Michael Wiemer Kommentar zum 75. Hahnenkamm Rennen

Michael Wiemer Kommentar zum 75. Hahnenkamm Rennen

Es ist einer der spektakulärsten Sportevents. Es ist, da wird es keine zwei Meinungen geben können, das berühmteste Skirennen der Welt. In diesem Jahr gibt es die Jubiläumsausgabe. Das 75. Hahnenkamm Rennen in Kitzbühel ist wieder die Bühne für wagemutige Sportathleten. Es wird wieder jene spektakulären Bilder geben. Selbstredend auch der Aufmarsch von Prominenten. Inklusive der einen oder anderen von Botox verwüsteten Lady. Eine grandiose Kinokulisse. Sozialstudien gibt es gratis. Ansonsten ist Kitzbühel nicht ausgelegt für ein kleines Portemonnaie. Eine fast unglaubliche Zahl kursiert immer wieder durch bereitwillig hingehaltene Ohren. Das Hahnenkamm Rennen ist monetär lukrativ bis zum abwinken. Es soll durchschnittlich 37 Millionen erwirtschafte Euros im Großraum Kitzbühel während eines Hahnenkammwochenendes geben. Kein Schreibfehler. Es sollen 37 Millionen Euro sein.

Es ist auch ein Treff der Legenden. Doch nicht nur Wintersporthelden geben sich die Ehre. Da wird auch schon Mal Hollywoodstar Arnold Schwarzenegger an der Piste in Kitzbühel gesichtet. Tradition wird gepflegt und gehegt. Der Kitzbüheler Ski Club (K.S.C.) braucht keinen Sport-Event Check zu fürchten. Auch bei der 75. Auflage tritt der Ski Club als Organisator auf. Das Hahnenkamm Rennen ist an Superlativen kaum zu übertreffen. Inklusive dem organisatorischen Aufwand. Ein paar Fakten in die Runde geworfen. Da gibt es 1.700 Meter Hochsicherheitsnetze der Kategorie A-Netze. Dann wären da auch noch 6.500 Meter Auffangnetze der Kategorie B-Netze. Für das Publikum werden 12.ooo Meter Zuschauerzäune aufgebaut. Dazu kommt die Manpower. Ca. 1.400 Menschen sind Jahr für Jahr dabei, das Spektakel auf die Beine zu stellen. Schneefall, in der Nacht aufkommende unangenehme Kälte und allen widrigen Umständen die Stirn bietend.

45.000 Menschen sind durchschnittlich live bei der Abfahrt beim Hahnenkamm Rennen dabei. Ca. 580 Journalisten aus 30 Ländern akkreditieren sich jährlich für das spektakuläre und faszinierende Event. Die Tastaturen werden malträtiert. Leidenschaftliche Sportreportagen verfasst. Unter Zeitdruck werden die Berichte im Rekordtempo geschrieben. Jeder Journalist ist sich dieser Kultveranstaltung bewusst. Es wird auch das beste aus der schreibenden Zunft herausgekitzelt. Hier ist Adrealin im Sinne des Wortes spürbar.

1975 siegte der damals 21-Jährige Franz Klammer. Verwegen. Grandios. Es war eine Skilegende geboren. Klingt zu pathetisch? Nun, ein Jahr später gewann jener Franz Klammer bei den olympischen Winterspielen von Innsbruck die Abfahrt.  Am Patscherkofel lieferte er sich ein packendes Duell vor 60.000 begeisterten Zuschauern mit Bernhard Russi. Franz Klammer ist nur einer von zahlreichen tollkühnen Männern, die mit dem Hahnenkamm Rennen den Anfang zu einem grandiosen Aufstieg in die Riege der umjubelten Abfahrtspiloten fabrizierten. Es sind Namen, deren Klang auch heute noch nach Jahren der Laufbahnbeendigung immer noch im Ohr faszinierend klingen.

Die Strecke der Streif misst insgesamt 3.312. Die Athleten starten in einer Höhe von 1665 Metern Seehöhe am Hahnenkamm in die Abfahrt. Das Abenteuer beginnt. Ehrfürchtige Namen wie Mausefalle, Kompression, Karussel, Steilhang, Alte Schneise, Seidlalm und dann der Hausberg. Mit der respektvollen Hausbergkante. Nehmen wir doch aus dem Angebot an Schwierigkeitsgraden einfach die Mausefallle. Was für eine Herausforderung. Was für ein Risko. Was für ein Nervenkitzel. Was für ein Test für die Fertigkeiten der Sportler. Der Streckenabschnitt der Mausefalle ist der steilste des Hahnenkammrennens. Lassen wir Sofasportler die Zahl auf uns wirken. Die maximale Neigung beträgt hier 85%. Tief durchatmen.

Olympia Innsbruck 1976

Meine Sozialisierung im Sport erfuhr ich einst 1973 beim Europapokal der Landesmeister zwischen Dynamo Dresden und Bayern München. Später folgte 1974 die Handball WM mit dem überragenden Penu im Tor des Weltmeisters. Dann im Sommer die legendären 90 Minuten in der Max-Schmeling Villa.

1976 nahm ich als fast 13-Jähriger die ersten Olympischen Winterspiele bewußt wahr. Die Helden von Innsbruck waren für mich Franz Klammer, Meinhard Nehmer, Hans-Georg Aschenbach, Toni Innauer, Rosi Mittermaier, Uli Wehling und der legendäre Eishockeytorwart Wladislaw Tretjak. Das Sonderheft zu den Spielen war eine ständige Begleitlektüre. Ich konnte damals alle Olympiasieger aus dem Kopf aufsagen. Heute müßte ich dafür den Google Sehschlitz bemühen.

Das erste mal ist ja immer etwas besonderes. So wie mir die erste Handball WM und die Fußball WM 74 in Erinnerung blieb, verhält es sich auch mit den Olympischen Winterspielen von Innsbruck. Ein Vergleich zu heute wäre ein Äpfel mit Birnen vergleichen. Beispiele gefällig?

Das heutige aufgeblähte Programm an Biathlon Wettkämpfen kam in sehr asketischer Form 1976 mit zwei Wettbewerben aus. Die Männer durften über 20 Kilometer und in der 4 x 7,5 km Staffel ihre Kräfte messen. Frauen mit dem Gewehr auf dem Rücken hatten gar keine Wettkämpfe.

Die UdSSR und die DDR belegten vor den USA die Plätze 1 und 2 in der Medaillenwertung. Auf Platz 5 kam die Bundesrepublik Deutschland. Die zwei erstgenannten Nationen gibt es heute auf der politischen Landkarte nicht mehr. 

Wie war das eigentlich damals mit dem Doping? Ich erinnere mich an einen Vorfall in der Mannschaft der damaligen CSSR. Der Eishockeyspieler Frantisek Pospisil hatte  ein unerlaubtes Mittel genommen. Codein. Das Thema Doping nimmt heute einen viel größeren Rahmen in der Wahrnehmung und wohl auch in der Anwendung ein. Aus meinem Bauchgefühl heraus würde ich sagen: Die Spiele haben ihre Unschuld verloren.

Nun also Vancouver 2010. Es geht los.

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