Olympische Spiele 2024 in Hamburg? Quo vadis?

So, die Trommelwirbel um die deutschen Bewerberstädte für olympische Spiele haben sich etwas gelegt. Haben Sie? Nun, Hamburg soll in das Rennen für die olympischen Sommerspiele 2024 geschickt werden. Kai Pahl von allesaussersport gestern vor der Bekanntgabe seitens des DOSB:

,,Die Entscheidung wurde wohl schon gestern ausgeknobelt. Heute um 19 Uhr will sie der DOSB auf einer Pressekonferenz bekanntgeben und zumindest Sportdeutschland.tv überträgt die PK. Wer wird der deutsche Bewerber für die Olympischen Sommerspiele 2024. Als Hamburger wünsche ich Berlin alles Gute und wäre froh wenn der Kelch an Hamburg vorbeigeht, denn IMHO haben sich die Olympische Spiele derzeit herausgepreist um noch in irgendeiner Form sauber und nachhaltig finanzierbar zu sein. Ich sehe in Hamburg auch ohne Spiele genügend große Probleme in der Infrastruktur, auch der Verkehrs-Infrastruktur, die die Regierungen der letzten Jahre und Jahrzehnte verschlafen haben. So reizvoll es wäre, die Spiele mal in der Stadt zu haben.“

Deutschland war mit den letzten Bewerbungen um olympische Spiele nicht wirklich erfolgreich. München holte sich gleich zweifach ein Nein für die Winterspielofferte. Oder die Stadt die einst Deutschlands größtes Fußballstadion baute, sich mit olympischen Sommerspielen aber einen Bruch heben würde. Leipzigs Bewerbung für 2012 hat auch heute noch für mich den Beigeschmack einer größenwahnsinnigen Attitüde. Berlin war auch schon auf der Liste der gescheiterten Bewerbungen. An den Hauptstädtern, die nicht nur mit einem Projekt wie dem Flughafenbau eminente Probleme haben, ging der Kelch gestern also vorbei. Nolympia, sehr erfolgreich und argumentativ sachlich bei den Münchner Bewerbungen agierend, hatte einst 18 Gründe gegen Olympia aufgeführt.

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Es lohnt dabei auch ein genauerer Blick hinter die Kulissen der Vertragspapiere. Was sollen dort eigentlich die Bewerberstädte gegenüber dem finanzstarken IOC unterzeichnen? Wieviel Eigenverantwortung und Selbstbestimmung geben die Städte auf? Warum hielt sich in den letzten Jahren der Run auf die Bewerbung für olympische Spiele in überschaubaren Grenzen? Wer profitiert eigentlich von dem medialen Großereignis? Die eine oder andere erhellende Antwort findet sich in Die Vertragsgestaltung des IOC bei Nolympia. Hochinteressant und erschreckend zugleich ist dabei der Blick auf die Host City Verträge am Beispiel Salzburg. Die liebliche Mozartstadt an der Salzach … Kompetente Juristen des Landes Salzburg kamen zu keiner schmeichelhaften Einschätzung der Vertragsklauseln.

Die Berichterstattung über die deutschen olympischen Bewerberstädte für 2024 ist auch facettenreich bei Jens Weinreich unter Live-Blog zu Olympia 2024: die DOSB Führung zieht den Fifty-Fifty-Joker-Hamburg nachzulesen, der auch auf diesen Fakt aufmerksam macht:

,,Beim letzten innerdeutschen Wettbewerb, als das NOK im April 2003 für Leipzig votierte, gingen in der Evaluierung exakt 1 von 47 Gewichtungspunkten für die “öffentliche Meinung” drauf. 2,12766 Prozent. Das hat sich ein wenig geändert – und das ist, ich wiederhole mich, das eigentliche Verdienst der Münchner Olympia-Opposition 2018/2022, diesen Faktor aufgewertet und Bürgerentscheide durchgesetzt zu haben.“

Jens Weinreich, Grimme Online Award Preisträger 2009 und Sportjournalist des Jahres 2013 (Mediummagazin) ist einer der beharrlichen Journalisten, die sich mit den unappetitlichen Seiten der Sportpolitik seit Jahren auseinandersetzt. Erinnert sei an die Bücher Macht, Moneten Marionetten mit dem Untertitel Sotschi 2014 & die neue olympische Weltordnung: Wladimir Putin, IOC-Präsident Thomas Bach und die unheimlichen Seilschaften von Ölscheichs und Oligarchen oder an 2022 Die WM in Katar, Sklavenarbeit, Korruption und die FIFA. Neben dem gestrigen Live-Blog von Jens Weinreich gab es dann von ihm auch noch zahlreiche Twitterdialoge, wie hier mit dem DOSB Pressesprecher Christian Klaue.

