Reblog: Sportsponsoring im Radsport in Deutschland oder die Illusion vom Return on Investment

Fußball zerlegt sich gerade wie einst der Radsport. Unappetitlich. Beim Radsport waren die systemimmanenten Betrügereien (bei signifikant wesentlich weniger Geld als im Kreislauf des Weltfußballs) dann ja auch ein Grund für den Rückzug zahlreicher Sponsoren. Soweit ist es im Fußball noch nicht. Es ist jedoch vielleicht ganz interessant einen Rückblick auf die Schwierigkeiten an der Sponsorenfront im Radsport zu werfen. Ein Blick ins Blogarchiv …

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Stefan Schumacher bezeichnet im Interview mit der Stuttgarter Zeitung das Gehaltsgefüge …

Ich habe mich fast daran gewöhnt, wie diese Dopingwelt funktioniert. Im Strafprozess vor dem Landgericht Stuttgart wird am Mittwoch, den 10. April 2013, unter dem Aktenzeichen 16 KLs 211 Js 88929/08 in der Personalie des Radsportlers Stefan Schumacher verhandelt. Auch der ehemalige Teamchef von Gerolsteiner, Hans-Michael Holczer, wird der schwäbischen Landeshauptstadt seine Aufwartung machen.

In der Printausgabe der Stuttgarter Zeitung hat Tobias Schall den meinungsstarken Stefan Schumacher interviewt. Das Gespräch steht auch online zur Verfügung. Es geht um fehlenden Welpenschutz beim einstigen Team Telekom für den damaligen Jungprofi. Es geht um Stimmungsaufheller. Um Kortison für den geschmeidigen Tritt auf dem Rad. Hormone für die muskuläre Power. Teamärzte mit eigenartiger Berufsauffassung. Moralische Verkaufsmethoden nach außen. Es dreht sich um Russisch Roulette. Schumacher erwähnt die Verantwortung für Arbeitsplätze im Team. Natürlich geht es auch um Geld. Um das Gehaltsgefüge …

,,Ich war bereit, für Erfolg vieles zu opfern. Ich wollte immer alles oder nichts. Das Risiko ist der Preis für den Erfolg, für die Anerkennung und natürlich auch für einen großen Vertrag. Als Helfer verdienst du vielleicht 30 000 Euro jährlich, als Superstar unter Umständen Millionen. Das Gehaltsgefüge im Radsport ist absolut krank.

Tief durchatmen.

Ich bin gerade auf dem Weg zum Emir und spezifische Hürden von Sportjournalismus

Ich hoffe meine hochanständige Leserschaft hat keinem deutschen Chefredakteur eine metaphysische Nachricht auf der Mobilbox hinterlassen. In der Art etwa wie: – Ich bin gerade auf dem Weg zum Emir -.

Journalisten haben es aber auch nicht einfach in Deutschland. Da machen Sportjournalisten keine Ausnahmen. Siehe auch Jens Weinreich und die Suche nach einem Mäzen. Viel Glück bei der Suche ist dem engagierten Mann mit der eigenen Meinung und der ihm arteigenen Hartnäckigkeit bei schwierigen Themen wie Doping oder Korruption zu wünschen. Finanzen sind generell ein wichtiger Baustein jeglicher Berufstätigkeit (man frage bei Timothy Ferriss nach). Aber auch ein anderer Sportjournalist ist noch nicht im finanziellen Traumland angekommen und steht vor einem herausfordernden Jahr. Die Rede ist von Jonathan Sachse. Unter dem Titel Berufliche Veränderung – mehr Journalismus 2012 stellte er kurz vor Ultimo des alten Jahres seine Situation dar und erinnert unter anderen an Höhepunkte seiner Arbeit in den vergangenen 12 Monaten:

,,Zur Erinnung: Im letzten Jahr habe ich einen Monat für das ZDF (TV + Online) in Frankreich gearbeitet und hier täglich von der Tour de France berichtet. Bei der Sportjournalismus Konferenz “Play the Game” konnte ich mich mit mehreren Kollegen austauschen, die mich motiviert haben, mehr Zeit in die Recherche und Journalismus zu investieren. Schließlich habe ich als einziges Medium live von den letzten öffentlichen Minuten im Sportausschuss berichtet .“

Jonathan Sachse habe ich immer gerne gelesen. Seine Tour de France Berichterstattung war aller Ehren wert.

