Schacholympiade Istanbul im Rückblick

Die Schachnation Armenien ruht sich nicht auf ihren Lorbeeren aus. Ihr Sieg bei der Schacholympiade in Istanbul bei den Männern ist die Fortsezung der Erfolge von 2006 und 2008. Drei Goldmedaillen im Zeitraum von 6 Jahren ist beachtlich. Der eine oder andere Schachfreund wird sich fragen: Was ist mit der großen Schachnation Russland los? Nun, im chessbase Interview mit Weltmeister Anatoli Karpow bringt Dagobert Kohlmeyer einige Puzzleteile für eine Antwort zusammen. 2002 gelang Russland mit Garri Kasparow letztmalig der Sieg bei der Schacholympiade. So eine Persönlichkeit wird schmerzhaft vermisst:

,,So etwas macht den Unterschied. Es fehlt eine Führungsfigur. Zu unserer Zeit war das anders. Da zählte nur der Sieg, etwas anderes kam gar nicht in Frage. Neben dem schachlichen Können braucht es Persönlichkeiten, richtige Leader, die das Team entsprechend anführen und motivieren. So etwas vermisse ich seit vielen Jahren.“

Oh ja, Garri Kasparow vermisse ich auch. Das Schach ist durch seinen Abschied von der aktiven Laufbahn am Brett ärmer geworden. Auffallend im Interview mit Karpow ist auch der mehrfach angesprochene fehlende Teamgeist im russischen Team.

Doch nun zu den unsrigen. Der amtierende Europameister Deutschland (Nein, kein Schreibfehler) kam nicht in die Top Ten. Sie belegten einen achtbaren 12. Platz und machten das Debakel von Sibirien vor 2 Jahren damit vergessen. Mehr Schachförderung, professionelles Sponsoring für die Spitzenspieler, Schaffung von Rahmenbedingungen für Spitzenleistungen werden in Deutschland immer wieder angemahnt. Die meisten Spieler haben Nebenschauplätze. Müssen berufliche Alternativen prüfen bzw. investieren da schon nicht unerhelbliche Zeit. Deutschland ist keine Schachnation. Schade eigentlich.

Die deutschen Frauen kamen ebenfalls nicht in die Top Ten und belegten am Ende Platz 11. Auch dies keine Überraschung. Für die Schachspielerinnen aus Deutschland sind die Rahmenbedingungen für professionelles Schach ebenfalls schwierig. Nicht umsonst trainiert Elisabeth Pähtz türkische Schachtalente. Die Thueringer-Allgemeine schreibt:

,,Enttäuscht zeigt sich die Nachwuchs-Weltmeisterin von 2002 und 2005 aber schon vom Deutschen Schachbund. Bis auf eine „Sonderförderung als Zwölfjährige“ habe sie nie viel erhalten. Die Honorare „wurden zwar zuletzt angehoben“, räumt die Tochter von Großmeister und Trainer Thomas Pähtz ein. Doch ansonsten hätten Privatsponsoren überwiegend für ihre Förderung gesorgt. Obwohl sie schon als Kind beim Duell Garri Kasparow gegen den „Rest der Welt“ mit Zugvorschlägen half und für Aufsehen sorgte, reichte es mangels Unterstützung nicht zur ganz großen Karriere.“

Wer beide Endtabellen nochmals in Ruhe studieren will, erhält jetzt einen kleinen Verlinkungsservice von mir. Hier geht es zur Tabelle der Männer. Die Tabelle der Frauen gibt es hier in der kompletten Übersicht. Bei den Frauen siegten die Schachspielerinnen aus Russland hauchdünn vor China.

Zwei große Schachspieler fehlten bei der Olympiade in Istanbul. Magnus Carlsen und Schachweltmeister Viswanathan Anand. Auch schade. Das fernbleiben von Anand hat Tradition. Der junge Carlsen legte dieses Jahr eine Pause ein.

Delling wünscht sich Pluralität in den Medien

Grimme-Preis Träger Gerhard Delling zeigt gutes Zeitmanagement. Neben seiner Tätigkeit im deutschen Fernsehen hat er auch noch die Kapazität für ein Buch. 50 Jahre Bundesliga – Wie ich sie erlebte sind im Verlag Die Werkstatt erschienen. Smarte 480 Seiten und ein Preis knapp unter der 25 Euro Grenze. 24,90 Euro sind für den interessierten Käufer zu entrichten. Im besten Fall wird so ein Buch auch kräftig promotet. Da macht sich ein Interview zur rechten Zeit im Südkurier gut. Dort äußert Gerhard Delling sehr kluge Gedanken. Eine Aussage würde ich sofort unterschreiben:

,,Ich empfinde es generell als Verarmung der Gesellschaft, alles was ohnehin angesagt ist, noch zusätzlich zu exponieren; das gilt ja nicht nur in Sachen Fußball. Aber das ist kein neues Phänomen: Nach Gründung der Bundesliga haben die Tageszeitungen ganz schnell ihre Fußballberichterstattung ausgeweitet. Ich war immer Fußballer, habe mich aber genauso für die meisten anderen Sportarten interessiert. Ich bin daher ein Verfechter größtmöglicher Pluralität, aber die geht in den meisten Medien immer mehr zurück.“

Also dann will ich heute meinen kleinen bescheidenen Beitrag zur Pluralität beitragen. Es lohnt ein Blick auf das Blog Abenteuer Sport  von Stefan Nestler. Er beschäftigt sich mit der Entzündung des paralympischen Bergfeuers, gibt einen Einblick in die britische Geschichte des Alpinismus und bringt ein bemerkenswertes Zitat von Sebastian Coe.

Wer einen Blick hinter die Kulissen des deutschen Rugbyverbandes und der Odyssee um finanzielle Förderung und der Rolle des Innenministeriums werfen will, ist beim WAZ Rechercheblog goldrichtig. Daniel Drepper und Niklas Schenck haben dies in akribischer Kleinarbeit lesenswert und sehr nachdenkenswert aufbereitet.

Chesstigers ist einer meiner Lieblingsseiten. Sie beschäftigen sich mit dem Fall Garri Kasparow und haben auch zwei Updates zur Entwicklung des Geschehens in Moskau unter dem Titel: Bissiger oder unschuldiger Weltmeister?

Im von mir heißgeliebten Schach steht der nächste Jahreshöhepunkt an. Die Schacholympiade in Istanbul ist angerichtet. Der Deutsche Schachbund bringt ein Interview  mit Daniel Fridman. Die deutschen Schachspieler dürften ohne Probleme das Ergebnis der problembeladenen Teilnahme an der Schacholympiade 2010 in Sibirien übertreffen. Damals trat das Schachteam aus Deutschland mit der B-Mannschaft an. Die lieben Moneten. Deutschland lief unter ferner liefen ein. Mein Daumen schmerzte tagelang, weil ich beim scrollen nach dem Tabellenplatz ewig lange brauchte. Schachfreunde und treue Leser meines Blogs werden sich noch daran erinnern. Ich wärme die Sache jetzt aber nicht weiter auf. Geht ans Brett und spielt´s.