Fußball-WM 2014: Meine Tage mit Übungsleiter Löw (2)

Fußball-WM 2014: Meine Tage mit Übungsleiter Löw (2)

Das Auftaktspiel Brasilien gegen Kroatien ist durch. Ist denn bereits Weihnachten gewesen? Das vorzeitige Elfmetergeschenk vom japanischen Schiedsrichter war ja wohl ein Schenkelklopfer. Für die Mannschaft von Niko Kovac hat das Ding natürlich ein Geschmäckle. Ich will jetzt aber keine Verschwörungstheorien in den Raum stellen. Schiris sind Menschen. Menschen machen Fehler. Vizemeister Borussia Dortmund musste dies kürzlich schmerzhaft im DFB-Pokalendspiel gegen Bayern München auch erfahren.

Strittige Elfmeterentscheidungen hat es bei der WM immer gegeben, man frage nach bei den Protagonisten der umstrittenen Strafraumszene in München 1974. Hölzenbein holte einen Elfmeter heraus, der vielleicht gar keiner war. Kürzlich alberte Sepp Maier mit Bernd Hölzenbein und dem ZDF Reporter Voss herum. Der Bayern Keeper attestierte dem ehemaligen Spieler Hölzenbein auch eine Fallsucht in der Bundesliga. Können die Niederländer ihre schnelle 1:0 Führung länger behaupten, wer weiß wie das Endspiel 1974 ausgegangen wäre.Traveler Digital Camera

Heute stehen 3 Partien auf dem Programm, darunter die Finalbegegnung aus dem Jahr 2010 zwischen Spanien und den Niederlande. Die spanische Mannschaft muss an dieser Stelle eigentlich eine Casillas Gedächtnisminute einlegen. Der Weltklassetorwart verhinderte den Treffer von Arjen Robben. Diese vergebene Großchance wird dem sympathischen Stürmer sicher noch oft verfolgt haben. Mexiko trifft auf Kamerun, die kürzlich im Testspiel in Mönchengladbach gegen die Elf von Übungsleiter Löw einen robusten Eindruck hinterließen. Volker Finke erreichte ein 2:2 mit seiner Mannschaft und setzte Akzente. Interessant wird heute auch der Auftritt der südamerikanischen Mannschaft aus Chile gegen Australien. Die Chilenen setzten im Frühjahr der deutschen Mannschaft beim Freundschafstspiel in Stuttgart erheblich zu und werden von einigen Experten als Geheimtipp gehandelt. Australien feierte seine WM-Premiere übrigens vor 40 Jahren mit dem Spiel gegen die DDR bei dem Turnier in der BRD und kreuzten in der Vorgruppe auch die Kräfte mit der chilenischen Mannschaft.

Mexiko – Kamerun

Freitag, 13. Juni, 18.00 Uhr, Natal, im ZDF

Spanien – Niederlande

Freitag, 13. Juni, 21.00 Uhr, Salvador, im ZDF

Chile – Australien

Freitag, 13. Juni, 24.00 Uhr, Cuiaba, im ZDF

Weltmeister gegen dreifachen Vizeweltmeister

Von der Ansetzung her sticht das Spiel in Salvador zwischen Weltmeister Spanien und dem dreifachen Vizeweltmeister Niederlande heraus. Paul Breitner hob diese Woche bei einer Veranstaltung in der Erlebniswelt der Allianz-Arena Spanien auf seinen persönlichen Weltmeisterfavoritenthron. Er spielte ja selbst im Land des aktuellen Titelträgers bei Real Madrid. Die Niederlande haben 2010 Brasilien den Weg versperrt. Es ist immer wieder erstaunlich wieviel fußballerische Kraft das kleine Land entwickelt. Ich freu mich auch auf Louis van Gaal. Er ist ein Trainertyp. Mit Ecken und Kanten. Selbstbewusst bis in die Haarspitzen. Gerne erinnere ich mich an seine Arbeit bei Bayern München in der Saison 2009/2010. Ohne ihn hätten Holger Badstuber und Thomas Müller die WM 2010 nicht live mitgespielt. Seine Bilanz im Premierenjahr war mit dem deutschen Meistertitel, dem DFB-Pokalsieg und dem Einzug in das Finale der Champions-League besser wie die ersten 12 Monate von Pep Guardiola an der Säbener Straße. Im zweiten Jahr gab es dann den Kampf der Alpha-Männchen van Gaal und Hoeneß, den konnte der Niederländer nicht gewinnen.

