Das Hotel am Bodensee

Der von mir so innig geliebte Bodensee hat zahlreiche Hotels in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Zahlreiche Tourismuskataloge werben für die verschiedensten Häuser mit der individuellen Leistungspalette. In der Regel wird dort alles zum Wohle des Gastes aufbereitet. Eine Wohlfühlatmosphäre soll den Aufenthalt begleiten. Auch der aktive Sport wird beworben. Inklusive der Möglichkeit für ausgiebige Radtouren rund um den Bodensee. Kürzlich stolperte ich über eine Aussage von Jörg Jaksche in Sport Bild Nr. 30/13:

,,An meine erste Epo-Spritze kann ich mich noch gut erinnern. Es war in einem Hotel am Bodensee. Ein Betreuer setzte mir auf meinem Zimmer die Spritze. Ich wusste, Epo verdickt mein Blut, es kann plötzlich mehr Sauerstoff zu den Muskeln transportieren.“

Diese Zeilen haben keine Chance in einem Tourismuskatalog am Bodensee aufgenommen zu werden. Jörg Jaksche nahm auch der großen Frankreichrundfahrt teil. Seine Laufbahn, die so manchen Funktionär schlecht aussehen ließ, ist eine nachdenklich stimmende Vita eines einst hoffnungsvoll in den Radsport gestarteten jungen Mannes. Nach seiner Offenbarung wollte kein Team Jörg Jaksche für seriöse Konditionen unter Vertrag nehmen. Er galt vielen gemeinhin als Nestbeschmutzer. Einstige Weggefährten machten einen großen Bogen um ihn. Die intensive Hassliebe Tour de France hat viele ungezählte Hotelaufenthalte mit Blutverdickungsaktionen aufzuweisen. Eine Obsession der besonderen Art. Inklusive Schweigegelübden.

Mentale Einstimmung auf die Tour de France 2011

Nein, heute wird kein Tatort geschaut. Ich mag nicht. Zeit Online titelt Gefangen im Klischee und beschäftigt sich mit dem Krimi zur 20.15 Uhr Prime Time zum Thema Frauenfußball und wagt auch einen Rückblick:

,,Eigentlich undenkbar in Zeiten der „schönsten WM aller Zeiten“ 2011: Als Kind durfte Tatort-Kommissarin Ulrike Folkerts in einem Dorf bei Kassel noch in keinem Verein spielen.“

Der Fernseher bleibt heute Abend aus. Dabei mag ich das Ermittlerduo Folkerts und Hoppe. Doch mir wird das Frauenfußball Thema einfach zu laut, zu marktschreierisch, zu nervend, mit dieser einfach unsensibel angeschmissenen Marketingmaschinerie angeboten. Ich muss leider ablehnen.

 Stattdessen wird es noch ein wenig mentale Einstimmung auf die Tour de France geben. Ich werde mir noch einige spektakuläre Interviews zu Gemüte führen. Da fällt mir doch das Frage-Antwort Spiel zwischen Matthias Dell und Filmemacher Pepe Danquart sowie Theatermacher René Pollesch auf Der Freitag aus dem Jahr 2009 ein. Legendär. Dieses Interview hat einfach Charme. Alleine der Einstieg in das Gespräch:

Pepe Danquart (kommt etwas später): ,,Entschuldigung, ich musste noch die Etappe zu Ende gucken.“

Danquart, Macher des Films Höllentour   im weiteren Verlauf des Interviews zur Tour de France und einstweiliger Sehgewohnheit während der Frankreichrundfahrt:

,,Das stimmt. Ich hab‘s eine Weile nicht mehr angeguckt. Die Deutschen haben so eine Art, was sie machen, richtig zu machen, und wenn sie gegen Doping sind, dann so, dass man‘s nicht mehr ertragen kann. Das war eine richtige Hysterie. Wobei ich mich dann immer frage, warum Langstreckendistanzen bei Olympia übertragen werden. Oder Wintersport. Eisschnelllauf.“

Nach dem erneuten intensiven Lesen des Interview ist meine mentale Einstimmung auf den 2. Juli 2011 jedoch noch nicht beendet. Ich brauch jetzt noch eine Prise philosophisches zur Tour. Da gibt es ja noch jenes Spiegel Interview mit Hobbyradler und Philosoph Peter Sloterdijk unter dem Titel Hundsgewöhnliche Proletarier aus dem Jahr 2008. Lance Armstrong wird aus dem proletarischen Basislager herausgenommen und bekommt folgende Worte zu lesen:

,,Etwas in dieser Art, ja. Da soll ein numinoser Sprung passieren, wie man es zuletzt 2003 an Lance Armstrong auf der Pyrenäenetappe nach Luz Ardiden beobachten konnte, als sein Lenker bei einem Anstieg in der Plastiktüte eines Zuschauers hängenblieb, so dass er stürzte, elf Kilometer vor dem Ziel. Daraufhin geschah das, was Barthes ein halbes Jahrhundert zuvor den „Jump“ genannt hatte. Ein plötzlicher Energiestoß, der Armstrong erlaubte, mit dem Zorn des Achilles noch einmal anzugreifen. Der trieb ihn zum Gipfel und an allen Konkurrenten vorbei.“

Lance Armstrong wird dieses Jahr nicht mehr an den Start gehen. Sein Comeback hat einst für Schlagzeilen gesorgt. Der Teamkollege von 2009, Alberto Contador, geht jedoch auch munter 2011 an den Start. Die Kritik vom ehemaligen Gerolsteiner Radsport-Teamchef Michael Holczer am erneuten Start von A.C. (bei Spox nachzulesen) wird den Spanier nicht tangieren. Contador geht da unbeirrt seinen eigenen Weg. Die Geschichte mit dem Fleisch wird aus seiner Sicht wohl auch total überbewertet.

Die Tour braucht natürlich wieder Helden und Wasserträger. Es gehen ja wieder die zwei Schleck Brüder an den Start. Im Leopard Trek Team stehen mittlerweile mit Linus Gerdemann, Fabian Wegmann, Jens Voigt, Robert Wagner und Dominic Klemme 5 Deutsche unter Vertrag. Weitere Mitglieder im illustren Kreis des luxemburgischen Teams sind Fabian Cancellara oder Stuart O’Grady. Hier geht es zur kompletten Mannschaft auf wikipedia.

Zum Abschluss zieh ich mir auch nochmals das damalige Sonntagsinterview vom Tagesspiegel mit Jörg Jaksche unter dem Titel „Am Ende war ich der Idiot“ rein und schau kurz dabei aus dem Fenster in die phantastische Landschaft am Bodensee. Jaksche prägnant:

,,Diese ganzen Schreihälse, die gerufen haben: der Ullrich, der Ivan Basso, der Jaksche – auf den Scheiterhaufen mit ihnen, verbrennt sie! Die waren mir schon immer zuwider. Der selbst gedopte Bjarne Riis hat viermal am Tag gesagt, der Basso ist für mich wie ein Bruder, und plötzlich war er ganz enttäuscht, als Basso erwischt wurde.“

Enttäuschung. Ein großes Wort. Enttäuschung ist auch immer das Ende der Täuschung.