Deutschland läuft unter ferner liefen bei der Schacholympiade 2010 in Khanty Mansijsk ein

Nein, mit Ruhm hat sich die deutsche Schachnationalmannschaft in Sibirien nicht bekleckert. Bei den Männern gab es einen desillusionierenden Platz 64. Hier geht es zur ernüchternden Tabelle der Herren. Die Frauen belegen Rang 25. Hier geht es zur Übersicht bei den Damen.

Zwischendurch verlor der Präsident des DSB, Robert von Weizsäcker, auch noch die ECU-Wahl deutlich. Der Manager von Vizeweltmeister Topalov, der charismatische Silvio Danailow, erzielte einen souveränen Wahlsieg. Beim WM-Kampf in Sofia hatte er auch seine Stärke in der Akquise von Sponsoren gezeigt. Über die Bemühungen des Deutschen Schachbunds beim Sponsoring seit der Schacholympiade 2008  hülle ich lieber den Mantel des Schweigens.

Auch bei der FIDE Abstimmung lief es für Deutschland nicht gut. Es wurde mit harten Bandagen gekämpft. Robert von Weizsäcker bekam einen Schwächeanfall. Bei  Zeit Online berichtet Stefan Löffler über die Umstände unter dem Titel Die deutsche Schachkrise. Der vom deutschen Schachbund unterstützte Exweltmeister Anatoli Karpow verlor gegen Kirsan Iljumschinow. Dank des Löwenanteils der Stimmen aus Afrika und Asien bleibt der umstrittene Iljumschinow bis 2014 FIDE-Präsident. Robert von Weizsäcker ist inzwischen gesundheitlich wieder auf  den Beinen.

In Deutschland zählt Stefan Löffler zu den letzten Mohikanern der überschaubar gewordenen kritischen Schachblogger-Szene. Im Blog auf der Schachwelt rät er generell zum Neustart und fasst die Schachkrise zusammen.

,,Welch ein Debakel für den Deutschen Schachbund zwei Jahre nach der Schacholympiade im eigenen Land. Welch ein Niedergang für diesen international lange bewunderten Verband.“

Stefan Löffler benennt die offenen Flanken. Er spricht Klartext. Der gute alte Bertolt Brecht hat ja einst sinngemäß gesagt -Kritik soll immer mit einem Verbesserungsvorschlag einhergehen-. Schachexperte Löffler schlägt rauchende Gehirnzellen vor:

,, Jetzt müssen Köpfe rauchen (für Konzepte) und rollen ausgetauscht werden (für einen Neustart). Baustellen gibt es viele, die prominentesten heißen Nationalteam, Deutsche Meisterschaft, Bundestrainer.“    

Was schreibt eigentlich Georgios Souleidis zum Abschneiden der deutschen Nationalmannschaft bei der Schacholympiade 2010? Im Blog Schwatt und Weiß auf Der Westen schüttelt er verbal den Kopf und ringt nach Worten:

,,Das deutsche Herren-Team leistete sich in der letzten Runde ein peinliches 1:3 gegen das Team des internationalen Gehörlosenverbands. Damit wurde das gesamte Bild zerstört – Platz 64, knapp hinter Ländern wie Pakistan, Singapur oder Albanien – es fehlen einem fast die Worte. Die deutschen Frauen waren auch nicht wirklich erfolgreicher. Nach Erwartung im Minus und Platz 25 für das junge Team.“

Ich werde die nächsten Tage gemütlich eine Partie Schach in einer Nürnberger Buchhandlung spielen. Die Vorfreude ist da.

Sparkassen Chess-Meeting Dortmund

Schachweltmeister Viswanathan Anand relaxt in seiner Heimat im korbgeflochtenen Liegestuhl und in Dortmund geht es derweil in die letzten 2 Runden vom Sparkassen Chess-Meeting. Der Hat-Tip geht an Stefan Löffler von der Schachwelt.

Turm in der Schlacht

 © Michael Alber: Pixelio 

Ein Blick auf die Turniertabelle von Dortmund läßt den vermutlichen Sieger erahnen. Der 26-Jährige Ruslan Ponomariov aus der Ukraine führt nach seinem Sieg gegen Arkadij Naiditsch mit einem Punkt Vorsprung vor Shakhriyar Mamedyarov und Liem Le Quang. Aus meiner eigenen Turnierpraxis in der Jugend kenne ich jedoch auch die Tücken der letzten zwei Runden.

Am heutigen Sonnabend steht für Ponomariov (mit Schwarz) die Schachpartie gegen Mamedyarov aus Aserbaidschan an. Ein möglicher Stolperstein. Hier geht es zur Live-Berichterstattung ab 15.15 Uhr. Der morgige Sonntag sieht dann die Partie Ponomariov (mit Weiß)  gegen Le Quang vor.