Tour de France  ist ein gutes Stichwort. Kürzlich gab Rolf Aldag der Süddeutschen Zeitung ein Interview unter dem Titel ,,Der Sport ist nicht das wahre Leben.“. Schönen Gruß an Hans-Michael Holczer. Ich habe das Interview auch in der Printausgabe. Es verschwand nicht sofort nach dem Auslesen im Papierkorb. Ich werde das Interview zu gegebener Zeit wieder rausholen. Die nächste Tour de France kommt bestimmt.

So für heute ist das Ende der kleinen Bloggerei in Sicht. Meine Liebste möchte gerne noch ein Glas Rotwein mit mir trinken. Ich kann ihr da schlecht sagen: Ich bin gerade auf dem Weg zum Emir. Oder das Bloggen möchte ich gerne noch verlängern.

Für heute klappen wir den Laptop genüßlich zu.

Sex während der Tour de France und andere Möglichkeiten

Derweil Wladimir Kramnik beim Univé Schaaktoernooi 2011 in Hoogeveen  den Turniersieg vorab sicherstellt (mehr dazu bei chesstigers), hat sich Georgios Souleidis auf seinem Blog Entwicklungsvorsprung liebevoll der Gurken des Wochenendes vom Start der Schachbundesliga in Mülheim angenommen. Aus 192 Schachpartien sind die auffälligsten, gröbsten und nachhaltigsten Patzer unter die Lupe genommen worden. Zurück zu Kramnik. Der Großmeister hatte dieses Jahr traditionell auch seine Spur in Deutschland hinterlassen. Zum 10. Mal gewann er in Dortmund das Sparkassen-Chess Meeting oder jährlich grüßt das Murmeltier.

Apropos Dortmund. Die Geste von Borussia Dortmund, Punkte in Piräus dazulassen, fand ich doch bemerkenswert. Das sind die längst fälligen Symbole der Deutsch-Griechischen Freundschaft. Keine Worthülsen, keine Floskeln, keine Daumenschrauben, keine Klischees ,  keine Drohungen, keine Sparzwangvorschläge im deutschen Klugscheißermodus sondern einfach in der Champions-League hinfahren und die Punkte dalassen. Feine Geste. Dickes Lob nochmals an Jürgen Klopp und seine Mannschaft für diesen Charakterzug in schwierigen Zeiten des deutsch-griechischen Verhältnisses. Sieht der eine oder ander Borussia Dortmund Fan vielleicht etwas anders, doch wer wird kleinlich sein wollen.

Die Schweizer Blick macht mit der dicken Schlagzeile Sex während der Tour de France – Weltmeister Cavendish stolz: ,,Sie ist schwanger“ auf. Seine Freundin Peta Todd hat die Tour de France mit dem Sprintstar genutzt. Gegenüber der Sun verriet die 24-Jährige:

,,Wir haben es geplant. Ich bin jetzt im vierten Monat. Das bedeutet, dass ich im Juli schwanger wurde, während der Tour de France. Es ist ein Tour-Baby!“

Da sage noch einer die Radsportler fahren bei der Tour de France am Limit und wären am Abend ausgelaugt und durch die unbarmherzige Streckenführung total ausgepowert. Mark Cavendish scheint da nach anderen Regeln zu agieren und regenerieren. Ein Tourbaby. Neben der Lohnschufterei auf den Asphaltstraßen der französischen Republik. Da wird sicherlich medial noch die eine oder andere Schlagzeile gestrickt werden. Sex verkauft sich immer gut. Die Illustrierten werden das Thema gerne aufgreifen und vertiefen.

Das virtuelle Lexikon wikipedia hat dazu auch eine Meinung und schreibt:

,,Sex sells (engl.: ‚Sex verkauft (sich)‘) ist eine in gleicher Bedeutung aus dem Englischen ins Deutsche übernommene Redewendung aus der Sprache der Werbung. Im weiteren Sinne gehört Sex sells zum Gender Marketing: Sie bringt zum Ausdruck, dass sich ein Produkt besser verkauft, wenn es in einem Kontext dargestellt wird, der sexuelle Inhalte präsentiert. Typische Beispiele sind leicht bekleidete Frauen in der Werbung für Autos oder Motorräder, die als Blickfang dienen, oder das Girlspotting in Fernsehshows.“

Ansonsten ist auch seit einigen Tagen die Streckenführung für die Tour de France raus. Einige sehen Zeitfahrweltmeister Tony Martin ob des Auftakts bereits im Gelben Trikot. Bitte nicht das Fell verteilen, bevor der Bär erlegt worden ist. Ein Deutscher im Gelben Trikot über mehrere Tage hätte natürlich Charme. Wir werden sehen. Mehr zum Tourplan und den Aussichten von Tony Martin gibt es hier, hier und hier.