Volker Finke gefühlte Hundert Jahre in Freiburg

Bei Mexiko gegen Kamerun sehen wir auch einen Trainer, der einst in der Bundesliga seine Spuren hinterlassen hat. Die Rede ist von Volker Finke. Er war gefühlt Hundert Jahre beim SC Freiburg. Aber wie bei Rehagel und Schaaf in Bremen oder Schäfer in Karlsruhe, irgendwann gab es die Trennung. Später das Intermezzo beim 1. FC Köln. Bei Kamerun komme ich in der Retrospektive immer ins Schwärmen, denke sofort an Roger Milla. Er konnte Tore so herrlich fröhlich, schwungvoll feiern und zelebrieren. Fernab jeglicher Hüftsteife. Mexiko war 1970 und 1986 Ausrichter der WM und erlebten die spektakulären Finalspiele Brasilien mit Pele gegen Italien und Argentinien mit Maradona gegen Deutschland. Selber ist ihnen durchaus 2014 ein Überstehen der Gruppenphase zuzutrauen. Die klimatischen Bedingungen werden sie zu meistern wissen. Für ihre Gruppengegner werden sie unangenehm zu bespielen sein. Sie haben immer diese gewisse geistige Hartnäckigkeit gepaart mit körperlicher Robustheit. Vielleicht können sie im Turnier überraschen. Beim Confed Cup vor einem Jahr wusste Mexiko durchaus zu gefallen.

Chile mit Klassespieler Vidal und Potenzial in der Chancenverwertung

Chile wird ebenfalls immer wieder genannt, wenn die Frage nach den möglichen Überraschungen beim WM-Turnier 2014 aufkommt. Wie unangenehm sie zu bespielen sind, sahen die Zuschauer im nicht ausverkauften Stadion in Stuttgart beim Länderspiel gegen Deutschland. Bei besserer Chancenverwertung gewinnen die Chilenen gar das Spiel. Am Ende jedoch verloren sie es eben. Dies ließ dann bei mir durchaus auch die Frage aufkommen: Kann die Mannschaft dieses Manko bis zur WM abstellen? Einige Akteure wie Vidal haben internationale Klasse und Erfahrung. Sie sind durchaus in der Lage die Grußppenphase zu überstehen. Man wird sehen. In Australien hat der deutsche Fußballer Thomas Broich sein Glück gefunden. Doch das Land ist kein klassisches Reiseziel ambitionierter Kicker. Die Nationalmannschaft sollte dennoch nicht unterschätzt werden. Weltmeister Italien hatte auf dem Weg zum Titel im Jahr 2006 seine liebe Mühe mit den Australiern.

Auf Betriebstemperatur sind sportspool.tv, fokus-fussball und Kai Pahl auf allesaussersport.

Sport am Bodensee: 11. MTU-Hallencup 2013 in Friedrichshafen

Was haben die Nationalspieler David Alaba, Thomas Müller, Holger Badstuber (an dieser Stelle die besten Genesungswünsche), Mario Götze, Julian Draxler und Marco Reus gemeinsam? Sie alle eint ein Erlebnis: Die einstige Teilnahme beim MTU-Hallencup am Bodensee. Das U-15 Jugendfußballturnier ist eine renommierte Bühne für zukünftige Profifußballer. Die Veranstaltung hat sich über Jahre einen klangvollen Namen erarbeitet. Klaus Segelbacher, der geschickte und emsige Organisator des MTU-Cups, hat auch für 2013 wieder alle Hebel in Bewegung gesetzt um attraktive Mannschaften nach Friedrichshafen zu holen. Traveler Digital CameraDas Teilnehmerfeld ist erlesen. Spektakulärer Hallenfußball ist angesagt. Die ganz großen Namen sind dabei. FC Barcelona, Manchester United, Arsenal London, Bayern München. Der MTU-Cup hat mittlerweile eine riesige Magnetwirkung erzielt. Das Spiel in der Halle ist schnell, geprägt von ständig wechselnden Spielszenen, technischen Feinheiten und permanenten Schüssen auf das Tor. Gestern beim Training zeigte sich wie schwer es ist den Kasten sauber zu halten. Auch für den Keeper von Manchester United.Traveler Digital CameraTraveler Digital CameraApropos Keeper. Einst machte ein junger und talentierter Torwart beim MTU-Hallencup auf sich aufmerksam. Oliver Baumann. Inzwischen ist er Stammtorwart beim SC Freiburg und hielt unlängst beim 3:0 Auswärtssieg gegen den 1. FC Nürnberg überragend und parierte 12 Bälle. Die Franken sind schier an Oliver Baumann verzweifelt.Traveler Digital CameraDer MTU-Cup ist aus marketingtechnischer Sicht ein Premiumprodukt. Im Vorfeld ist die Marketingtrommel auch kräftig gerührt worden. Die Werbehinweise waren in Friedrichshafen nicht zu übersehen. Ob an der Tankstelle, am Bodensee Center oder in der Karlstraße in der Nähe des Sees. Das schwäbische Meer selbst zeigt sich von seiner stürmischen, schönen und sonnigen Seite.Traveler Digital CameraTraveler Digital CameraTraveler Digital CameraTraveler Digital CameraTraveler Digital CameraDoch wir wollten ja die erwähnten Marketingmaßnahmen an Tankstelle, Bodensee Center und der Karlstraße auch noch ein wenig dokumentieren.Traveler Digital CameraTraveler Digital CameraTraveler Digital Camera

