Nachdenkenswert #324

,,Man kann dem Spiegel Fragen stellen. Etwa ob er zu laut geklappert, also die Story überverkauft hat. Vielleicht ist an der einen oder anderen Stelle auch Bluff im Spiel. Die Textstelle mit der angeblichen Handschrift Niersbachs lässt tatsächlich offen, warum sich die Redakteure so sicher sind.

Aber unstrittig sind auch die neuen Fakten der Story. In dem Artikel stehen Kontonummern, Zahlungen, das Zweitkonto der Fifa, der Name Robert Louis-Dreyfus. Ebenso unstrittig wie mysteriös ist das Herumlavieren des DFB, ob und wann er oder sein Präsident von der Zahlung wussten. An diesen Fragen ändern die vielen Nebelkerzen der DFB-Freunde nichts, das Land wartet auf Antworten.“

Oliver Fritsch, deutscher Fußballinternetpionier und Gründer der Videoplattform Hartplatzhelden, beschäftigt sich gewohnt stark in der Analyse auf Zeit Online mit dem Konter des Establishments und der heftigen medialen Auseinandersetzung.  

Mentale Einstimmung auf die Tour de France 2011

Nein, heute wird kein Tatort geschaut. Ich mag nicht. Zeit Online titelt Gefangen im Klischee und beschäftigt sich mit dem Krimi zur 20.15 Uhr Prime Time zum Thema Frauenfußball und wagt auch einen Rückblick:

,,Eigentlich undenkbar in Zeiten der „schönsten WM aller Zeiten“ 2011: Als Kind durfte Tatort-Kommissarin Ulrike Folkerts in einem Dorf bei Kassel noch in keinem Verein spielen.“

Der Fernseher bleibt heute Abend aus. Dabei mag ich das Ermittlerduo Folkerts und Hoppe. Doch mir wird das Frauenfußball Thema einfach zu laut, zu marktschreierisch, zu nervend, mit dieser einfach unsensibel angeschmissenen Marketingmaschinerie angeboten. Ich muss leider ablehnen.

 Stattdessen wird es noch ein wenig mentale Einstimmung auf die Tour de France geben. Ich werde mir noch einige spektakuläre Interviews zu Gemüte führen. Da fällt mir doch das Frage-Antwort Spiel zwischen Matthias Dell und Filmemacher Pepe Danquart sowie Theatermacher René Pollesch auf Der Freitag aus dem Jahr 2009 ein. Legendär. Dieses Interview hat einfach Charme. Alleine der Einstieg in das Gespräch:

Pepe Danquart (kommt etwas später): ,,Entschuldigung, ich musste noch die Etappe zu Ende gucken.“

Danquart, Macher des Films Höllentour   im weiteren Verlauf des Interviews zur Tour de France und einstweiliger Sehgewohnheit während der Frankreichrundfahrt:

,,Das stimmt. Ich hab‘s eine Weile nicht mehr angeguckt. Die Deutschen haben so eine Art, was sie machen, richtig zu machen, und wenn sie gegen Doping sind, dann so, dass man‘s nicht mehr ertragen kann. Das war eine richtige Hysterie. Wobei ich mich dann immer frage, warum Langstreckendistanzen bei Olympia übertragen werden. Oder Wintersport. Eisschnelllauf.“

Nach dem erneuten intensiven Lesen des Interview ist meine mentale Einstimmung auf den 2. Juli 2011 jedoch noch nicht beendet. Ich brauch jetzt noch eine Prise philosophisches zur Tour. Da gibt es ja noch jenes Spiegel Interview mit Hobbyradler und Philosoph Peter Sloterdijk unter dem Titel Hundsgewöhnliche Proletarier aus dem Jahr 2008. Lance Armstrong wird aus dem proletarischen Basislager herausgenommen und bekommt folgende Worte zu lesen:

,,Etwas in dieser Art, ja. Da soll ein numinoser Sprung passieren, wie man es zuletzt 2003 an Lance Armstrong auf der Pyrenäenetappe nach Luz Ardiden beobachten konnte, als sein Lenker bei einem Anstieg in der Plastiktüte eines Zuschauers hängenblieb, so dass er stürzte, elf Kilometer vor dem Ziel. Daraufhin geschah das, was Barthes ein halbes Jahrhundert zuvor den „Jump“ genannt hatte. Ein plötzlicher Energiestoß, der Armstrong erlaubte, mit dem Zorn des Achilles noch einmal anzugreifen. Der trieb ihn zum Gipfel und an allen Konkurrenten vorbei.“

Lance Armstrong wird dieses Jahr nicht mehr an den Start gehen. Sein Comeback hat einst für Schlagzeilen gesorgt. Der Teamkollege von 2009, Alberto Contador, geht jedoch auch munter 2011 an den Start. Die Kritik vom ehemaligen Gerolsteiner Radsport-Teamchef Michael Holczer am erneuten Start von A.C. (bei Spox nachzulesen) wird den Spanier nicht tangieren. Contador geht da unbeirrt seinen eigenen Weg. Die Geschichte mit dem Fleisch wird aus seiner Sicht wohl auch total überbewertet.

Die Tour braucht natürlich wieder Helden und Wasserträger. Es gehen ja wieder die zwei Schleck Brüder an den Start. Im Leopard Trek Team stehen mittlerweile mit Linus Gerdemann, Fabian Wegmann, Jens Voigt, Robert Wagner und Dominic Klemme 5 Deutsche unter Vertrag. Weitere Mitglieder im illustren Kreis des luxemburgischen Teams sind Fabian Cancellara oder Stuart O’Grady. Hier geht es zur kompletten Mannschaft auf wikipedia.

