Der Blick auf den Zwischenstand

Zum obligatorischen Espresso hatte Melinda, Toms Haushälterin, diesmal noch eine Kleinigkeit beigefügt. Aus einer feinen und kleinen Pralinenmanufactur hatte sie handverlesen 6 Kostbarkeiten mitgebracht. Heute gab es Kokostrüffel. In der Beschreibung, die Melinda von der freundlichen Dame in der Confiserie mitbekommen hatte, las sich dies so:

Kokostrüffel. Eine Reise in die Südsee. Vollmilch-Canache mit feinem Kokosgeschmack und leckerem Kokoslikör, eingebettet in zarte Kokosraspeln.

Auf dem kleinen Porzellanteller hatte es auch noch Platz für eine zweite Praline gegeben. Die anderen vier bekommt Tom Dienstag und Mittwoch von Melinda serviert. Er ist ja an seinem PC in Sachen Sportwette immer sehr konzentriert. Für heute hatte die liebenswürdige Haushälterin noch einen Ceylon-Zimttrüffel beigefügt. Der Text war ein Versprechen:

Ceylon-Zimttrüffel. Edler Ceylon-Zimt und etwas aromatischer Jamaikarum geben dieser feinen Vollmilchcanache ihr Aroma. Haselnüsse und Zimt umhüllen dunkle Schokolade.

Tom hatte nicht nur bei der Auswahl der siegbringenden Sportwetten eine glückliche Hand. Melinda hatte er einst aus einer Bewerberschar ausgewählt . Ein Glücksgriff. Doch jetzt tauchte der Wettprofi wieder in seinen Kosmos. Einige Spiele liefen bereits. Zeit für die Zwischenstände. Konzentriert schauen die blauen Augen von Tom auf den Bildschirm gespannt unter Livescore und zufrieden nimmt er die Zwischenergebnisse auf. Alles läuft nach Plan. Später wird es traditionell noch ein paar geschnittene frische Ananas geben, wenn die Türklinke wieder sachte hinunter geht. Solche in den Alltag integrierten Rituale möchte er nicht missen.

Beim 4:2 beschlich Tom ein eigenartiges Gefühl

Selbstverständlich hat Tom auch bereits in seiner langen Laufbahn eine Achterbahn der Ergebnisse mitgemacht. Zwischenstände können erheblich vom Endergebnis abweichen. Erst im vergangenen Herbst. Deutschland gegen Schweden. Eigentlich wieder so ein klares Ergebnis. Sieg auf die Löw-Elf. Tom hatte bei dem Zwischenergebnis von 3:0 das Geld noch nicht auf seinem Konto gesehen. Dafür hatte sein Vater ihm immer eingeimpft, den Schlusspfiff abzuwarten. Doch bei dem 4:0 war Tom guter Dinge. Später kam dann dieser Ibrahimovic zum Torerfolg. Stand 4:1. Tom war die Ruhe in Person.

Als die Löw Truppe förmlich um Gegentore bettelte und es nun bereits 4:2 stand beschlich ihn ein eigenartiges Gefühl. Tom schaute erstmals besorgter auf die Uhr. Irgendwas bahnte sich da vielleicht an. Ein weiterer Blick auf den Zwischenstand gab dann gar ein alarmierendes 4:3 kund. Tom hatte eine dreistellige Summe auf einen Sieg für Deutschland gesetzt. Eigentlich antizyklisch. Denn beim Freundschaftsspiel in Düsseldorf nach der EM gegen Argentinien hatte er gegen die Löw Elf gesetzt und konnte sich auf die Südamerikaner verlassen. Die Gauchos waren nicht zu gefährden. Doch zurück zum Schweden-Spiel. Tom musste beim nächsten Livescore ein 4:4 sehen. In solchen Momenten bekommt Tom seine Emotionen immer sehr schnell in den Griff. Ganz ruhig geht sein Atem. Seine Augen blicken fest. Es gibt dann von ihm keine überhasteten Jetzt-Erst-Recht Wetten.