Traveler Digital CameraTraveler Digital CameraTraveler Digital CameraDoch zurück in die Halle. Die Ausgabe 2013 findet in der ZF Arena statt. Jener berühmten Volleyballhalle vom VfB Friedrichshafen. Vor einigen Wochen sah ich mich am 31. Oktober genötigt ein paar Zeilen über die Häfler nach vier Niederlagen am Stück hier auf meinem Blog unter dem Titel Sport am Bodensee: Das scheinbar Unerwartete tritt ein zu schreiben.

,,Vier Niederlagen sind auch ein Härtetest für das Selbstvertrauen der Häfler Volleyballer. Es fehlt der Speed. Doch ich habe großes Vertrauen in Stelian Moculescu. Der erfolgsbesessene Trainer wird die Mannschaft wieder aufrichten und in die Spur bringen. Ein zweites Jahr ohne Titel wird Moculescu nicht zulassen wollen. Gemach, gemach. Die Saison ist noch sehr lang. Die nationalen Konkurrenten kochen auch nur mit Wasser. Einige nehmen gar den Topf vor dem Kochen von der Herdplatte. Vielleicht sind die vier verlorenen Spiele am Stück gar eine heilsame Lektion. Bottrop wird der nächste Prüfstein am 2.11. für die Häfler sein.“

Mein Vertrauen wurde nicht enttäuscht. In Bottrop begann dann eine Siegesserie die bis heute anhält. Die Männer von Kultcoach Stelian Moculescu haben gerade einen bemerkenswerten Lauf. 10 Spiele hintereinander gewonnen.

Ich habe einst selber Hallenfußball gespielt. Mir waren es immer unvergleichliche Erlebnisse. Aber auch als Hallenfußballzuschauer habe ich meine Freude. Es ist wie großes Kino. Es macht einen Heidenspaß den Jungs beim Kicken zuzuschauen. Die Begeisterung in den Gesichtern, die technischen Raffinessen, die Zurufe, das Spiel mit der Bande, die Torwartparaden, die Zweikämpfe auf dem Kunstrasen. Diese pure Lust auf Fußball.Traveler Digital CameraTraveler Digital CameraTraveler Digital CameraTraveler Digital CameraTraveler Digital CameraTraveler Digital CameraTraveler Digital CameraTraveler Digital CameraBei der Jubiläumsausgabe im vergangenen Jahr holte sich übrigens Bayern München erstmalig den Turniersieg beim MTU-Cup gegen den Finalgegner VfB Stuttgart. So zum Abschluss noch eine Prise Leserservice mit folgenden Websitenempfehlungen:

Offizielle Website MTU-Hallencup

Live-Turnier Spielplan mit aktuellen Ergebnissen vom 11. MTU-Hallencup 2013

Wikipedia Eintrag MTU

Der MTU-Hallencup erregt die GemüterBeitrag vom vergangenen Jahr auf schwaebische.de

