige Summe auf einen Sieg für Deutschland gesetzt. Eigentlich antizyklisch. Denn beim Freundschaftsspiel in Düsseldorf nach der EM gegen Argentinien hatte er gegen die Löw Elf gesetzt und konnte sich auf die Südamerikaner verlassen. Die Gauchos waren nicht zu gefährden. Doch zurück zum Schweden-Spiel. Tom musste beim nächsten Livescore ein 4:4 sehen. In solchen Momenten bekommt Tom seine Emotionen immer sehr schnell in den Griff. Ganz ruhig geht sein Atem. Seine Augen blicken fest. Es gibt dann von ihm keine überhasteten Jetzt-Erst-Recht Wetten.

Tom analysiert dann immer in Ruhe. Mit dieser skandinavischen Effektivität müsste es doch mit dem Teufel hergehen, wenn die Truppe um Ibrahimovic nicht im Spiel gegen England den Sieg davon trägt. So die Gedankengänge im Herbst nach der Berliner 4:4 Nummer. Nun, der Ausgang des Spiels zwischen Schweden und England ist bekannt. Zlatan Ibrahimovic schenkte den Engländern beim 4:2 in Solna alle vier schwedischen Tore ein und zelebrierte einen Hattrick und diesen spektakulären Fallrückzieher aus 25 Metern.

Tom und die Faszination Pferdewette

Nein, er hatte nicht auf den Rücktritt vom Papst gewettet. Tom ist ein seriöser Wettprofi und hält sich an die vom Vater vorgelebten Regeln. Die ersten Stunden auf der Pferderennbahn hatten ihre Spuren hinterlassen. Von dieser prickelnden Atmosphäre kam Tom nie wieder los. Der ehrgeizige und intelligente Sohn wollte es auch nicht. Die Faszination des Turfsports, das ausgucken der Pferde, das setzen auf Sieg oder einen großen Einlauf waren immer wieder eindrucksvoll. Alleine die Stimmung auf der Tribüne. Das Raunen. Die Sprüche.

,,Da kannst Du das Sparbuch drauf setzen. Gidron mit Martin ist unverlierbar“

Champion-Jockey Martin Rölke gewann dann auch. Quote 12:10. Manch einer hatte einen Tausender gesetzt.

,,Bei Regen kannst Du Odin blind wetten.“

Öffnete der Himmel seine Schleusen war Odin, aus dem benachbarten Halle vom Rennstall von Trainerfuchs Jochen Müller angereist, immer eine Bank. Bei tiefen Boden war Odin ein Rennpferd einer anderen Klasse. Unterschied wie Tag und Nacht. Hintergrund war übrigens, dass es auf dem Trainingsgelände bei Trainer Müller oft in der Winterpause Überschwemmung gab. Die Jockeys Angelika Glodde oder Hilmar Kottwitz können ein Lied davon singen.

Schön und mit einem Aha-Effekt im Endergebnis war auch der Spruch:

,,Tauwind kommt aus Pardubice. Er kann das Hürdenrennen hier nicht verlieren.“

Zur Überraschung der Favoritenwetter gewann Jürgen Szydzik mit Tauwind wie er wollte und es gab eine Quote mit einem vernehmlichen Raunen auf der Tribüne. 42:10 für den erst wenige Tage vorher in Pardupice gestarteten Hinderniscrack. Eine verdammt lukrative Sache. Auch für Tom.

Rennkurier in der linken Hand und der Tabaksbeutel für die Eheringe

Dann gab es auf der Tribüne noch eine besondere interessante Gruppe. Sie wirkten immer wie etwas besonderes. Sie adelten förmlich ihr unmittelbares Umfeld. Die Buchmacher in ihrer guten Kleidung mit dem Rennkurier in der linken Hand und dem Tabaksbeutel. Jenes Utensil hatte eine besondere Bewandtnis.

Tom kannte sie alle. Die distinguierten privaten Buchmacher auf der Tribüne im Scheibenholz, ihre Tabaksbeutel, in denen sie Eheringe als Wetteinsatz aufbewahrten. Manch Kunde war halt beim 8. Rennen nicht mehr flüssig. Also wurde der Ehering in Zahlung gegeben. Nicht jedesmal wurde er gleich ausgelöst. Jene Wetter hatten meist ein eigenes Geschäft (Blumenladen, Gaststätte oder Fischladen) und lösten über kurz oder lang meistens ihre Eheringe wieder aus.

Die Bibel auf dem Tisch und Quotenübermittlung aus der Telefonzelle

Die Rennbahn hingegen nur besuchen um zu gucken ohne einen Einsatz zu tätigen ging eigentlich gar nicht. Ein Wochenende ohne Wetteinsatz war ein verlorenes Wochende. Auch Renntage außerhalb des Heimatortes waren keine abstinenten Tage. Nehmen wir Hoppegarten als Beispiel. Jenes Mekka des Pferderennsports. Immer für eine Pferdewette gut. Auch im internetlosen Zeitalter in den Achtzigern.

Tom war oft live dabei in den Leipziger Gaststätten – der Rennkurier war die Bibel auf dem Tisch , sein älterer Kumpel, nennen wir ihn Mark, hatte ihn in die Szene eingeführt und lief dann in den Rennpausen mit Tom zur Telefonzelle um einen Mittelsmann in Hoppegarten anzurufen. Die Ergebnisse des jeweiligen Einlaufs wurden übermittelt sowie dann zeitversetzt die Quoten vom Renngeschehen in Erfahrung zu bringen. Das Zeitalter von Internet, der Handys und Tablets war noch nicht angebrochen. Das Wort Smartphone hätte für ungläubiges verdrehen der Augen gesorgt. Die Geldbeträge wurde dann vom Buchmacher in der Gaststätte Burgkeller an den Kreis der  Wettgewinner ausgezahlt. Jetzt residiert in diesen Räumlichkeiten übrigens der Systemgastronom Alex.

Das Ritual

Doch jetzt schreiben wir das Jahr 2013. Tom ist hochkonzentriert. Er will wieder gewinnen. Sein PC fährt hoch. Die Pferdewetten sind wieder zu setzen. Sein Gesicht ist entspannt. Die blauen Augen nehmen die verschiedenen Buchmacher in Augenschein. Die Form, die unterschiedlichen Rennen, die Quoten. Ein altbekanntes Ritual setzt gleich wieder ein. Seine Haushälterin Melinda bringt ihm nach einem ausgiebigen Frühstück seinen Espresso ins Arbeitszimmer.