Die Dortmunder Sparkasse ist Hauptsponsor des Schachturniers. Dies wird auch so bleiben. Der Sparkassenchef Uwe Samulewicz gab bereits im April 2010 ein klares Statement ab:

„Das Turnier bleibt Bestandteil unserer Geschäftsphilosophie – egal wie sich die Finanzsituation weltweit entwickeln wird.”

Hier gibt es den Überblick über die übrigen Sponsoren. Am Donnerstag machte Exweltmeister Anatoli Karpow dem Turnier seine Aufwartung und eröffnete die 7. Runde. Nebenbei nutzte er die Zeit für Werbung in eigener Sache. Karpow will im Herbst FIDE-Präsident werden.

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Artverwandte Artikel zum Thema

Schachlegende Karpow im Revier – Der Westen

Dortmunder Schachtage   – bei Wikipedia

Schach soll endlich wieder populärer werden – Karpow Interview

                                          mit Dagobert Kohlmeyer auf chessbase

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In Sachen sportspool.tv und die tägliche Presseschau

Es gibt eine gute Nachricht für alle Sportfreunde. Zur Zeit der monetären Festspiele von Joseph S. Blatter und Co. gab es die tägliche WM-Presseschau von sportspool.tv mit feinen Zwischentönen.

             Wien - Cafe Central 4

              © Rainer Sturm: Pixelio

Erfreulicherweise gibt es keine Sommerpause. Der unabhängige Online-Dienst von Fred Kowasch powert weiter.

,,Nachdem unsere WM-Presseschau auf so großes Interesse gestoßen ist, haben wir uns entschlossen, diese Sache fortzusetzen. Jeden Morgen gibt es einen Überblick über die Sportgeschichten aus dem Netz. Bissig und zuweilen unfair kommentiert, aber immer frisch und unabhängig. Wir wollen euch Gerüchte und Originalquellen nicht vorenthalten, einen Einblick in den Dunstkreis des Spitzen- und Breitensportes geben.“

Wenn es die tägliche Presseschau von sportspool.tv nicht schon gäbe, müsste sie erfunden werden.

Nicht ganz so medial im Bühnenlicht der deutschen Presse steht meistens das Königliche Spiel Schach. Zur Zeit läuft ja das Sparkassen-Chess Meeting in Dortmund und am Donnerstag, den 22. Juli, eröffnet Exweltmeister Anatoli Karpow die 7. Runde. Anschließend gibt der Schachchampion aus der Nach-Bobby Fischer Ära eine Pressekonferenz im Rathauscafe.

Anand kann Topalov auch in der 10. Partie nicht besiegen

Die beiden Hauptakteure auf der Bühne von Sofia machen es spannend. Das 10. Match endete mit einem Remis nach 60 Zügen. Chesstigers merkt an:

,,Gegen Ende der Partie war es sogar Topalov, der das Remis anstreben musste und zum ersten Mal – oh Wunder – war keine dreimalige Stellungswiederholung nötig, man einigte sich, bevor der herbeieilende Schiedsrichter am Brett war, auf das Unentschieden! Beim darauf folgenden Handshake berührten sich die Hände der Kontrahenten zwar nur für den Bruchteil einer Nanosekunde, aber immerhin!“

May 03, 2010 - Sofia, Bulgaria - (100503) -- SOFIA, May 3, 2010 (Xinhua) -- World chess champion Viswanathan Anand (L) of India competes against Bulgarian chess grandmaster and former world chess champion Veselin Topalov during their seventh game of the FIDE World Chess Championship in Sofia, Bulgaria, May 3, 2010.. (Xinhua/Velko Angelov.

Freunde werden Anand und Topalov sicherlich nicht mehr in diesem Jahr, jedoch scheint mir dies bei weitem nicht vergleichbar zu sein mit dem Nicht-Verhältnis zwischen Karpow und Kortschnoi 1978 in Baguio. Das war schon sehr bizarr. Da gehen Topalov und Anand fast wie Kumpels miteinander um.

Im besagten Schach-WM-Kampf 1978 auf den Philippinen gab es einen gnadenlosen Nervenkrieg. Er hatte bleibende Spuren hinterlassen. Dies liest der neutrale Betrachter auch aus dem FAZ Interview mit Anatoli Karpow im September 2006:

,,Mit zwei anderen Schachlegenden, Garri Kasparow und Viktor Kortschnoi, haben Sie sich erbitterte Kämpfe geliefert. In Zürich trafen Sie kürzlich beide wieder. Sie teilten mit Kasparow den ersten Platz, Kortschnoi wurde Letzter. Wie reagierte er?

