Nachdenkenswert #298

,,Das stimmt. Ich hab‘s eine Weile nicht mehr angeguckt. Die Deutschen haben so eine Art, was sie machen, richtig zu machen, und wenn sie gegen Doping sind, dann so, dass man‘s nicht mehr ertragen kann. Das war eine richtige Hysterie. Wobei ich mich dann immer frage, warum Langstreckendistanzen bei Olympia übertragen werden. Oder Wintersport. Eisschnelllauf.

Pepe Danquart, Filmregisseur von Höllentour, 2009 im Interview mit der freitag unter dem Titel Die Moral der Käfer zur Tour de France. 

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Showtime mit Lance Armstrong und Oprah Winfrey

Über Pep Guardiola reden wir ein andermal. Es ist Lance Armstrong Beichtzeit. Oder ist das mit der Beichte ein wenig hochgegrifffen? Bevor wir weiter in das Thema einsteigen vorab ein Statement von Pepe Danquart, Filmemacher von Höllentour, in einem legendären Interview mit der Freitag unter dem Titel Die Moral der Käfer:

,,Von Politik und Wirtschaft denken die Leute, die sind eh alle korrupt. Beim Sport ist das vielleicht nicht so, das transportieren die Medien, Sport ist etwas Reines, das sind alle Leute wie du und ich, da geht es nicht um Geld. Aber es geht da um Geld, und Spitzensportler wird man nicht, nur weil man ein guter Mensch ist.“

Jonathan Sachse ist ein profunder Kenner der Radsportszene. Die letzten zwei Jahre begleitete er die Tour de France live mit und berichtete unter anderen für das ZDF. Jetzt hat er ein wenig vorgeschlafen. Er widmet in seinem Blog unter dem Titel Lanceoprah – Business Day One dem Ex-Tour de France Seriensieger Lance Armstrong und der charmanten Talkshow-Moderatorin  Oprah Winfrey die volle Aufmerksamkeit.

,,Ich werde meinen Schlafrhythmus bis Samstag ein wenig auf amerikanische Zeitzonen verschieben, sodass ich heute irgendwann am späten Nachmittag hoffentlich im Bett liege und dafür über Nacht eine Live-Versorgung garantieren kann.“

Nun denn. Live-Versorgung klingt gut. Jonathan Sachse will die Ausstrahlung der Armstrong Verteidigungstaktik intensiv begleiten. Das TV-Interview mit den zwei Prominenten aus dem Show-Business ist bereits in einem Hotel in Austin aufgezeichnet worden. Peter Ahrens titelt auf Spiegel Online Dopingbeichte im TV: Tröpfchenweise Wahrheit und bescheinigt dem Anwalt von Lance Armstrong eine gewissenhafte Vorbereitung des medialen Auftritts:

,,Auch wenn Armstrong gesagt hat: Winfrey könne „fragen, was immer sie will, ich werde direkt, ehrlich und offen antworten“, darf man davon ausgehen, dass jedes Wort, das Armstrong vor den Kameras gesprochen hat, von seinem Staranwalt Tim Herman im Vorfeld sorgfältigst abgewogen und zurechtgelegt worden sein wird. Direkt, ehrlich, offen – das sind nicht die Attribute, mit denen man Armstrong zuallererst in Verbindung bringt.“

Die TV-Show ist selbstverständlich ausgeklügelte PR-Strategie. Da ist sicherlich nichts dem Zufall überlassen worden. Gleichzeitg auch ein gutes Lehrbeispiel für alle PR-Agenturen. Lehrstoff für den Umgang mit scheinbar ausweglos erscheinenden Situationen. Krisenmanagement in Reinkultur. The Guardian hebt derweil für das Publikum vorsorglich schon den Zeigefinger:

 „Die PR-Strategie der Tropf-fürTropf-Veröffentlichung wurde perfekt umgesetzt. Lasst Euch nicht verkohlen: Das einzige, was Lance derzeit beschäftigt, sind die Gerichtsverfahren, mit denen er umgehen muss.“

Eigentlich darf beim Thema Doping auch nicht die Stimme von Prof. Werner Franke fehlen. Der vielleicht bekannteste Dopingexperte Deutschlands flüchtet sich im Interview mit Focus Online unter dem Titel ,,Armstrong bei Oprah? Das ist für mich Satire!“ fast ein wenig in Ironie und verweist auch auf die Problemstellen im eigenen Land