Zvonimir Soldo beim MTU-Cup Beitrag auf suedkurier.de

Robert Harting erst mit Gold und dann der erwarteten Siegergeste

Der Generalausstatter des deutschen Leichtathletikverbandes dürfte mit der Goldmedaille von Robert Harting einen weiteren Grund gehabt haben die Champagnerkorken knallen zu lassen. Das Logo von Nike kommt durch die emotionale Zerreißprobe des Diskuskönigs immer sehr gut zur Geltung. Markeninszenierung auf ganz hohen Niveau. Dabei dürfte Robert Harting bei seiner Energieleistung im Moskauer Olympiastadion Luschniki durchaus eher mit seinem Körper und der Konkurrenz zu kämpfen gehabt haben. Doch mittlerweile hat er die Siegergeste ähnlich wie Superstar Usain Bolt verinnerlicht. Beide Stile sind unterschiedlich. Robert Harting hat den für ihn authentischen Jubel gewählt. Übrigens hatte Sport Bild mit dem Cover vom Sportkalender  am 2. Januar 2013 irgendwie die richtige Nase.Traveler Digital CameraRobert Harting mit Gold in Moskau. Bayern Münchens Fußballer Thomas Müller mit der Champions-League in Wembley und dem Bonus Triple. Formel 1 Pilot Sebastian Vettel auf WM-Kurs für sich und Red Bull.

Robert Harting vom SCC Berlin ist erfolgreicher Titelverteidiger. Der sehr meinungsstarke Diskusweltmeister auf leichtathletik.de:

,,Der Rücken tut weh und der Beuger nun auch. Die Technik stimmt momentan nicht, also musste ich es mit Biegen und Brechen versuchen. Das ist Hochleistungssport, machen wir uns nichts vor, der Verschleiß ist da. Ich wusste, dass 68,13 Meter nicht gereicht hätten, also musste ich da noch nachlegen, auch wenn es weh tat. Jetzt lege ich mich erstmal auf die Physiobank, aber beim ISTAF bin ich wieder zurück im Ring.“

Am 1. September 2013 ist beim ISTAF eine Premiere geplant. Der Olympiasieger Robert Harting und Paralympics-Sieger Sebastian Dietz wollen im Diskuswettbewerb gemeinsam im Berliner Olympiastadion starten.

Pressespiegel WM zum Spiel Deutschland-Spanien

Die Normalität ist eingetreten. Die spanischen Fußballer  und ihr Trainerfuchs del Bosque haben der Elf von Übungsleiter Löw die Grenzen aufgezeigt. Ein kleiner Blick in den Pressespiegel nach dem Scheitern der Mannschaft im Halbfinale gegen Spanien:

Puyol sein Kopfballtreffer in der 73. Minute brachte die Entscheidung. Die taz titelt Eine große Symphonie des Fußballs und sah nach dem 0:1 folgendes:

,,Die deutsche Maschine war abgestorben. Die Musik wurde ganz leise. Aus einer fußballerischen Symphonie wurde ein Krampfspiel und die Deutschen mussten einsehen, dass gegen eine Mannschaft wie Spanien nichts zu erzwingen ist. Die hohen Bälle in den Strafraum, die am Ende auch Mario Gomez spielte, der für Sami Khedira ins Spiel gekommen war, bedeuteten keine Gefahr.“

Der Tagesspiegel sieht Übungsleiter Löw Nicht am Ende des Wegs, vergleicht Klinsmann mit dem Assistent von 2006 und befindet:

,,Seit vier Jahren trainiert Löw nun das deutsche Team, er weiß um die Erwartungen an das Amt und die Zumutungen, die mit ihm verbunden sind. Während der Halbfinal-Niederlage gegen Spanien konnte man ihm den Druck vom Gesicht ablesen. Ein Bundestrainer von heute ist eine öffentliche Person, bei der selbst die Frage wichtig ist, ob er sich die Haare färbt. Löw, der Fußballfachmann, ist den weichen Themen lange Zeit ausgewichen, vor dem Halbfinale aber hat er vergleichsweise ausführlich über seinen blauen Glückspulli referiert. Löw ist hier längst nicht so verbohrt wie sein Vorgänger Jürgen Klinsmann; er bedient mit einem kleinen Scherz auch mal die Bedürfnisse der Öffentlichkeit nach Unterhaltung.“

Lange hielt Deutschland das 0:0. Die Zeit Online attestiert Spanien Auf der Suche nach den Löchern und dem Torschützen eine bemerkenswerte Hartnäckigkeit:

,,Carles Puyol ist ein hartnäckiger Typ. Das war er schon immer. Es gibt die Geschichte, dass er damals, als er als Nachwuchsfußballer um Aufnahme in die Talentschmiede des großen FC Barcelona bat, immer wieder abgewiesen wurde, und dennoch stets wieder kam. Zu schlecht gehst du mit dem Ball um, sagten die Jugendcoaches, ich will aber doch, sagte Puyol. Irgendwann durfte er dann bleiben, es hat sich gelohnt.“

Die Süddeutsche Zeitung bemerkt die Wucht der Wahrheit und bringt die Personalie Müller ins Spiel:

,,Vielleicht hätte aber auch Müller die Wucht des Ereignisses ergriffen, der Respekt vor dem großen Gegner. Die elf DFB-Spieler auf dem Platz in Durban erinnerten jedenfalls kaum an die breitbrüstigen Energiefußballer aus den erhebenden Siegen gegen England und Argentinien. Die Spanier, die mit sechs Akteuren vom FC Barcelona begannen, zogen ihr dominantes Passspiel auf, sie attackierten die Deutschen im Aufbauspiel und erreichten damit fast während der gesamten 90 Minuten ein Übergewicht.“

Zum Schluß der kleinen Rundreise durch den Pressespiegel kommt die FAZ zu Wort und titelt Vor der Abwehr gefesselt und wirft ein Auge auf Bastian Schweinsteiger: 

,,Es war die Saison, es war bisher auch die Weltmeisterschaft des Bastian Schweinsteiger. Aber es war nicht sein Halbfinale. Im großen Duell der Regisseure ist der Münchner in der zweiten Halbzeit gegen Spanien zum Statisten gemacht worden, während Xavi das Zepter schwang. Als der Chef der Spanier seinem Abwehrchef Carles Puyol den 1:0-Siegtreffer per Ecke auf den Kopf legte, konnte Schweinsteiger nur noch einen deftigen bayrischen Fluch loswerden, für den man keinen Lippenleser benötigte.“

Deutschland gegen Argentinien oder Maradona – ein Grenzgänger zwischen Genie und Wahnsinn. Teil 1

Maradona war ein 100-Megawatt-Kraftwerk mit Sicherungen für zwei bis drei Hof-Laternen. Verrückt ist er nicht – aber die Tassen in seinem Schrank werden weniger. Zuerst zu einem magischen Moment in der Laufbahn von Diego Maradona. 

Rückblick. Ich sehe es sofort wieder vor mir. Sommer. Fußball-WM in Mexiko. Wir schreiben den 22. Juni 1986. Mexiko-City. Das ausverkaufte Aztekenstadion. Im WM Viertelfinale trifft Argentinien auf England. Durch ein unglaubliches Tor mit der Hand Gottes bringt Diego Armando Maradona seine Mannschaft mit 1:0 in Führung. Dann erlebt die Fußballwelt im Hexenkessel die spektakuläre 54. Minute. Hector Enrique spielt einen präzisen Pass auf Maradona. Er nimmt den Ball in der eigenen Spielhälfte an. Mit Ball am Fuß und einer bewunderswerten Leichtigkeit und Zielstrebigkeit läuft Diego in Richtung Shilton Tor. Auf einer Distanz von 60 Metern umkurvt Maradona englische Spieler reihenweise, wie Maria Riesch die Slalomstangen in Vancouver. Die ersten die auf englischer Seite dran glauben müssen sind Glen Hoddle, Peter Reid, Kevin Sansom. Später folgen Terry Butcher sowie Terry Fenwick. Die englischen Fußballer sind Statisten in einem der historisch schillerndsten Augenblicke der Fußballgeschichte. Diego Maradona hat noch einen vor sich. Den englischen Keeper Peter Shilton. Er läßt den Torwart aussteigen und schießt den Ball zum entscheidenden 2:0 für die argentinische Mannschaft ins Tor.  Ein Jahrhunderttor.

Diego Maradona hat als Spieler auf dem Feld alles an Fertigkeiten gehabt. Ein genialer Zauberer. Diego Maradona ist jedoch auch der unberechenbare Mann außerhalb des Platzes. Im richtigen Leben gab es sehr oft entsetzliche Fehltritte und intensive Zweifel an seiner Persönlichkeit. Da sind die Schüsse auf Journalisten mit einer Schrotflinte oder der Dopingskandal bei der WM 94, die Magenverkleinerung und die unsäglichen Bilder mit Fidel Castro , Entziehungskuren, Beschimpfung der Medienvertreter in derber Sprache unterhalb der Gürtellinie. Alleine seine Zeit außerhalb des Platzes in Neapel gibt Stoff für mehrere Verfilmungen.

