Ende einer Sommermärchen Reklame-Aktion

Durchatmen. Die verordnete und über das Land gestülpte Reklame-Aktion im Namen des Frauenfußballs ist vorbei. Aus Sommermärchen wurde Sommerfrust. Warum musste eigentlich Übungsleiterin Neid beim Finale so hyperaktiv den Japanerinnen zujubeln? Der Sieg der wuselflinken Frauen aus Asien beschönigt doch keinesfalls im Nachhinein das eklatante vorzeitige Aus im Viertelfinale vom selbsternannten Titelfavoriten Deutschland. Den nervenden Hype haben aber nicht die Spielerinnen um die entmachtete Birgit Prinz zu verantworten. Die als Marketing überventilierende Reklame-Aktion unter dem Namen Sommermärchen über Monate gefahrene Kampagne konnte mit jeder nervenden und lautstarken Werbung eines großen Anbieters von Elektronikschrott mithalten. Ich mag keinen Apfelmüll.  

Das Turnier wurde so imVorfeld bereits entwertet. Ich mag mir gar nicht all die Sportfunktionäre oder in Berlin an Politik werkelnden Bedenkenträger nach einem etwaigen Sieg von Deutschland im Finale vorstellen. Zum Glück ging der Kelch an uns vorbei. Bundeskanzlerin und CDU Mitglied Angela Merkel griff nach dem WM Aus gegen Japan zum Telefon und verriet Sport Bild:

 „Ich habe Silvia Neid angerufen und ihr und der Mannschaft für all die Freude gedankt, die sie uns bereitet haben. So ist nun einmal der Sport – nach einer hoffentlich nicht zu langen Phase der Enttäuschung werden sie sich neue Ziele stecken. Und wir Fans werden sie dabei wieder genauso unterstützen.“

Was macht eigentlich der Euro? Ihr Mentor Helmut Kohl hat das mit dem Fußball irgendwie leichter gehabt. Okay, 1986 jenes denkwürdige Spiel gegen Diego Maradonas Argentinien endete mit einer 2:3 Niederlage. Aber dann kamen 1990 der Weltmeistertitel in Rom und 1996 der Europameistertitel in England. Helmut Kohl war jedesmal dabei und holte sich die Sonnenstrahlen des Ruhms. Das hätten Merkel oder Basketballfan Wulff auch gerne gehabt. Pustekuchen. Das Sommermärchen verwandelte sich in Katzenjammer. Der Frust sitzt tief. Die Duelle zwischen Kulttrainer Schröder von Turbine Potsdam und Übungsleiterin Neid lassen erahnen, wie tief die Gräben mittlerweile im deutschen Frauenfußball sind. Die ARD und ZDF haben sich bezüglich der Sportschau auch schon klar positioniert. Es wird keine Strukturveränderung mit mehr Spielanteilen der Frauenbundesliga auf dem TV-Bildschirm geben. Sueddeutsche.de brachte die entsprechende dpa Meldung:

,,Der Wunsch des DFB-Präsidenten Theo Zwanziger, dass die Frauen-Bundesliga zukünftig wie die 3. Männer-Liga in der ARD-Sportschau behandelt wird, dürfte nicht in Erfüllung gehen. «Wir müssen das Turnier genau analysieren. Die WM ist aber nicht mit dem Ligabetrieb zu vergleichen», sagte ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky der Nachrichtenagentur dpa. «Ich halte es derzeit für ausgeschlossen, dass wir regelmäßig Spielberichte aus der Bundesliga samstags zeigen», fügte er hinzu.“

Ich persönlich halte jedoch generell die Sportschau für reformbedürftig. Aber das ist wieder ein anderes Thema. So jetzt kann langsam die Tour de France in die entscheidende Phase treten. Interessanten Lesestoff gibt es auf dem Blog von Jonathan Sachse.

Solo für Hope Solo

Sie ist eine charismatische Torhüterin. Sie sieht gut aus. Sie hielt im Elfmeterschießen gegen Brasilien einen Elfmeter und hat vielleicht den interessantesten Lebenslauf aller teilnehmenden Frauen im geplatzten deutschen Sommermärchen-Turnier. Die Rede ist von Hope Solo. Ehrgeizig erzählt sie im Interview auf Zeit Online vor dem WM-Finale von ihrem großen Traum:

,,Dieses Spiel bedeutet alles für mich. Ich träume von diesem Titel seit ich ein kleines Mädchen bin. Jeder träumt in dem Alter von etwas anderem. Einige wollen heiraten, einige wollen Kinder haben. Ich wollte immer eine WM-Goldmedaille und eine Olympia-Goldmedaille.“