Katjuscha rüstet weiter auf. Nach der spektakulären Verpflichtung von Teamchef Hans-Michael Holczer (einst zu Zeiten bei Gerolsteiner brachte er uns diese homogenen Interviews ins Haus) folgten jetzt auch die prominenten Neuzugänge Erik Zabel und Oscar Freire. Die Russen machen Nägel mit Köpfen. Keine halben Sachen. Es wird konzentriert gepowert und der Stall aufgerüstet. Wann wird es eigentlich wieder ein wettbewerbsfähiges deutsches Radsportteam geben? Muss die genannten Personen nicht interessieren. Erik Zabel wird Berater beim russischen Rennstall Katjuscha. Die Karriere geht weiter. Es gibt immer Möglichkeiten. 

Nachdenkenswert #109

,,Ganz und gar nicht. Ich bin mit diesem Sport im Reinen. Ich bin aber auch der Faszination des Radsport erlegen. Ich habe mich nach meinem Ausstieg 2008 doch sehr diszipliniert, bin zurück als Lehrer an meine alte Schule. Ich habe aber durch meine Aktivitäten als Repräsentant von Skoda gespürt, dass der Name Holczer im Radsport immer noch einen guten Klang besitzt. Und doch hätte ich vor allem vor dem Hintergrund einen deutschen Sponsor zu finden nie geglaubt, dass ich noch einmal zurückkomme. Denn eines war für mich Grundbedingung: Wenn, dann nur mit einem großen Team.“

               Hans-Michael Holczer, ehemaliger Chef des deutschen

           Radsportteams Gerolsteiner, jetzt Generalmanager von

           Katjuscha, im Interview mit der Frankfurter Rundschau

Sportsponsoring im Radsport in Deutschland oder die Illusion vom Return on Investment

Mir ist letztens in einem wunderschönen Cafe fast die Tasse frisch gebrühter Kaffee aus der Hand gefallen. Ich lese die Sportbild Nr. 29/10. Eingebunden in die roten Seiten vom Lesezirkel. Da stolpere ich doch über eine Aussage von Hans-Michael Holczer, 56, Ex-Gerolsteiner-Teamchef:

,,Aus Marketingsicht bietet der Radsport immer noch den bestmöglichen Return on Investment.“ 

Rückblick. Im August 2007 kündigt das Unternehmen Gerolsteiner die ordnungsgemäße Beendigung des Sponsorvertrages zum Ende des Jahres 2008 an. Zeit genug für eine erfolgreiche Sponsorenakquise. Einen Tag vor dem Start der Deutschland Tour vor 2 Jahren in Kitzbühel sagte Holczer der Nürnberger Abendzeitung desillusioniert:

,,Kein Sponsor hatte den Mut und das Vertrauen, einzusteigen, weil sie sich nur oberflächlich damit beschäftigt haben.“ 

Dem Chefredakteur Udo Kürbs vom Fachmagazin Sponsor news gab Hans-Michael Holczer ein Jahr zuvor optimistisch die Auskunft im September oder Oktober 2007 einen Sponsornachfolger für das Gerolstein-Team präsentieren zu können. Die Ankündigungstermine wurden dann öfters verschoben. Bis zum Frühjahr 2008. Bis Tourbeginn der Tour de France. Nach der Tour. Am Jahresende 2008 sprudelte es nicht mehr. Die Geldquelle war versiegt.

In seinem bürgerlichen Beruf ist Hans-Michael Holczer Lehrer. Mit der damaligen 12-monatigen Mission der Sponsorenakquise war der Teamchef gescheitert. Für Herzblut oder ein Statement zur Faszination Radsport vor der Kamera gab es keine 8 Millionen Euro. Zum Schluß hat es Holczer nach eigener Aussage mit der Brechstange versucht. Den Return on Investment konnte der Lehrer den Entscheidungsträgern in den Konzernzentralen nicht verkaufen.