Nachdenkenswert #275

,,Der Fußball muss seine Selbstreinigungskräfte mobilisieren oder sich helfen lassen, denn ich glaube, dass das Maß irgendwann voll ist. Es war schon immer so, dass ab einer gewissen Dekadenz auch große Systeme zerbrochen sind. Dann kippt das und wir gucken vielleicht Handball.“

Perikles Simon, Dopingforscher und Mitglied der Untersuchungskommission zur Aufarbeitung der Doping-Vergangenheit an der Universität Freiburg, im Interview mit dem Tagesspiegel, über das Tabuthema Doping im Profifußball

Brasilien WM 2014: Wenn ein Anwalt seine Wohnung vermietet …

Dieser Tage gibt es verstärkt Texte über Brasilien. Einer meiner Favoriten ist der von Tagesspiegel-Autor Philipp Lichterbeck. Seine originelle und authentische Post vom Zuckerhut kommt gut sortiert an. Seine neueste Geschichte unter dem Titel 100.000 Euro für einen Keller: Wohnungssuche in Zeiten der WM beschäftigt sich mit dem überhitzten Immobilienmarkt im Zeitfenster des Turniers. Neben der Kellerstory plaudert Lichterbeck auch aus dem Nähkästchen in Sachen Preisvorstellung eines Juristen in puncto Zweizimmerwohnung.

,,Ein Bekannter von mir, er ist Anwalt, würde beispielsweise seine 75 Quadratmeter große und ziemlich verwohnte Zweizimmerwohnung mit mir teilen. 1200 Reais im Monat würde mich das kosten, rund 400 Euro. Im WM-Monat aber vermietet er die gesamte Bude für 1000 Reais (330 Euro) am Tag!  Er geht dann auf Reisen. Einen Mieter hat er auch schon gefunden: eine Familie aus England, die offenbar kein Problem damit hat, umgerechnet 10.000 Euro für einen Monat in Rio hinzulegen.“

Welche Gruppe bekam England gleich zugelost? Ach ja, Uruguay, Spanien Italien und Costa Rica. Wenn es dumm läuft ist der Weltmeister von 1966 bereits nach der Vorrunde wieder draußen. Aber es gibt ja dann in den K.o. Spielen sicher attraktive Alternativen für die englische Familie.

Nachdenkenswert #100

,,Der gesamte Spielplan inklusive Anstoßzeiten war auf einen Durchmarsch des heimischen Teams abgestellt. Nun geht die Weltmeisterschaft weiter, auch ohne Deutschland. Neid, deren Vertrag der DFB schon vor der WM verlängert hatte, kann weiterhin keine „Motivationsprobleme“ bei sich und ihrem Team erkennen (und wurde im Fernsehen von der Rücktrittsfrage verschont). WM-Organisationschefin Steffi Jones trauerte im Deutschland-Trikot auf der Fanmeile, als sei sie nicht Gastgeberin für alle Teams,  Ober-Frauenfußballfan Theo Zwanziger tröstete im Stadion jede Spielerin. Dabei waren es die WM-Organisatoren im Verbund mit dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen, die den sonst so sympathisch bescheiden auftretenden Spielerinnen eine überdimensionale WM-Bühne zimmerten und damit die deutsche Frauschaft überforderten.“

Robert Ide, im Tagesspiegel  Artikel Was vom Turnier übrig bleibt

Urs Siegenthaler Interview im Tagesspiegel

In der Flut der täglichen Artikel, Meldungen und Nachrichtenströme rund um die WM 2010 ist mir ein sehr lesenswertes Interview im Tagesspiegel mit dem Chefscout der deutschen Nationalmannschaft, Urs Siegenthaler, fast durch die Lappen gerutscht. Vor dem Halbfinale äußerte er sich unter anderen über die Mentalität der Spanier.

,,Schauen Sie sich deren Mentalität an. Wenn ich Spanien besucht habe, ist mir aufgefallen, dass sie sehr korrekt sind. Ich habe 60-, 70-jährige Leute gesehen, die sich an der Hand halten, sie sind sauber gekleidet, sie mögen das Traditionelle, das Königshaus steht noch im Vordergrund. Auch wenn man einen Stierkampf beobachtet: Da geht es viel um ein Gehabe von Stolz. Sie sind nie unfair. Nehmen Sie den FC Barcelona, da gibt es nie ein Skandalspiel, sie spielen, und wenn sie verlieren, dann gehen sie zum Gegner und sagen: Du, wir waren heute nicht gut drauf. Aber dass da mit gestrecktem Fuß reingegangen wird, das sieht man von Spaniern eigentlich nicht. Für Ausraster sind sie zu stolz und zu selbstkritisch.“

Das Interview mit dem Analytiker aus der Schweiz ist gut investierte Lesezeit. Tiefgründige Gedankengänge über den alltäglichen Fußball-Tellerrand hinaus. Der Hamburger SV kann sich auf seine Dienste freuen.

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