Tom analysiert dann immer in Ruhe. Mit dieser skandinavischen Effektivität müsste es doch mit dem Teufel hergehen, wenn die Truppe um Ibrahimovic nicht im Spiel gegen England den Sieg davon trägt. So die Gedankengänge im Herbst nach der Berliner 4:4 Nummer. Nun, der Ausgang des Spiels zwischen Schweden und England ist bekannt. Zlatan Ibrahimovic schenkte den Engländern beim 4:2 in Solna alle vier schwedischen Tore ein und zelebrierte einen Hattrick und diesen spektakulären Fallrückzieher aus 25 Metern.

Was macht eigentlich Diego Maradona?

Es gab eine ganze Reihe von grauen Trainern bei der Südafrika WM 2010 im Fußball. Einer war bemerkenswert bunt. Ein schillernder Paradiesvogel. Er war Hauptakteur in Deutschland gegen Argentinien oder Maradona – ein Grenzgänger zwischen Genie und Wahnsin. Teil 1. Sein Jahrhunderttor wurde von mir verbal in Erinnerung gerufen und ich grub ein ganz altes Werbevideo vom jungen Diego Maradona aus. 

In Teil 2 gab es einen Rückblick auf eine Lehrstunde von Maradona gegenüber Löw in München und Frozzeleien von Schweinsteiger und den kühlen Konter von Maradona. Zur Bonuszugabe eine Videofrequenz vom WM Sieg 86 Argentiniens unter Führung von Diego Maradona. Franz Beckenbauer wird sich erinnern. Toni Schumacher oder Lothar Matthäus ebenfalls. Rudi Völler und Karl-Hein Rummenigge auch. Die 2:3 Niederlage tat richtig weh. Es gewann die Mannschaft mit dem herausragenden Individualisten dieser WM. Maradonas Spiel war einzigartig, notfalls nahm er auch die Hand zu Hilfe. Ihm gelang damals einfach alles.

 In Teil 3 von Deutschland gegen Argentinien oder Maradona – ein Grenzgänger zwischen Genie und Wahnsinn gab es den Hinweis auf ein bemerkenswertes Interview vom argentinischen Volksidol vor dem Spiel gegen die Mannschaft von Übungsleiter Löw und den Hinweis auf die Kritik vom Präsident des Steuerzahlerbundes, Karl-Heinz Däke, am Flug eines weiblichen CDU-Parteimitglieds nach Südafrika, der protestantischen Pfarrerstochter Angela Merkel. Die Kosten der Flugstunde einer Regierungsmaschine belaufen sich laut Däke auf 10 000 Euro. Wer Lust hat kann ja selber noch ein wenig in den genannten 3 Teilen schmökern, stöbern und ein wenig quer lesen. Dazu gab es im letzten Teil auch eine Videosequenz von Maradonas Jahrhunderttor gegen England.

Einen Einblick in das facettenreiche Leben des kleinen (166 cm) und großen Ballzauberers erhält das geneigte Publikum auch beim betrachten der Fotogalerie incl. aller Gewichtsschwankungen, Achterbahnen des Gemüts, emotionalen Vulkanausbrüchen und Tiefschlägen mit Folgen.

Jetzt trainiert der 50-Jährige Exzentriker Al Wasl Club aus Dubai in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Gern trägt er, an der Seitenlinie vollen Körpereinsatz zeigend, zwei Armbanduhren.  Ein grauer, farbloser, stinknormaler Trainer wird er nicht mehr werden. 3 Auftaktniederlagen folgte dann auch prompt der erste Sieg, begleitet wieder von Schlagzeilen, die kein zweiter so schnell und intensiv provoziert wie Maradona.

Nachdenkenswert #62

„Deutschland hat gegen Spanien so gespielt wie gegen England und Argentinien. Das hätte im Halbfinale gegen jede andere Mannschaft gereicht. Nur halt nicht gegen Spanien. Ich persönlich finde es zum Kotzen, dass wir Holländer im Finale nicht gegen Deutschland spielen.“

           Johan Cruyff, Fußballvizeweltmeister 1974, auf spox

Hinz und Kunz über Maradona und ein Testspiel

Hinz: Hallo Kunz, schön Dich zu sehen. Du hast ja so richtig glänzende Augen vor Freude.