Hope Solo kann sich im Finale ihren Traum zusammen mit ihrem Power-Team erfüllen. Die WM-Goldmedaille war eigentlich für die deutsche Frauenfußball Nationalmannschaft reserviert. Was war da eigentlich schief gelaufen? Gab es vorher keine klare Auftragsbestätigung für die Bestellung des Titels? Die ganze Marketingaktion für die Katz. Der Hype wird sich so schnell nicht wiederholen. Bei den Olympischen Spielen in London 2012 sind die Frauen im DFB Trikot nur Zaungast. Irgendwie wirkte die deutsche Mannschaft nie so mental stark wie die Mannschaft von Hope Solo. Die USA powerten Brasilien weg und zeigten sich auch nervenstark gegen Frankreich. Deutschland dagegen schwächelte und zeigte sich weder kraftvoll noch mental in Top Form. Hartplatzheld Oliver Fritsch ist eine ganz gute Analyse des Dilemmas der Frauen um Birgit Prinz und Co. auf Zeit Online gelungen:

„Silvia Neid verantwortet ein Turnier der spielerischen Armut. Zwar gewann ihr Team alle drei Vorrundenspiele, doch höherem Anspruch genügte nur der Sieg gegen Frankreich. Neid hatte das Team drei Monate zur Vorbereitung, der DFB hatte die Bundesliga viel früher als sonst beendet – ein Zustand für einen Trainer, von dem beispielsweise Joachim Löw nur träumen kann. Diese lange Zeit der Kasernierung verlangt eine kluge Menschenführung. Doch Neid gilt als überstreng und misstrauisch, sie pflegt eine Kultur der Kontrolle, vielleicht sogar der Angst. Kreativität kann sich nur schwer entfalten. Hat sich auch nur eine einzige Spielerin bei dieser WM weiterentwickelt?“

Schwer vorstellbar dass sich Hope Solo kasernieren und in ihrer Meinung deckeln lassen würde. Solo ist ein Freigeist. Sie ist der Star einer Mannschaft mit unglaublicher mentaler Power. Ein Siegeswillen der Stahlrohre verbiegen lassen könnte. Es reichen jedoch Siege. Noch ein entscheidender Sieg steht aus. Der Traum vom WM-Gold ist zum greifen nah.

Nachdenkenswert #100

,,Der gesamte Spielplan inklusive Anstoßzeiten war auf einen Durchmarsch des heimischen Teams abgestellt. Nun geht die Weltmeisterschaft weiter, auch ohne Deutschland. Neid, deren Vertrag der DFB schon vor der WM verlängert hatte, kann weiterhin keine „Motivationsprobleme“ bei sich und ihrem Team erkennen (und wurde im Fernsehen von der Rücktrittsfrage verschont). WM-Organisationschefin Steffi Jones trauerte im Deutschland-Trikot auf der Fanmeile, als sei sie nicht Gastgeberin für alle Teams,  Ober-Frauenfußballfan Theo Zwanziger tröstete im Stadion jede Spielerin. Dabei waren es die WM-Organisatoren im Verbund mit dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen, die den sonst so sympathisch bescheiden auftretenden Spielerinnen eine überdimensionale WM-Bühne zimmerten und damit die deutsche Frauschaft überforderten.“

Robert Ide, im Tagesspiegel  Artikel Was vom Turnier übrig bleibt

Frauenfußball: Deutschland schaut zu oder Katzenjammer für Favoritenwetter

Deutschlands Sportfunktionäre und Politiker haben eine verheerende Woche an Niederlagen hinter sich. Erst das klare Abstimmungs Nein gegen München 2018 beim Kampf um die monetären Spiele unter den Ringen. Jetzt auch noch das Aus der eigentlich für den WM-Titel vorgesehenen Elf von Übungsleiterin Neid. Der PR-Zirkus hat damit wohl auch ein Ende.

 Die deutschen Frauen sind bei diversen Buchmachern als 1,3 Favorit gehandelt worden. Für alle Nicht-Sportwetter: Für einen Tausender Wetteinsatz hätte es 1300 Euro wieder gegeben. Da dürfte der Katzenjammer bei dem einen oder anderen Favoritenwetter heute nachklingen. Was machen jetzt eigentlich die öffentlich-rechtlichen Sender mit dem Rest der Fußball-WM? Abschalten? Sich verstärkt der Tour de France widmen? ARD und ZDF werden sich schon etwas einfallen lassen.

Das so oft und unsinnigerweise herbeigeredete Sommermärchen 2.0 oder 2011 ist wie eine Seifenblase gestern Abend zerplatzt. Deutschlands erfolgreichster Frauenfußballtrainer Bernd Schröder dürfte sich mit seinen Aussagen im Zeit Online Interview vor der WM ,,Wir brauchen Persönlichkeiten, keine Barbie Puppen“ bestätigt fühlen.

