Pressespiegel WM zum Spiel Deutschland – Serbien

Ich war am Abend gegen 18.00 Uhr mit meiner Liebsten noch mit dem Auto unterwegs. Antenne Bayern brachte pünktlich zur achtzehnten Stunde des Tages Nachrichten. Die Stimme aus dem Autoradio klang erregt. Irgendwie eine andere Modulation der Sprache vom Nachrichtensprecher.  

,,Deutschland ist geschockt!“ 

Das waren seine ersten drei Worte. Danach brabbelte der Radiomensch von der Niederlage von Deutschland gegen Serbien in Südafrika bei der Fußball-WM.

Ich kriegte mich fast nicht mehr unter Kontrolle. Es handelte sich um ein verlorenens Fußballspiel von hochbezahlten Berufsfußballern. Was soll diese Nachrichtenaufmache mit -Deutschland ist geschockt-? Ich werde den Sender wechseln.

Wie sah die Presse die 90 minütige Ernüchterung? Ein kleiner Rundblick.

Die Süddeutsche Zeitung wartet mit einem Kommentar von Jürgen Schmieder auf und befindet:

Nun hat die deutsche Elf das zweite Spiel verloren, mit 0:1 gegen Serbien Holger Badstuber wurde nach 77 Minuten mit Verdacht auf Schleudertrauma ausgewechselt, so sehr wurde er vom Serben Milos Krasic umspielt. Es böte sich ein Vergleich von Arne Friedrich mit einem australischen Verteidiger an – und ausgerechnet die von Löw protektierten Klose und Podolski waren bei diesem Spiel aufgrund der Hinausstellung und des vergebenen Strafstoßes die tragischen Protagonisten.“

Gerd Nowakowski legt im Tagesspiegel den Finger in die Wunde und titelt Schock für Fernseh-Patrioten:

,,So viel Überheblichkeit war selten – und das nach nur einem Spiel gegen die doch ziemlich harmlosen Australiern. Von wegen Bodenhaftung, von wegen klaren Blick bewahren. Schweini, Müller und Klose – alles schon Helden. Alle schon so gut wie Weltmeister.“

In der FAZ macht sich Michael Horeni seine Gedanken und titelt Deutschland schlägt sich selbst und spricht Klose nicht frei von Schuld:

,,Schiedsrichter Undiano hat zwar arg übertrieben, in einem nie unfairen Spiel acht Verwarnungen und eine Gelb-Rote Karte zu verteilen. Aber mit seiner Erfahrung hätte Klose wissen müssen, mit welcher Sorte Schiedsrichter er es zu tun hatte.“

Noch drastischer formuliert Aline Häger, Redakteurin bei Sport Bild Online die Personalie Klose und meint:

,,Klose hat sich selbst und seiner Mannschaft viel kaputt gemacht. Er stand nach seinem Bankdrücker-Jahr bei den Bayern im Abseits, war umstritten, holte sich durch seinen Treffer gegen Australien gerade wieder Selbstvertrauen und Anerkennung. Und nun? Nun ist er der Buhmann.“

Andreas Rüttenauer, Sportredakteur der taz, titelt Schönes Wetter, mieser Fußball und vermisst jenes von Übungsleiter Löw so oft angesprochene Spiel ohne Ball:

,,Das Spiel ohne Ball, auf das der Bundestrainer doch so viel wert legt, es war nicht zu sehen. Wie Herrenreiter trabten die Schwarz-weißen über den Platz. Die serbischen Raumverdichter hatten es nicht sonderlich schwer. Die rot gewandeten Fleißkicker liefen beinahe jeden Ball, den ihr Gegner in die Spitze spielte, ab. Dass die Deutschen überhaupt in Rückstand gerieten, lag auch an ihrer mangelnden Bereitschaft, Lücken zu suchen.“

Zum guten Schluss noch ein Blick auf die Freude der Serben. Viola Volland schreibt in der Stuttgarter Zeitung über Jubelnde Serben in Stuttgart:

,,Stuttgart – Rotblauweiße Fahnen auf dem Schlossplatz, lautes Gehupe auf dem Cityring. Dazwischen die dumpfen Vuvuzelatröten. 17.15 Uhr, die Stuttgarter Serben feiern bereits seit fast zwei Stunden den Sieg ihres Teams. „Serbien“, rufen sie wie verrückt aus ihren Autos, als könnten sie ihr Glück immer noch kaum fassen. Wer hätte das vier Stunden zuvor auch gedacht? Viele Stuttgarter Fußballfans haben sich extra frei genommen. Schließlich liegt der Anpfiff zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt: 13.30 Uhr, mitten drin im Arbeitstag. Bisher ist noch kein Politiker auf die Idee gekommen, ein Recht auf WM-Gucken einzuführen.“