,, Er hat ja immer noch beste Kontakte. Vielleicht kommen auch Georg Bush oder Bill Clinton während dieser Oprah-Sendung hereingeradelt, mich überrascht da nichts mehr, mich bringt das alles eher zum Lachen. Was mich aber stört: Jetzt zeigen wieder alle mit dem Finger auf die USA. Dabei darf in Deutschland niemand etwas Erschreckendes über die Geschehnisse dort sagen, hier geht es genauso zu. Hier gab es sogar noch nie eine Strafe für einen West-Sportmediziner wegen Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz oder wegen Beihilfe zur Körperverletzung. Das zeigt doch, wie korrupt das Land ist. In Deutschland hat auch noch nie ein Arzt wegen Dopings die Approbation verloren, das sagt alles.“

Menschenskinder, dass es den Begriff West-Sportmediziner 22 Jahre nach der deutschen Einheit noch gibt. Bei genauerer geografischer Ortung heißt es vielleicht dann irgendwann Süd-West-Sportmediziner. Ansonsten ist kehren vor der eigenen Haustür natürlich immer zu empfehlen. Gar keine Frage.

Die Heuchelei um Lance Armstrong wird so schnell kein Ende nehmen. Es ist guter Filmstoff. Gemixt mit allen Komponenten einer klassischen Hoolywoodstory. Irgendwann wird die Geschichte vom gefallenen Radsporthelden und Krebsbezwinger verfilmt werden. Da bin ich mir sehr sicher.

Greuther Fürth, BVB, Borussia Mönchengladbach und Bayern München mit Lust auf das DFB-Pokal Endspiel in Berlin 2012

Deutschland ist nicht üppig besetzt mit intellektuellen Köpfen. Einer der führenden Vertreter ist Jakob Augstein, Herausgeber von der Freitag und Kolumnist bei Spiegel-Online. Er prognostizierte kürzlich ein 2:0 für Luther. Seit Sonntag ist das Ding durch. Berlin hat die Gauck Tage eröffnet. Mit Merkel und Gauck jetzt zwei Protestanten in politischen Ämtern. Berlin ist ein gutes Stichwort. Jährlich drängeln sich viele Vereine um den Auftritt im Olympiastadion. 

Wenn ich es richtig überblicke kann es dieses Jahr nur zu diesen vier Varianten eines DFB-Pokal Finales in Berlin kommen:

Greuther Fürth – Borussia Mönchengladbach

Greuther Fürth – Bayern München

Borussia Dortmund – Borussia Mönchengladbach

Borussia Dortmund – Bayern München

Es wird jetzt schon heftig um die Eintrittskarten gerangelt. Wikipedia meint zum Ticketing:

 ,,Der Schlachtruf „Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin“ ist bei den Fans sehr beliebt. Auch fanden die Endspiele in Berlin stets vor vollen Rängen statt. Heute ist die Attraktivität des Endspiels so groß, dass viele Fans unabhängig von der Finalpaarung frühzeitig Eintrittskarten bestellen und die zur Verfügung stehenden Kartenkontingente bei weitem nicht ausreichen, um die Nachfrage zu befriedigen. Auch die beteiligten Vereine, die eigene Kartenkontingente für ihre Anhänger erhalten, klagen zum Teil heftig, dass die riesige Nachfrage nicht angemessen bedient werden kann.“

Ich könnte ja auch einem Finale Greuther Fürth gegen Bayern München etwas abgewinnen. David gegen Goliath. Bayern München hat in der Geschichte des DFB-Pokals 17 x das Endspiel erreicht. 15 mal ging der Pokal dann in die heimliche deutsche Fußballhauptstadt. Borussia Mönchengladbach holte seinen dritten und bisherigen letzten Pokalsieg im Jahr 1995. Borussia Dortmund gewann 1989 letztmalig ein Endspiel in Berlin. Ausgerechnet im geschichtsschwangeren  1989. Das Jahr der einschneidenden Veränderungen. Die von Jakob Augstein treffend benannte 2:0 Führung für Luther nahm ihren Lauf.

Was macht eigentlich Basketballfan Wulff?

Harald Schmidt nannte ihn gestern Abend in seiner Sendung bereits „Interimspräsident“. Die 500.000 EURO Kredit Frage steht weiter im Raum. Urlaubslisten werden diskutiert. Doch das Tagesgeschäft muss weitergehen. Der Basketballfan hat jetzt wohl auch die Fernsehaufzeichnung für die Weihnachtsansprache hinter sich gebracht. So ist aus gewöhnlich gut informierten Kreisen zu hören. CDU-Parteimitglied Christian Wulff ist weiter in den Schlagzeilen.