Nun, er ist mit 75 Jahren nicht mehr der Jüngste. Wenn er verliert, sucht er die Gründe selten bei sich, sondern meist beim Gegner. Ich könnte Ihnen viele Beispiele dafür nennen.“

So richtig Frieden hatte Karpow da mit Kortschnoi noch nicht gemacht. 28 Jahre nach dem Baguio Match.  Wer obige Ausfahrt zum Interview verpasst hat, hier geht es zum kompletten Interviewtext. Karpow nimmt Stellung zu den Dopingvorwürfen von Kortschnoi, bezeichnet Topalov im heutigen Schach als den Fighter schlechthin, spricht über seine Briefmarkensammlung und deren Verwahrung in Safes verschiedener Bankhäuser. Aufmerksame Leser wissen über die Symbiose von Fußball und Schach in meiner Kindheit und Jugend. Daher fand ich die Abschlußfrage von Dagobert Kohlmeyer an Anatoli Karpow und die offene Antwort sehr aufschlußreich:

,,Heute vertreiben Sie unter Ihrem Namen auch Schachspiele aus edlem Material, die 25.000 Dollar und mehr kosten. Wer kauft so etwas?

Es gibt genügend Interessenten. Bisweilen verschenke ich sie an berühmte Leute. In Buenos Aires war ich zu Diego Maradonas Talk- Show im dortigen Fernsehen eingeladen. Ich überreichte dem Fußballgott, der kein starker Schachspieler ist, ein wertvolles Spiel aus Elfenbein. Aber es wurde noch während der Sendung aus dem Studio gestohlen!“

Diego Maradona ist für eine Schlagzeile auch immer gut. So jetzt nochmals ein Schwenk auf das 10. Match zwischen Viswanathan Anand und Topalov. Chessbase schreibt zur gewählten Grünfeld-Verteidigung vom amtierenden Weltmeister:

,,Damit hatte Anand in der ersten Partie zwar böse Schiffbruch erlitten, aber nachdem er in der Slawischen Verteidigung zuletzt mehr und mehr unter Druck geraten war und in der 8. Partie nach langer Verteidigung in Remisstellung mit einem schlimmen Fehler verlor, kam er nun darauf zurück.“

Am Sonnabend wird in Sofia kein Schach gespielt. Offizieller Ruhetag. Zeit die Kräfte, insbesondere die Konzentration, nochmals zu bündeln. Topalov ist in seinem Sofioter Wohnzimmer nicht in der ungünstigsten psychologischen Ausgangssituation. Vor dem Wettkampf hat der 35-Jährige bulgarische Herausforderer mehrfach auf den 5-Jahres Unterschied zwischen ihm und Anand (40) hingewiesen. Ich hielt das für übertrieben und ein wenig auch für ein Psychospielchen. Anand hat in 11. Partie am Sonntag weiß und wird einen Big-Point setzen wollen. Wird Topalov gegenhalten?

Es bleibt sehr spannend.

Noch 4 Tage bis zum Schach-WM-Kampf Anand-Topalov

In 4 Tagen ist die Farbauslosung des Schach-WM-Kampfs Anand-Topalov in Sofia. Während die Schachwelt dem Kampf entgegenfibert bastelt ein Exweltmeister an seiner Funktionärslaufbahn und will FIDE Präsident werden. Anatoli Karpow und seine Freunde machen geschickte Spielzüge. Der Journalist und Internationale Meister Stefan Löffler hat einen spezifischen Blick auf die Aktivitäten von Karpow geworfen und verweist auch auf den Facebook Auftritt des ehemaligen Schachchampions.

LYON, FRANCE - NOVEMBER 5: Anatoli Karpov (L) and Garri Kasparov (R) are seen during the World Chess Championships at the Palais de Congress on November 05, 1990 in Lyon, France. (Photo by Bongarts/Getty Images)

Bei Karpow denke ich natürlich an die legendären K+K Duelle zurück. Erst Viktor Kortschnoi und später Garri Kasparow. 1975 gab es ja leider nicht den von der Schachwelt erhofften Kampf Bobby Fischer gegen Anatoli Karpow. 1972 hatte der Amerikaner im Schachmatch des Jahrhunderts eine 25-jährige Schachvorherrschaft der Sowjetunion beendet. Das Genie Fischer trat 1975 nicht gegen den Herausforderer Karpow an, daraufhin entzog ihm der Weltschachbund FIDE den Titel.