Jetzt ist Diego Maradona Nationaltrainer von Argentinien. Die faz schreibt im Artikel Patron Diego:

,,Dass Maradona überhaupt in dieses Amt gekommen ist, im Oktober 2008, ist eigentlich eine unglaubliche Geschichte. Noch vor vier Jahren war er als größter Fan der Argentinier durch Deutschland gereist. In den Stadien, die er gemeinsam mit seinen Töchtern besuchte, schwenkte er zu den Toren des Teams sein liebstes Accessoire, das Trikot der „Albiceleste“. Es musste ihm wie ein Sommermärchen in Himmelblau-Weiß vorgekommen sein – bis er vor dem Deutschland-Spiel mit ein paar Ordnern aneinandergeriet und grantelnd das Berliner Olympiastadion verließ. Ohne ihren größten Talisman schieden die Argentinier aus.“

Solche Geschichten wären in Deutschland undenkbar. Ich habe noch ein historisches Dokument aus dem Jahr 1982 bei youtube ausgegraben. Diego Maradona war jung und brauchte das Geld.

Maradona ist der emotionalste Coach beim laufenden WM-Turnier. Wir kennen alle noch die Bilder vom Trainerneuling Jürgen Klinsmann an der Seitenlinie 2006. Der begleitende Film von Sönke Wortmann brachte zudem Einblicke in die Power-Motivationssprüche des polyglotten Individualisten Klinsmann in der Kabine. Was für eine Inszenierung. PR in eigener Sache. Über seine Zeit als Vereinstrainer-Novize bei Bayern München schweige ich jetzt lieber.  Maradona ist stolz auf seinen Job. In der Süddeutschen Zeitung kommt er im Interview zu Wort:

«Natürlich fühle ich mich, als würde ich das Trikot anziehen und auf den Platz gehen. Es ist großartig, sich wie ein Puzzleteil dieses Teams zu fühlen. Ich bin sehr stolz, diesen Moment teilen zu können. Man hat vorher gesagt, als Coach hätte ich keine Ahnung und keine Ideen. Plötzlich gewinne ich vier Spiele. Aber ich habe mich nicht verändert und ich werde auch morgen derselbe sein. Gewinnen fühlt sich immer großartig an, als Spieler, als Trainer.»

Nach dem Mexiko Spiel verlängerte der Grenzgänger zwischen Genie und Wahnsinn eigenmächtig die Pressekonferenz. Gutes Stichwort. Pressekonferenzen sind ja inzwischen eine besondere  Spezialität von Maradona geworden.  

Da gibt es den den Videoausschnitt von der Pressekonferenz vom Länderspiel gegen Deutschland und den Fauxpas Diego Maradonas gegenüber Thomas Müller. Da ist er wieder, der eingangs erwähnte Gedanke an Maradona. Verrückt ist er nicht – aber die Tassen in seinem Schrank werden weniger. Der Hat-Tip geht an den Kaisergrantler

Pressespiegel WM zum Spiel Deutschland – England

Selten sah ich Übungsleiter Löw nach einem Spiel so entspannt. Im ARD TV-Interview mit Jürgen Bergener konnte er sogar lachen. Das war bei seinem Wut-Interview im Fernsehen im Februar ganz anders. So ändern sich die Zeiten. Damals merkte er zu den geplatzten Vertragsverhandlungen mit dem DFB an:

„Ich war über den ganzen Ablauf der letzten Wochen stark verärgert. Weil wir insgesamt ein schlechtes Bild dargestellt haben. Es gab unnötigen Diskussionsstoff. Ein Ultimatum von 48 Stunden. Damit bin ich nicht einverstanden!“

Löw hat immer noch keinen neuen Vertrag. Seine Verhandlungsposition für verschiedene Optionen haben sich mit dem 4:1 gegen England entscheidend verbessert. Erfolgreich an der eigenen Zukunft gebastelt. Mein Kompliment.