Was bleibt am Ende des Tages? Katrin Müller-Hohenstein nötigte Oliver Kahn vor dem Spiel das Versprechen ab, bei einem Sieg der DFB-Elf, die deutsche Nationalhymne auf einer Plastiktröte (unter dem marketingtechnischen Fachbegriff Vuvuzela bekannt) zu spielen. Zum Glück blieb uns dieser musikalische „Genuss“ erspart. Übrigens war Katrin Müller-Hohenstein von 1992 bis 2007 Redakteurin und Moderatorin bei Antenne Bayern, jenem eingangs erwähnten Sender mit der 18.00 Uhr Nachricht – Deutschland ist geschockt! -.

In Sachen Reinhold Beckmann

Südafrika, 2010. Mehmet Scholl und Reinhold Beckmann spielen sich verbal im seriösen Outfit die Bälle zu. Kann sich noch jemand an die Kleiderordnung von Beckmann im Jahr 1990 erinnern? Hier ein Interview mit einem gewissen Franz Beckenbauer nach dem 2:1 Sieg gegen die Niederlande. 

Wie fiel vor 20 Jahren das Echo aus? Gab es Beifallsstürme oder betretenes Schweigen? Der kicker zeichnete den damals 34-Jährigen Reinhold Beckmann für seine Interviews und Reportagen von der Weltmeisterschaft 1990 in Italien  zum ,,Bester Moderator des Jahres“  aus.

Nachdenkenswert #54

Laut südafrikanischen Medien versuchen die Organisatoren verzweifelt, Menschen aus Simbabwe, Malawi, Sambia, Angola und Namibia zu sehr günstigen Bedingungen ins Land zu holen. Sie wollen die Tickets jetzt praktisch verschenken. Südafrikaner, die vor einigen Monaten noch einen ordentlichen Preis für ein Ticket bezahlt haben, werden dann neben jemandem sitzen, der ein Zehntel oder gar nichts für dieselbe Platzkategorie bezahlt hat. Die Fifa machte in Südafrika auch beim Verkauf sehr viele Fehler, wie sie ja selbst zugab.  

Andrew Jennings, Kritker der FIFA und Autor des Buchs Foul,

im Interview mit dem schweizer Wirtschaftsmagazin Bilanz

MORE THAN JUST A GAME

Der leidgeprüfte afrikanische Kontinent ist erstmalig Ausrichter einer Fußballweltmeisterschaft. Südafrika wird die Schlagzeilen in den nächsten Wochen bestimmen. Ich war 13 Jahre alt und im Fernsehen in den Nachrichten wurden Bilder vom blutigen Aufstand von Soweto im Jahr 1976 gezeigt. In dem Jahr gab es auch Olympische Sommerspiele in Montreal. Die Nichtteilnahme von 16 afrikanischen Ländern an den Olympischen Sommerspielen hatte ihren Grund in der Reise der Rugby Nationalmannschaft von Neuseeland im Apartheidregime Südafrika. 

Südafrika war international geächtet. Ein Schmuddelkind auf der internationalen Politlandkarte. Simon Anholt sagte in der brand eins 10/2009 folgende interessante Sätze:

,,Südafrika war das Land der Apartheid, eine Paria-Nation. Ich wurde noch so erzogen, dass man Obst von dort nicht kaufen soll. In den vergangenen Jahren hat sich Südafrika dann plötzlich zur ,,Regenbogen-Nation“ gewandelt, die Fußball-Weltmeisterschaft wird dort ausgetragen, das Land hat – mit Einschränkungen – heute ein gutes Image. Das liegt aber nicht daran, dass sein Fremdenverkehrsamt so tolle Werbung gemacht hat, sondern dass Nelson Mandela freikam, eine innovative Verfassung installiert wurde, die Korruption zurückging, die Wirtschaft wuchs – kurz: Südafrika wurde ein besserer Ort.“ 

Der 1961 geborene Simon Anholt hat Anthropologie und Linguistik in Oxford studiert. Anholt berät Länder- und Stadtregierungen in über 40 Staaten. Mit den Marktforschern von GfK Custom Research erstellt er jährlich drei Studien: den Nation Brands Index, den City Brands Index und den State Brands Index.