Allerdings hatte der Kulttrainer von Turbine Potsdam bei der konkreten Vorschau auf das Japan Spiel auch falsch gelegen. In seiner Kolumne bei B.Z. unter der Überschrift Gegen Japan sind wir klar im Vorteil schrieb er unter anderen:

,,Jetzt geht’s also ins erste K.o.-Spiel. Ab dem Viertelfinale gibt es keinen zweiten Versuch mehr. Wir haben dabei formell die besseren Voraussetzungen.“

Ich konnte mit dem Begriff formell noch nie viel anfangen.

Für ein deutsches Sportmärchen im ausstehenden Sommer 2011 bleibt da jetzt eigentlich nur noch ein Tour de France Sieg von Andreas Klöden. Mehr Einzelheiten zur aktuellen Situation bei der Frankreich Rundfahrt gibt es bei eurosport.yahoo unter dem Titel Tour de France – Saint-Flour, sieben Jahre danach.

Ein paar Fußball-Häppchen

Meine Liebste sagte einst zu mir:

,,Irgendein Fußballspiel ist immer“

Bei genauerem betrachten des aktuellen Wettangebots der Buchmacher zum Beispiel merkt man: Fußball wird immer gespielt. Das dürfen dann auch gerne etwas exotischere Ligen sein. Hauptsache es wird gespielt. Eigentlich laden manche Begegnungen förmlich zum spekulieren ein. Wir wollen da gar nicht gleich an Wettmanipulation denken. Obwohl der Verdacht ja immer mitspielt.

Fred Kowasch, Organisator und Spiritus Rector von sportspool.tv,  hatte ja unlängst in einem Kommentar zum Urteil im Wettskandal treffend geschrieben:

,,Wenn die ‚Bochumer Prozesse‘ eines gezeigt haben, dann das: Der Fußball ist ein verlogenes Geschäft. Von dem alle profitieren. Spieler, Zocker, Wettunternehmen, Vereine, Medien und Fußballverbände. Da braucht man sich über mangelnden Aufklärungswillen nicht zu wundern.“

Fußball lieferte in letzter Zeit generell sehr viele unappetitliche Schlagzeilen. Dabei wollten meine Liebste und ich demnächst in die schöne Stadt Zürich fahren. Machen wir trotz Tollhaus FIFA.

Bald ist die Frauenfußball-WM. Ich habe einen Bekannten, der bereits Eröffnungsspiel- und Endspieltickets hat. Da möchte ich doch glatt einen kleinen bildlichen Beitrag zur Damen-WM von sportspool.tv zur Vorfreude empfehlen.

Doch es gibt auch noch ein paar Häppchen jenseits vom Trommelwirbel um die Damen-WM im eigenen Land. Ich hätte die 4. Liga anzubieten. Männerfußball. Okay, der Tod des Glück ist der Vergleich. Doch ich darf doch im Bezug auf Frauenfußball nochmals auf die Teilnahmslosigkeit der Zuschauer im Alltag verweisen. Michael Horeni hat dies im März auf FAZ.Net unter dem Thema Liga im Abseits so beschrieben:

,,1035 Zuschauer am Sonntag in der Hamburger Hagenbeckstraße sind da schon etwas. Eineinhalb Stunden später spielen knapp drei Kilometer davon die Männer des HSV. 50.000 Zuschauer kommen gegen Mainz. 1000 zu 50.000, so sind, an guten Frauenfußball-Tagen, die Verhältnisse, nicht nur in Hamburg. Die HSV-Frauen haben in dieser Saison den Minusrekord der Liga aufgestellt: 78 Fans. Bei Bayer Leverkusen (102) aber sieht es kaum besser aus, auch nicht beim VfL Wolfsburg (118) und auch nicht beim FC Bayern (157). Im Schnitt kommt die Frauen-Bundesliga in dieser Saison auf rund 800 Zuschauer pro Spiel.“
Das ist nicht wirklich viel. 800 Zuschauer pro Spiel. Eine marginalisierte Sportart im Alltag. Wir reden hier von der Frauenbundesliga. Was läuft da eigentlich schief? Der Ligabetrieb bleibt vom Hype um die Nationalmannschaft unberührt. Die dürftigen Zuschauerzahlen wird es vermutlich auch nach der WM geben.  Natürlich wird auch eine gewaltige Marketingwelle zur Zeit für das Damenturnier gefahren. Das nervt mich dann schon wieder. Welche Reklameagentur kam eigentlich auf die Idee das Turnier mit dem Etikett Sommermärchen zu versehen? 
 
Wechseln wir die Gefilde und nähern uns der 4. Liga. Männerfußball. Einst spielte er für den Hamburger SV. Später unter Felix Magath beim Vfl Wolfsburg. Die Rede ist von Alexander Laas. Seit vergangener Saison spielt er in der 4. Liga beim von Red Bull unterstützten Fußballverein RB Leipzig. Rotebrauseblogger hat in einem bemerkenswerten facettenreichen und hochinteressanten Interview Alexander Laas befragt. Vorsicht, das Interview hat Überlänge, jede Zeile ist es jedoch wert.