Genug der Vorrede, steigen wir in den Pressespiegel zum Spiel Deutschland gegen England ein:

Die Süddeutsche Zeitung bringt eine dpa Meldung vom politischen Parkett:

,,Beim Weltwirtschaftsgipfel in Toronto sind heute während der zweiten Halbzeit des Fußballkrimis Deutschland gegen England zwei Stühle leer geblieben. Bundeskanzlerin Angela Merkel und Großbritanniens Premierminister David Cameron haben sich das WM- Achtelfinalspiel in einem separaten Raum gemeinsam angesehen.“

Die protestantische Pfarrerstochter fand Spiel und Sieg toll und übermittelte Glückwünsche aus Kanada nach Südafrika. 

Bild.de vergisst nicht den Dank an den Schiedsrichter und schreibt:

,,Deutschland demütigt England mit 4:1 und hat auch das verdiente Glück, als Schiri Larrionda (Uruguay) einen klaren Treffer von Lampard nicht gab. Dessen Schuss prallte wie in Wembley 1966 unter die Latte, sprang aber anders als damals deutlich hinter die Linie. Beim Stand von 2:1 wäre es der Ausgleich gewesen…

Danke, Herr Schiedsrichter! „

Welt Online titelt Schiedsrichter bringt England um klares Tor und verweist auf die süße Rache und einen emotionalen Höhepunkt von Uwe Seeler.

,,Rache ist süß: Auf diesen Moment hat Fußball-Deutschland 44 Jahre gewartet, DFB-Ehrenspielführer Uwe Seeler muss es aus seinem Sessel gerissen haben. Im packenden WM-Achtelfinale der deutschen Nationalmannschaft gegen England am Sonntag (4:1) in Bloemfontein sahen die 40.510 Zuschauer im Stadion sowie zig Millionen von Fans vor den Fernsehschirmen praktisch ein „umgekehrtes“ Wembley-Tor.“

Spiegel Online verweist auf kommende Diskussionen ob des nicht gegebenen Ausgleichstreffer der Engländer und erinnert an die starke Leistung des jungen Thomas Müller von Bayern München:

,,So hoch hat Deutschland gegen England noch nie gewonnen. In einem Achtelfinal-Drama siegten Joachim Löws Männer 4:1, Thomas Müller als Star des Spiels traf gleich zweimal – doch ein nicht gegebenes Tor für die Gegner wird noch Diskussionen nach sich ziehen.“

Michael Horeni bindet der Mannschaft in der faz einen besonderen Blumenstrauß zum Sieg gegen den klassischen Fußballkontrahenten von der Insel: 

,,Gestatten, das junge Deutschland: Die Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw hat beim 4:1 im Achtelfinale gegen England einen seiner schönsten Erfolge der vergangenen Jahre erzielt. Der in dieser Höhe ganz unerwartete Erfolg gegen die Meister aus der Premier League mit Rooney, Lampard und Gerard war der Triumph einer spielerisch mitunter vortrefflichen Vorstellung, angereichert mit herrlichen Kombinationen wie man sie von einer deutschen Nationalmannschaft bei Weltmeisterschaften nicht oft erleben durfte.“

Die faz bringt auch einige Reaktionen von der englischen Presse. Unter anderen auch vom Daily Mail:

,,England wird von Deutschland bei der WM gedemütigt (mit viel Hilfe vom Schiedsrichter aus Uruguay)“.

Mirror nennt Müller, die eigene schwache Leistung und den Referee als die entscheidenden Puzzleteile der Niederlage:

„England kracht raus. Three Lions von Deutschland gemüllert – und vom Referee.“

Independent diagnostiziert Herz-Rhytmusstörungen und attestiert England eine farblose Vorstellung:

,,Ein trostloses England erleidet WM-Herzschmerz“

Die Frankfurter Rundschau sieht in Miroslav Klose und Thomas Müller zwei Matchwinner. Klose seine beindruckenden Torzahlen werden ins rechte Licht gerückt:

,,Es war das 50. Tor für Klose in seinem 99. Länderspiel, sein zwölftes Tor bei einer WM. Damit haben nur der Brasilianer Ronaldo (15), Gerd Müller (14) und der Franzose Just Fontaine (13) mehr Tore bei einer Weltmeisterschaft erzielt. Auch in der DFB-internen Rangliste kletterte Klose, der Vielgeschmähte, auf Platz drei, hinter Müller (68) und Joachim Streich (55 für die DDR-Auswahl).“