Jens Weinreich

Screenshot: Twitter / Jens Weinreich

So sah es dann entsprechend auf dem Twitteraccount von DOSB Pressesprecher Christian Klaue aus:

Christian Klaue DOSB

Screenshot: Twitter / Christian Klaue

In der Flut von Pressemeldungen, Kommentaren, Pro und Kontra der gestrigen Entscheidung für Hamburg fällt Oliver Fritsch, kritischer Zeitgeist mit einem Artikel bei Zeit Online unter dem prägnanten Titel Olympia ja, aber doch nicht so mit einer sachlichen Analyse auf.  Oliver Fritsch, Deutschlands Fußballinternetpionier und mutiger sowie couragierter Gründer der Videoplattform Hartplatzhelden ist bekannt für Klartext.

,,Olympia darf gerne kosten. Doch der deutsche Sport hat andere Probleme, die einem die Olympia-Euphorie erschweren. Sie haben mit seiner Struktur zu tun, seiner Identität und den Leuten, die ihn lenken. Er müsste demokratischer und geschichtsbewusster werden. Und er sollte mehr Sinn dafür entwickeln, dass Sport mehr ist als Show und Medaillenzählerei.

In der deutschen Sportpolitik sucht man aber vergebens nach jemandem, der kluge Ideen mit Leidenschaft verkörpert.“

Oliver Fritsch erinnert in dem Text auch an einen Fakt, der die Lust auf Spiele ebenfalls bremst:

,,Wer wofür wie viel Geld erhält, hielten Staat und Sport lange geheim. Journalisten mussten gegen den ehemaligen Innenminister Hans-Peter Friedrich klagen, um an die Papiere zu kommen.“

Die Journalisten Daniel Drepper und Niklas Schenck hatten für die Herausgabe der Papiere, für die Herstellung einer notwendigen Transparenz über Monate gekämpft und waren bis vor das Verwaltungsgericht Berlin gezogen.

Delling wünscht sich Pluralität in den Medien

Grimme-Preis Träger Gerhard Delling zeigt gutes Zeitmanagement. Neben seiner Tätigkeit im deutschen Fernsehen hat er auch noch die Kapazität für ein Buch. 50 Jahre Bundesliga – Wie ich sie erlebte sind im Verlag Die Werkstatt erschienen. Smarte 480 Seiten und ein Preis knapp unter der 25 Euro Grenze. 24,90 Euro sind für den interessierten Käufer zu entrichten. Im besten Fall wird so ein Buch auch kräftig promotet. Da macht sich ein Interview zur rechten Zeit im Südkurier gut. Dort äußert Gerhard Delling sehr kluge Gedanken. Eine Aussage würde ich sofort unterschreiben:

,,Ich empfinde es generell als Verarmung der Gesellschaft, alles was ohnehin angesagt ist, noch zusätzlich zu exponieren; das gilt ja nicht nur in Sachen Fußball. Aber das ist kein neues Phänomen: Nach Gründung der Bundesliga haben die Tageszeitungen ganz schnell ihre Fußballberichterstattung ausgeweitet. Ich war immer Fußballer, habe mich aber genauso für die meisten anderen Sportarten interessiert. Ich bin daher ein Verfechter größtmöglicher Pluralität, aber die geht in den meisten Medien immer mehr zurück.“

Also dann will ich heute meinen kleinen bescheidenen Beitrag zur Pluralität beitragen. Es lohnt ein Blick auf das Blog Abenteuer Sport  von Stefan Nestler. Er beschäftigt sich mit der Entzündung des paralympischen Bergfeuers, gibt einen Einblick in die britische Geschichte des Alpinismus und bringt ein bemerkenswertes Zitat von Sebastian Coe.

Wer einen Blick hinter die Kulissen des deutschen Rugbyverbandes und der Odyssee um finanzielle Förderung und der Rolle des Innenministeriums werfen will, ist beim WAZ Rechercheblog goldrichtig. Daniel Drepper und Niklas Schenck haben dies in akribischer Kleinarbeit lesenswert und sehr nachdenkenswert aufbereitet.

Chesstigers ist einer meiner Lieblingsseiten. Sie beschäftigen sich mit dem Fall Garri Kasparow und haben auch zwei Updates zur Entwicklung des Geschehens in Moskau unter dem Titel: Bissiger oder unschuldiger Weltmeister?

Im von mir heißgeliebten Schach steht der nächste Jahreshöhepunkt an. Die Schacholympiade in Istanbul ist angerichtet. Der Deutsche Schachbund bringt ein Interview  mit Daniel Fridman. Die deutschen Schachspieler dürften ohne Probleme das Ergebnis der problembeladenen Teilnahme an der Schacholympiade 2010 in Sibirien übertreffen. Damals trat das Schachteam aus Deutschland mit der B-Mannschaft an. Die lieben Moneten. Deutschland lief unter ferner liefen ein. Mein Daumen schmerzte tagelang, weil ich beim scrollen nach dem Tabellenplatz ewig lange brauchte. Schachfreunde und treue Leser meines Blogs werden sich noch daran erinnern. Ich wärme die Sache jetzt aber nicht weiter auf. Geht ans Brett und spielt´s.