So wurde vor 35 Jahren die Schach-WM Krone kampflos an den Absolventen der Botwinnik Schachschule überreicht. 1978 gab es dann jenes erbitterte Duell zwischen Karpow und Kortschnoi in  Baguio auf den Philippinen. Es war auch ein Kampf eines linientreuen Schachspielers gegen den Dissidenten Kortschnoi. Im Interview mit der FAZ im Jahr 2006 bezog Karpow deutlich Stellung zu den damaligen Dopingvorwürfen gegen ihn:

,,Diese Story gehört zu seinem Verleumdungsrepertoire. Ich nahm während der Partien Joghurt zu mir. Das war speziell für das Match auf den Philippinen von der sowjetischen Akademie der Wissenschaften entwickelt worden. Nicht als Dopingmittel, sondern als Energiespender. Klar ist, daß eine mehrstündige Schachpartie viel Kraft kostet. Indes soll man vor dem Spiel nicht zuviel essen, das macht müde. So kamen sie in Moskau auf die Lösung mit dem Joghurt.“

Kocharena für Schachweltmeister. Ob Karpow die Zutaten kannte…

,,Nein. Der Erfinder, Akademiemitglied Pokrowski, starb ein Jahr nach dem Match. Der renommierte Gelehrte nahm das Rezept mit ins Grab. Er hatte etwas leicht Verdauliches entwickelt, das sich schnell im Körper verteilt und dennoch Energie spendet. Eine ganz einfache, logische Sache, aus der Kortschnoi eine böse Geschichte machte, die er bis heute gern erzählt.“

Das andere K+K Duell waren jene Schach-WM Kämpfe mit Garri Kasparow. Die Duelle bieten Stoff für mehrere Schachbücher. Sonderlich symphatisch waren sich beide nie. Die Medien stilisierten die Partien auch gerne zum Duell des angepassten Karpow gegen den Rebell Kasparow. Der Bamberger Karl-May-Verleger Lothar Schmid wurde im Interview mit chessbase zur geschichtlichen Bedeutung von Karpow und Kasparow gefragt:

,,Sie ist außerordentlich. Beide waren in ihrer Art zu spielen, ganz einmalig. Ihre Partien hatten Größe und Schönheit. Kasparow zeigte geniale Kombinationen, Karpows Figurenmanöver waren sehr filigran, er spielte fast ohne Fehler. In einer ewigen Bestenliste würde ich beide Spieler auf Platz 2 und 3 hinter Bobby Fischer einordnen.“

Großmeister Lothar Schmid war Schiedsrichter des Jahrhundertkampfs 1972 in Reykjavik zwischen Bobby Fischer und Boris Spasskij. Er verweist auf die Einmaligkeit des unkonventionellen Schachgenies:

,,Er kam aus einer anderen Welt und war Autodidakt. Dass Fischer es ohne entsprechendes Hinterland bis zum Gipfel des Schacholymps geschafft hat, zeigt seine einmalige Größe. Er gewann ein dramatisches Match, bei dem man den großen politischen Einfluss der Russen im Hintergrund durchaus spürte.“

Politischer Einfluss der Russen ist ein gutes Stichwort. Wird Anatoli Karpow neuer FIDE Präsident? Im Artikel From Russia with Love verweist Stefan Löffler auf einen gewichtigen Entscheidungsträger:

,, Der Kreml hat mehr zu sagen im heutigen Schach als die meisten wissen: Alexander Schukow, einer von Russlands Vizepräsidenten, führt den Russischen Schachverband. 2006 und 2008 drückte er WM-Kämpfe für Kramnik durch. 2010 entscheidet er, ob Russland Iljumschinow oder Karpow für die FIDE-Präsidentschaft nominiert. Bis Ende Juni ist damit wohl offiziell Zeit.“

Derweil scharren Viswanathan Anand und Veselin Topalov mit den Füßen. Ihr Schach-WM-Kampf rückt näher. Die Schachexperten erwarten ein enges Match. Topalov trainierte auf Mallorca sowie den Kanaren und ist seit Anfang April wieder in seinem Heimatland Bulgarien. In Sofia erwarten sie den Sieg von Herausforderer Topalov. Der psychologische Druck liegt deshalb ein wenig mehr bei ihm. Andererseits ist Viswanathan Anand der Titelverteidiger und hat die Schach WM Krone zu verlieren. Anand hat in Deutschland trainiert und erholte sich noch ein wenig in Spanien. Zwei Millionen Euro Preisfonds sind beachtlich und auf das Verhandlungsgeschick und die Cleverness des gut vernetzten Silvio Danailow zurückzuführen. Der Topalov Manager hat die erfreulichen monetären Rahmenbedingungen mit auf den Weg gebracht.