Die Passion

Schachbuchverleger Jens-Erik Rudolph gibt nicht nur lesenswerte Schachklassiker heraus. Er hat auch einen historischen Stoff aus der Welt des Pokers verlegt. Poker – Ein Spielerroman von Edmund Edel. Hier geht es zu einer kleinen Leseprobe entlang. Kapitel 14: Damenpoker. Dabei haben die Damen jeweils ihren individuellen Glücksbringer mit dabei:

,,Alle Damen machten unwillkürlich dieselben Bewegungen. Alle suchten nach ihrem Fetisch, nach ihrem Glücksbringer. Jede hatte irgendein Amulett. Die eine einen alten Pfennig, die andere eine Fischgräte, die dritte ein schmutziges Zehnpfennigstück mit der Zahl 1907. Von diesen trennten sie sich nicht, und an ihre Wirkung glaubten sie fest und heilig. Sie lagen zwischen den Jetons oder dicht bei der Leder- oder Goldtasche oder zwischen der Puderquaste und dem Handspiegel, zwischen all den Kleinigkeiten, die jede Spielerin vor sich auf dem Tisch hatte. Das Spiel ging weiter. Die Degendorf aber war ganz still geworden.“

Die Erstausgabe erschien 1912 und wurde 1928 unter dem Titel ,,Wenn die Mutter mit der Tochter…“ verfilmt. Wer sich weiter in den Spielerroman vertiefen will findet hier beim Rudolph Verlag alle relevanten Infos zum 176 Seiten umfassenden Buch.

Die Faszination Poker ist keine Erscheinung der Neuzeit. Der Londoner Spieleexperte und Buchautor David Parlett hat in seinem Klassiker Oxford Guide to Card Games auch die historischen Wurzeln von Poker freigelegt. Eine starke Verbreitung fand das Spiel in der Mitte des 19. Jahrhunderts im Westen der Vereinigten Staaten von Amerika. Damals waren Fernsehen, Computer, Internet und Co. noch nicht am Horizont zu sehen. Parlett selber ist übrigens kein Theoretiker in Sachen Spiele. Im Jahr 1973 kreierte er das Spiel Hase und Igel , eine imposante Erfolgsstory. Marketingstrategen aufgepasst! David Parett verkaufte es bisher weltweit über 3 Millionen mal. Ab 1978 erschien das Kultspiel auch bei Ravensburger in Deutschland. Doch zurück zum Poker und dem Online-Zeitalter…

Im Jahr 2012 ist die Begeisterung und Faszination für das Online Poker bereits traditonell zu nennen. Prominente Sportler werben für Poker. Das Spiel ist in der Gesellschaft angekommen. Friedfertig liegen in der gutsortierten Bahnhofsbuchhandlung Schachmagazine und Publikationen zum Poker nebeneinander. Fernsehsender werben kontinuierlich für das Pokerspiel. Die Damen aus dem eingangs erwähnten Buch Poker – Ein Spielerroman hätten wahrscheinlich auch schon das eine oder andere Online-Poker Spiel mit Hingabe und individueller Aufmerksamkeit gespielt. Inclusive ihrer Glücksbringer.

Königsstrategie

Von Boris Becker, dem Wimbeldon Gewinner und Olympiasieger von Barcelona 1992 ist folgender Satz überliefert:

,,Gewonnen oder verloren wird zwischen den Ohren.“

Der 44-Jährige mehrfache Sportler des Jahres in Deutschland hat ein Faible für das Pokerspiel und ist Bayern München Fan. Im Prinzip ist jeder Sportler auf der Suche nach der Königsstrategie zum Sieg. Schachspieler ziehen sich mit ihrem Beraterstab zurück um strategische Pläne zu erörtern, Boxer gehen ins mehrmonatige Vorbereitungscamp inclusive Erarbeitung eines Schlachtplans, Fußballspieler bekommen Taktik und Strategie als Rüstzeug mit auf den Weg. Die richtigen Pokerstrategien sind nicht mit Zufallsversuchen zu bekommen. Sich in die Materie einarbeiten mag weniger spannend und lustvoll auf den ersten Blick erscheinen, für professionelle Pokerspieler mit dem Willen zum Sieg jedoch unabdingbar.

Die Berufsspieler haben beträchtliche Preisgelder eingespielt. Zufall oder reines Glück ist dies nicht. Es ist oft harte Vorbereitungszeit auf ein Turnier. Zeit und Geduld im richtigen Augenblick. Oft lukrativer wie Berufsschach. Das Mitglied des aktuellen deutschen Mannschaftseuropameisters im Schach, Großmeister Jan Gustafsson, gab vor 4 Jahren dazu im Interview mit der FAZ unter dem Titel ,,Im Pokern ist mehr zu holen als im Schach“ folgendes Statement ab:

,,Im Pokern ist mehr Geld zu holen als im Schach. Leider bin ich darin nie so gut geworden, dass ich richtig viel gewonnen hätte, aber es war dennoch deutlich mehr als im Schach.“

Auch Fußballspieler wie Khedira, Podolski oder Jansen haben öffentlich ihr Faible für das Pokerspiel bekundet. Dabei kommt in der Öffentlichkeit keiner so cool rüber wie der eingangs erwähnte Tenniscrack Boris Becker. Sein Pokerface ist von den noch auf den großen Titel mit der deutschen Nationalelf wartenden Kickern nicht zu toppen. Den Jungs mit dem Adler auf der Brust fehlte irgendwie beim Turnier in Polen und der Ukraine eine umsetzbare Königsstrategie inclusive taktischen Feintunings sowie der berühmten Sache mit dem Kopf. Verschütteter Milch  lohnt nicht nachzuweinen. Haken dran. Auf ein Neues.