Deutschlands intellektuell führende Köpfe, Jakob Augstein und Frank Schirrmacher, haben sich mit messerscharfen Analysen der Personalie vom ,,Interimspräsident“ in den vergangenen Tagen auch angenommen. Jakob Augstein, Macher, Spiritus Rector und Herausgeber von der Freitag schreibt unter anderen:

,,Der in Hannnover offenbar übliche politische Alltag des allzu engen Miteinanders reicher Leute und ihrer Freunde aus der Politik erhält auch nicht dadurch mehr Rechtfertigung, dass es um so wenig geht: 6.600 Euro, liest man, habe Wulff durch den Freundes-Kredit im Jahr an Zinsen gespart. Die Summe ist erschreckend klein: Man wünscht sich, dass die politische Glaubwürdigkeit selbst eines niedersächsischen Ministerpräsidenten mehr wert ist. Aber ver­mutlich liegt der wahre Schrecken darin, dass Wulff bis zur Anfrage der Grünen gar nicht auf die Idee gekommen war, hier könne seine politische Glaubwürdigkeit auf dem Spiel stehen. Es ist eine provinzielle Affäre, in provinziellen Maßstäben mit provinziellen Beteiligten. Nur dass einer von ihnen heute Bundespräsident ist.“

Dabei war sein Vorgänger im Amt ( sein Name war Köhler) auch keine Lichtgestalt. Er warf damals den Stab hin wie ein lustloser Harald Schmidt einst seine Sendung. Der Entertainer kam wieder. Ist eigentlich in diesen Tagen ein Rücktritt zu erwarten? Aus eigenen Stücken? Oder medial unter Druck mit Hilfe der Bild? Im Frühjahr konnte sich Schachspieler Karl-Theodor zu Guttenberg nicht mehr im Amt halten. Trotz Hilfe vom auflagenstarken Boulevardblatt. Jetzt hat sich die Zeitung nicht auf die Seite von Christian Wulff geschlagen. Warum eigentlich? Diese Frage wirft Jakob Augstein in seinem obig verlinkten Artikel ebenfalls auf.

Die jetzige Salamitaktik vom Basketballfan zeigt unabhängig der unterschiedlichen medialen Begleitung durch Bild einige Parallelen zum spektakulären Abgang des Verteidigungsministers auf. Zum Beispiel das ausgesprochene Vertrauen der protestantischen Pfarrerstochter Merkel in beide Personen. Das Scheibchenweise zu Tage kommende Gesamtbild. Kommunikation, die jedem Trainer in der Branche die Schweisstropfen auf die Stirn zaubern würde.

Auch Frank Schirrmacher hat sich mit Herrn Wulff beschäftigt. Der Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung schreibt in seinem Artikel Der Kredit des Präsidenten unter anderen:

 ,,Dass Christian Wulff nicht verstanden hat, dass es ausschließlich darauf ankommt, wie er mit der Affäre umgeht, also: wie er redet, ist bizarr. Die Frage, ob ihn der Freundesdienst abhängig machte, ist durch das Verschweigen im Landtag bereits beantwortet. Die Frage, ob sich daran etwas geändert hat, durch die rabulistische Erklärung des Präsidialamts auch: Wir können nicht beantworten, so die Botschaft, was nicht gefragt wurde. Man hätte auch „Hamlet“ zitieren können: „Die Dinge so betrachten, hieße, sie zu genau zu betrachten.“

Aber das muss man: genau betrachten. Das Staatsoberhaupt muss in der größten Kredit- und Finanzkrise der Jetztzeit in der Lage sein zu reden, ohne dass die Leute anfangen zu lachen.“

Da lobe ich mir doch Margot Käßmann. Ihr Rücktritt hatte Stil. Kompromisslos, klar und zur rechten Zeit zog sie die persönlichen Konsequenzen.

Mentale Einstimmung auf die Tour de France 2011

Nein, heute wird kein Tatort geschaut. Ich mag nicht. Zeit Online titelt Gefangen im Klischee und beschäftigt sich mit dem Krimi zur 20.15 Uhr Prime Time zum Thema Frauenfußball und wagt auch einen Rückblick:

,,Eigentlich undenkbar in Zeiten der „schönsten WM aller Zeiten“ 2011: Als Kind durfte Tatort-Kommissarin Ulrike Folkerts in einem Dorf bei Kassel noch in keinem Verein spielen.“

Der Fernseher bleibt heute Abend aus. Dabei mag ich das Ermittlerduo Folkerts und Hoppe. Doch mir wird das Frauenfußball Thema einfach zu laut, zu marktschreierisch, zu nervend, mit dieser einfach unsensibel angeschmissenen Marketingmaschinerie angeboten. Ich muss leider ablehnen.