Das Image von Südafrika wird auch durch die WM geprägt werden. Es ist das mediale Ereignis in den nächsten 4 Wochen. Dabei ist die Gefahr der Substratsättigung groß. Die elementaren Probleme der Bevölkerung in Südafrika werden bleiben.   

Nachdenkenswert #53

,,Ja, auf jeden Fall. Es bestehen zu viele Vorurteile gegenüber dem Kontinent Afrika. Es ist eben ein Kontinent und kein einheitliches Land. 
1992 tobte auf dem Balkan der Krieg, im 2.000 km entfernten Schweden fand aber dennoch gleichzeitig die Fußball-EM statt. Es machte sich keiner Sorgen um die Sicherheit. Im Januar wird in Angola ein Anschlag auf die togolesische Nationalmannschaft verübt und die 2.000 km entfernte WM wird in Frage gestellt.
Die Stadien sind bereits jetzt fertig, übrigens eher als die Arenen zur WM 1990 in Italien fertig gestellt waren, die Infrastruktur steht, Südafrika wird während der WM in einen Überwachungsstaat verwandelt.
Meine Gründe nicht zur WM zu fahren sind die hohen Hotelpreise, nicht aber Sicherheitsbedenken. Zugegeben, der Vorverkauf der Karten läuft schleppend. Aber man darf das nicht mit der Euphorie von 2006 vergleichen.  Auch für die WM in Japan und Südkorea wurden nur wenige tausend Tickets verkauft. Ich hoffe, dass Südafrika die Chance nutzt und mit einigen Vorurteilen gegenüber dem Kontinent aufräumen kann.“

             Marc Hankmann, Journalist, im sportinsider Interview

Noch 10 Tage bis zur Fußball-WM in Südafrika

Noch 10 Tage bis zum Beginn der fußballerischen Leibesübungen in Südafrika. Wie sehen die deutschen Eliteblogger mit dem Herzblut Bayern München und fundierten Fußballsachverstand die Dinge? Ein kleiner Streifzug:

Auf Breitnigge gibt es die Sympathie für die Mannschaft mit den zwei Vizeweltmeistertiteln aus den Jahren 74 und 78. Die holländische Begründung ist für jeden Bayern München Fan eigentlich einleuchtend:

,,Ein bärenstarker Kapitän, ein Trainer, der uns nach Jahrzehnten endlich den Fußball gebracht hat, den wir zuvor immer nur bei anderen bewundern durften und ein Flügelflitzer, der in Deutschland und vielleicht auch in Europa auf der Liste der potentiellen Fußballer des Jahres weit oben stehen dürfte.“

Der Kaisergrantler sieht den Weltmeistertitel genauso weit weg wie ich.  Die unendliche Geschichte von Pleiten, Pech und Pannen gibt es bei ihm in Kurzfassung:

,,Ist eigentlich irgendwas glatt gelaufen in der Vorbereitung zu dieser WM? Das Gerede um Löw´s Vertrag, das Theater mit Frings und Kuranyi, der Ausfall von Adler, der Ausfall von Ballack, der Ausfall von Träsch (inzwischen weiß ich auch wie der aussieht). Wurde schon mal eine Mannschaft Weltmeister, die so eine Vorbereitung hatte? Ich behaupte, nö! Schade, Deutschland.“

Fernglas FCB erinnert an die unsäglichen Werbefeldzüge in diversen bundesrepublikanischen Einkaufszonen und kann sich einer etwaigen Sympathie für Holland auch nicht entziehen:

,,Der nationale Taumel der 2006-er WM ist nicht reproduzierbar, obwohl sich die Werbewelt alle Mühe gibt, unsere Einkaufszentren in schwarz-rot-gold zu ersticken. Ist mir alles zuviel. Ich schaue mich schon nach einer Alternativ-Nation um, die ich supporten könnte. Leider sind die Schotten nicht dabei, wenngleich man nicht viel Freude an deren Rumpel-Fußball hätte. Wie wäre es mit der Niederlande? Immerhin ist mein Klub nun beinahe schon orange.“

Mingablog setzt sich kritisch mit der Vereinnahmung des Fußballs und der inszenierten Sommermärchen Geschichte auseinander:

Vor zwei Jahren waren „Vuvuzelas“ unbekannt, sie gehörten zur afrikanischen Tradition und es hat sich in Europa kein Schwein dafür interessiert. Jetzt sieht, und was noch viel schlimmer ist, hört man sie überall. Sie haben nichts mit unserer Fankultur zu tun. Sie haben nichts mit Bayern zu tun. Aber sie sind halt hip, weil Fußball hip ist. Hip seit 2006, als uns der größte Blender der Nation – der vor einem Jahr bei uns gezeigt hat wie „gut“ er wirklich ist – zu einem Sommermärchen verholfen hat das sich mehr und mehr als Albtraum entpuppt.“