Bei Thomas Müller wird auf die Spielzeit in der 3. Liga im vergangenen Jahr verwiesen und den Gleichstand in der Torschützenliste bei der WM mit prominenten internationalen Stürmerstars sowie die gemeinsame Auswechslung mit Klose nach getaner Arbeit:

,,Thomas Müller, vor einem Jahr noch in der dritten Liga Fußball spielend bei der Bayen-Amateuren, hat nun bereits sein drittes Tor bei dieser WM erzielt – so viele wie der Argentinier Higuain und der Spanier Villa. Müller wurde zum Mann des Spiels gewählt. Müller und Klose, beide Matchwinner, durften nach 72 Minuten das Feld verlassen – sie hatten ihre Arbeit getan. Sehr gut sogar.“

Nachdenkenswert #50

,,Inter war das entscheidende Quäntchen ausgebuffter als wir. Sie haben ihre Torchancen gnadenlos ausgenutzt. Wir konnten sie nie so zwingend unter Druck setzen, wie wir uns das gewünscht hätten. Aber Inter Mailand ist natürlich auch eine Super-Mannschaft, die Barcelona ausgeschaltet hat. Die kannst du eben nur schlagen, wenn alles passt, und das war heute nicht so. Wenn du gegen die hinten liegst, ist es sehr, sehr schwer. Wenn Thomas Müller den Ball kurz nach der Halbzeit rein macht, wäre wahrscheinlich was gegangen. Aber wenn du den nicht rein machst und dann noch das zweite Tor bekommst, dann wird es extrem schwierig. Aber ich habe schon vor dem Finale gesagt, wir haben eine Super-Saison gespielt und wir sollten uns die Super-Saison jetzt nicht kaputt machen lassen, weil wir das Endspiel verloren haben. Es gibt gar keinen Grund, jetzt die Flügel hängen zu lassen. 2012 findet das Champions-League-Finale in München statt. Es gibt also speziell für die jungen Spieler noch viel zu träumen.“

        Uli Hoeneß, Präsident von Bayern München, auf fcbayern

Ein wenig Statistik darf sein…

Die Meinungen werden die nächsten Tage heftig sein. Jogi Löw kann mit diesem Auftritt seiner Mannschaft nicht zufrieden sein.

Thomas Müller und Toni Kroos debütieren. Michael Ballack schiebt sich an sein 100. Länderspiel ran. Miro Klose zieht im 94 Länderspiel mit Jürgen Croy, dem ehemaligen Zwickauer Nationalkeeper der DDR, in der DFB Statistik der Einsätze gleich. Lukas Podolski bestritt in der bayrischen Landeshauptstadt sein 70. Länderspiel.

Die Fakten des Freundschaftsspiels von München lesen sich so:

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Deutschland – Argentinien 0:1

Deutschland: Adler (Bayer Leverkusen/25 Jahre/9 Länderspiele) – Boateng (Hamburger SV/21/3), Mertesacker (Werder Bremen/25/60), Tasci (VfB Stuttgart/22/10), Lahm (Bayern München/26/64) – Schweinsteiger (München/25/73), von der 75. Minute an Khedira (Stuttgart/22/2), Ballack (FC Chelsea/33/98) – Müller (München/20/1) (67. Minute Kroos/Leverkusen/20/1), Özil (Bremen/21/8) (67. Minute Cacau/Stuttgart/28/5), Podolski (1. FC Köln/24/70) – Klose (München/31/94) (46. Gomez/München (24/32).

Argentinien: Romero (AZ Alkmaar/23/5) – Otamendi (Velez Sarsfield/22/6), Demichelis (Bayern München/29/25) (57. Minute Burdisso/AS Rom (28/28), Samuel (Inter Mailand/31/54), Heinze (Olympique Marseille/31/63) (47. Minute Rodriguez/Estudiantes de la Plata (28/11) – Mascherano (FC Liverpool/25/56) – Verón (Estudiantes de la Plata/34/71) (90. Minute Bolatti (AC Florenz/25/4), Gutiérrez (Newcastle United/26/15), di Maria (Benfica Lissabon/22/7) – Messi (FC Barcelona/22/45), Higuain (Real Madrid/22/4), (62. Tévez (Manchester City/26/53)

Schiedsrichter: Atkinson (England).

Tore: 0:1 Higuain (45.).

Zuschauer: 65 000 ____________________________________________________________