Kunz: Ja, endlich wieder ein Fußball-Klassiker. Herr Ober, bitte zwei Havanna Zigarren Upmann Connaisseur No.1 aus dem Humidor, 2 argentinische Rindersteaks mit frischen Champignons, Frühlingsgemüse, Butterreis, einen kleinen Salat und bitte den Fernseher etwas leiser stellen. Kommentar des TV Senders brauchen wir nicht. Die Moderatoren sind uns zu geschwätzig. Zum Essen nehmen wir einen kraftvollen Malbec aus Mendoza.

Hinz: Mensch, Kunz. Du gehst ja ganz schön ran. Ich habe längere Zeit keine Zigarre mehr geraucht. Wir sollen wohl eine Diego Maradona Gedächtnis Zigarre rauchen?

Kunz: Ich nenne das mentale Einstimmung auf ein Fußballspiel. Wir Fans müssen das viel mehr zelebrieren. Der Maradona schert sich einen feuchten Kehricht was Leute über ihn denken oder schreiben.

Hinz: Er hat jedoch alle Höhen und Tiefen mitgemacht. Kannst Du Dich noch an sein Jahrhunderttor erinnern?

Kunz: Ich sehe es sofort wieder vor mir. Wir schreiben den 22. Juni 1986. Mexiko-Stadt. Das Aztekenstadion. Im WM Viertelfinale trifft Argentinien auf England. Durch ein Tor mit der Hand Gottes bringt Diego Armando Maradona seine Mannschaft mit 1:0 in Führung. Dann erleben wir die spektakuläre 54. Minute. Hector Enrique spielt einen Pass auf Maradona. Er nimmt den Ball in der eigenen Spielhälfte an. Mit Ball am Fuß und einer bewunderswerten Leichtigkeit und Zielstrebigkeit läuft Diego in Richtung Shilton Tor. Auf einer Distanz von 60 Metern umkurvt Maradona englische Spieler reihenweise, wie kürzlich Maria Riesch die Slalomstangen. Die ersten die dran glauben müssen sind Glen Hoddle, Peter Reid, Kevin Sansom. Später folgen Terry Butcher sowie Terry Fenwick. Die englischen Fußballer sind Statisten in einem der historisch schillerndsten Augenblicke des Fußballs. Maradona hat noch einen vor sich. Den englischen Torwart Peter Shilton. Er läßt den Keeper aussteigen und schießt den Ball zum 2:0 für die argentinische Mannschaft ins Tor. 

Hinz: Wahnsinn. Das schönste Tor?

Kunz: ,,Der Tod des Glücks ist der Vergleich“ sagt Dr. Reinhard Sprenger. Lass es einfach stehen. Es war ein Jahrhunderttor.

Hinz: Diego Maradona hat ja als Spieler auf dem Feld alles an Fertigkeiten gehabt. Im richtigen Leben gab es jedoch oft entsetzliche Fehltritte und Zweifel an seiner Persönlichkeit. Drogenskandal bei der WM 94, Magenverkleinerung, mit der Schrotflinte auf Journalisten gezielt und geschossen, die Bilder mit Fidel Castro, Entziehungskuren, rote Karten, Beschimpfung von Journalisten mit sehr derber Sprache unterhalb der Gürtellinie.

Kunz: Natürlich ist Diego Maradona ein Grenzgänger zwischen Genie und Wahnsinn. Herr Ober, Danke.

Hinz: Kunz, die Zigarre macht Dich noch männlicher.

Kunz: Ich weiß, dass ich eine Mischung zwischen Brad Pitt, Marlon Brando und Robert De Niro bin. Also Hinz piano. Was macht eigentlich Deine Frau heute Abend?

Hinz: Sie ist zum Nähkurs. 15 Stunden sind erstmal gebucht worden. Jetzt schneidert sie ein Kleid. Ich bin gespannt, den Stoff habe ich schon gesehen. Lieber Kunz, was macht denn Deine Frau heute Abend?

Kunz: Sie treibt aktiv Sport. Im Fitness-Studio wird gestrampelt und ich finde es wichtig das unsere beiden holden nicht zu Hause sitzen und Däumchen drehen. Am Samstag treffen sich beide übrigens zum Cappucino im Cafe Finale in der Innenstadt. Da können wir beide wieder in Ruhe Fußball schauen.