Zum Abschluss zieh ich mir auch nochmals das damalige Sonntagsinterview vom Tagesspiegel mit Jörg Jaksche unter dem Titel „Am Ende war ich der Idiot“ rein und schau kurz dabei aus dem Fenster in die phantastische Landschaft am Bodensee. Jaksche prägnant:

,,Diese ganzen Schreihälse, die gerufen haben: der Ullrich, der Ivan Basso, der Jaksche – auf den Scheiterhaufen mit ihnen, verbrennt sie! Die waren mir schon immer zuwider. Der selbst gedopte Bjarne Riis hat viermal am Tag gesagt, der Basso ist für mich wie ein Bruder, und plötzlich war er ganz enttäuscht, als Basso erwischt wurde.“

Enttäuschung. Ein großes Wort. Enttäuschung ist auch immer das Ende der Täuschung. 

Nachdenkenswert #64

,,Rolf Aldag wurde im vergangenen Jahr mit einem Bonmot zitiert: Man sollte diesmal den letzten drei die Medaillen geben. Das drückt eine ziemlich tiefe Einsicht in die moralische Situation der Tour aus. Nur: Wenn die Letzten die Ersten sein sollen, dann treiben wir nicht mehr Sport, sondern eine Barmherzigkeitsübung. Aus Niederlagen Siege zu machen ist und bleibt eine kulturell unwahrscheinliche Operation. In Italien hat man die Bestrebungen der Deutschen mit einem maoistischen Umerziehungslager verglichen, durch das die geständigen Fahrer hindurchgegangen seien.“

       Peter Sloterdijk, Philosoph + Hobbyradfahrer, im Spiegel

       Interview  ,,Hundsgewöhnliche Proletarier“ im Juli 2008

       über den Zauber der Tour de France, die Profanität des

       Dopings und die zerstörerische Kraft dänischer Nihilisten.

Spiegel Interview mit Magnus Carlsen

Der Spiegel hatte in der vergangenen Woche das Interview mit dem Schachgenie und Blitzschachweltmeister Magnus Carlsen in der Printausgabe gebracht.

Der Journalist und Internationale Meister Stefan Löffler hatte auf seinem Schachblog vorige Woche auf die englische Übersetzung von chessbase verwiesen.

 Das Interview mit Magnus Carlsen ist jetzt auch bei Spiegel Online auf deutsch zu lesen. Bei den Klickstrecken hatte sich der Fehlerteufel eingeschlichen.

Der Spiegel-Leser Collini bemerkt dazu an:

,, Lieber SPIEGEL,

Magnus Carlsen ist NICHT Schachweltmeister – wie in der Fotostrecke mehrmals fälschlich behauptet. Er ist die Nummer 1 der FIDE-Weltrangliste. Weltmeister ist nach wie vor Visvanathan Anand aus Indien.

Was waren das doch für schöne Zeiten, als die SPIEGEL-Artikel über Schach von Redakteuren geschrieben wurden, die sich in der Materie auskannten …

Gruß,
Collini „

So ist es. Schachweltmeister ist immer noch Anand. 
Das Interview selber liest sich gut. Magnus Carlsen hat die Bodenhaftung nicht verloren. Er ist sehr gut geerdet. Ich sehe in ihm den zukünftigen Schachweltmeister. Zu seinem Erfolg verweist er auch auf den Umstand der zur Verfügung stehenden Information und die Zusammenarbeit mit dem „Bruder“ Computer.
,,Ich sage ja nicht, dass ich total dumm bin. Mein Erfolg hat allerdings hauptsächlich damit zu tun, dass ich die Möglichkeit hatte, schneller mehr zu lernen. Es ist leichter geworden, an Informationen zu gelangen. Die Spieler aus der Sowjetunion hatten früher einen enormen Vorteil, ihnen stand in Moskau ein riesiges Archiv zur Verfügung, da waren unzählige Partien sorgfältig auf Karteikarten notiert. Heute kann sich jeder diese Daten für 150 Euro auf DVD kaufen, auf einer Scheibe sind 4,5 Millionen Partien gespeichert. Es gibt auch mehr Bücher als früher. Und dann habe ich natürlich eher angefangen, mit dem Computer zu arbeiten als Wladimir Kramnik oder Viswanathan Anand.“ 
 
Das Alter der ersten intensiven Vorbereitungen mit dem Rechner gibt Carlsen mit 11 bis 12 Jahren an. Er sagt auch noch einen bemerkenswerten Satz, der einen aufhorchen lässt: 
,,Schach darf keine Obsession werden. Sonst besteht die Gefahr, dass man in eine Parallelwelt abrutscht, dass man den Bezug zur Realität verliert, sich verirrt im unendlichen Kosmos des Spiels.“
 
Ich verfolge die Laufbahn von Carlsen seit einigen Jahren. Er wird ja gerne als Wunderkind bezeichnet. Im Interview kommt der 19-Jährige Norweger sehr normal und in der realen Welt gut verankert rüber. Die Zukunft hält sicher noch einige Lektionen für ihn bereit. Der Mediendruck wird zunehmen. Er wird auch verstärkt von seinen Schachkonkurrenten gejagt werden. Bange ist mir dabei um Magnus Carlsen nicht.
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