Meine Liebste spricht in dem Zusammenhang des inszenierten WM-Fieber etc. auch gerne von Substratsättigung. Dazu kommt eine nicht gerade überbordende Begeisterung gegenüber Übungsleiter Löw. Ich habe meine erste WM als 11-Jähriger damals mit meinem Vater in der Max Schmeling Villa erlebt. Es war ein prägendes und emotionales Erlebnis. Manchmal hänge ich dieser Zeit etwas wehmütig nach.

Sponsorspiegel 07.04.10

In 64 Tagen wird in Südafrika die Fußball-Weltmeisterschaft 2010 eröffnet. Am 11. Juni stehen sich Südafrika und Mexiko im Eröffnungsspiel gegenüber. Das Millionenspiel kann dann beginnen. Die FIFA vermeldet auf Ihrer Website den aktuellen Stand der Sponsoren. Dem illustren Kreis gehören folgende Unternehmen an:

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FIFA Partner

Adidas

Coca-Cola

Emirates

Hyundai Kia Motors

Sony

Visa

WM-Sponsoren

Budweiser

Castrol

Continental

McDonald’s

MTN

Mahindra Satyam

Yingli Solar

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Wer sich nochmals einen kleinen Rückblick auf die TV-Daten der Fußball-WM 2006 verschaffen will, sieht die immense weltweite Aufmerksamkeit.

In der ganzen Welt belief sich die kumulierte Zuschauerzahl auf 26,29 Mrd. Menschen. Auf dem europäischen Kontinent verfolgten 5,33 Mrd. Menschen die Übertragungen. Deutschland und Italien werden mit je 31,5% aufgeführt. 17.301 Stunden von der Fussball-WM 2006 wurden in Afrika ausgestrahlt. Dies waren 131,5% Steigerung gegenüber 2002.

Der Kampf um die Aufmerksamkeit der Konsumenten wird auch 2010 wieder mit jeglicher Intensität geführt werden. 

2010

© S.Hofschlaeger: Pixelio

Bei den oben aufgeführten FIFA Partnern und WM-Sponsoren habe ich auch schon die eine oder andere D-Mark bzw. den einen oder anderen Euro bezahlt. Ich habe in meinem Leben bereits Adidas Schuhe gekauft und bin damit gejoggt. Okay, Puma und Nike habe ich auch schon getragen. Coca-Cola habe ich auch bereits getrunken. Mit 16 hatte ich meinen ersten Sony Walkman. Eine ganz feine Sache. Castrol Motorenöl habe ich an der Tankstelle auch schon gekauft. Continental Reifen sind aktuell auf meinem Auto drauf. Meine Liebste hat seit Jahren eine Visa Card. Ja, wir waren auch bereits mehrfach bei McDonald’s.  Speed Imbiß für zwischendurch.

Büroarbeitstag während der Olympiade

08:35 Mantel im Büro aufgehangen. E-Mail Eingang checken. 

08:45 Kollegen an gewonnene Sportwette auf Biathlonsieg erinnern

08:50 Ersten Kaffee im Büro trinken, Rosinenbrötchen tunken

09:30 Konferenz. Kollegen an ausstehenden Wetteinsatz erinnern

10:00 Zurück im Büro. Ablage. Blick auf eurosport.yahoo und sport1

11:15  Zweites Frühstück mit Kollegen T. Austausch über Vancouver

11:45 Kantine. Vancouver Diskussion fortsetzen

12:40 Eiligen Außentermin vorschützen: schnell mal rüber zu Kaufhof

13:45 Beim Bereichsleiter Sorge über Zustand von T. äußern

14:30 Am Drucker Powerpoint-Präsentation der Kollegin R. abgreifen

14:55 Druckerpapier und Textmarker Stabilo für daheim einstecken

15:15 All-inclusive-Angebote für Südafrika checken

15:40 Präsentation von R. unter eigenem Namen der Zentrale senden

16:10 Auszubildenden (1860 Fan) im Großraumbüro hochnehmen

16:20 Die Bundesligawettgelder von den Kollegen einsammeln

17:10 Endlich Feierabend. In der Tiefgarage auf Bereichsleiter warten:

             ,,So spät noch?“

17:50 Von der Frau wegen aufreibenden Bürotag bedauern lassen