 Stattdessen wird es noch ein wenig mentale Einstimmung auf die Tour de France geben. Ich werde mir noch einige spektakuläre Interviews zu Gemüte führen. Da fällt mir doch das Frage-Antwort Spiel zwischen Matthias Dell und Filmemacher Pepe Danquart sowie Theatermacher René Pollesch auf Der Freitag aus dem Jahr 2009 ein. Legendär. Dieses Interview hat einfach Charme. Alleine der Einstieg in das Gespräch:

Pepe Danquart (kommt etwas später): ,,Entschuldigung, ich musste noch die Etappe zu Ende gucken.“

Danquart, Macher des Films Höllentour   im weiteren Verlauf des Interviews zur Tour de France und einstweiliger Sehgewohnheit während der Frankreichrundfahrt:

,,Das stimmt. Ich hab‘s eine Weile nicht mehr angeguckt. Die Deutschen haben so eine Art, was sie machen, richtig zu machen, und wenn sie gegen Doping sind, dann so, dass man‘s nicht mehr ertragen kann. Das war eine richtige Hysterie. Wobei ich mich dann immer frage, warum Langstreckendistanzen bei Olympia übertragen werden. Oder Wintersport. Eisschnelllauf.“

Nach dem erneuten intensiven Lesen des Interview ist meine mentale Einstimmung auf den 2. Juli 2011 jedoch noch nicht beendet. Ich brauch jetzt noch eine Prise philosophisches zur Tour. Da gibt es ja noch jenes Spiegel Interview mit Hobbyradler und Philosoph Peter Sloterdijk unter dem Titel Hundsgewöhnliche Proletarier aus dem Jahr 2008. Lance Armstrong wird aus dem proletarischen Basislager herausgenommen und bekommt folgende Worte zu lesen:

,,Etwas in dieser Art, ja. Da soll ein numinoser Sprung passieren, wie man es zuletzt 2003 an Lance Armstrong auf der Pyrenäenetappe nach Luz Ardiden beobachten konnte, als sein Lenker bei einem Anstieg in der Plastiktüte eines Zuschauers hängenblieb, so dass er stürzte, elf Kilometer vor dem Ziel. Daraufhin geschah das, was Barthes ein halbes Jahrhundert zuvor den „Jump“ genannt hatte. Ein plötzlicher Energiestoß, der Armstrong erlaubte, mit dem Zorn des Achilles noch einmal anzugreifen. Der trieb ihn zum Gipfel und an allen Konkurrenten vorbei.“

Lance Armstrong wird dieses Jahr nicht mehr an den Start gehen. Sein Comeback hat einst für Schlagzeilen gesorgt. Der Teamkollege von 2009, Alberto Contador, geht jedoch auch munter 2011 an den Start. Die Kritik vom ehemaligen Gerolsteiner Radsport-Teamchef Michael Holczer am erneuten Start von A.C. (bei Spox nachzulesen) wird den Spanier nicht tangieren. Contador geht da unbeirrt seinen eigenen Weg. Die Geschichte mit dem Fleisch wird aus seiner Sicht wohl auch total überbewertet.

Die Tour braucht natürlich wieder Helden und Wasserträger. Es gehen ja wieder die zwei Schleck Brüder an den Start. Im Leopard Trek Team stehen mittlerweile mit Linus Gerdemann, Fabian Wegmann, Jens Voigt, Robert Wagner und Dominic Klemme 5 Deutsche unter Vertrag. Weitere Mitglieder im illustren Kreis des luxemburgischen Teams sind Fabian Cancellara oder Stuart O’Grady. Hier geht es zur kompletten Mannschaft auf wikipedia.

Zum Abschluss zieh ich mir auch nochmals das damalige Sonntagsinterview vom Tagesspiegel mit Jörg Jaksche unter dem Titel „Am Ende war ich der Idiot“ rein und schau kurz dabei aus dem Fenster in die phantastische Landschaft am Bodensee. Jaksche prägnant:

,,Diese ganzen Schreihälse, die gerufen haben: der Ullrich, der Ivan Basso, der Jaksche – auf den Scheiterhaufen mit ihnen, verbrennt sie! Die waren mir schon immer zuwider. Der selbst gedopte Bjarne Riis hat viermal am Tag gesagt, der Basso ist für mich wie ein Bruder, und plötzlich war er ganz enttäuscht, als Basso erwischt wurde.“

Enttäuschung. Ein großes Wort. Enttäuschung ist auch immer das Ende der Täuschung.