Kritik an der Schachbundesliga, Ulrich Geilmann, Zuschauerdefizite und mangelndes Interesse der Medien

Die Schachbundesliga hat mehrere Probleme. Da wäre die Zuschauerresonanz. Die Zahl der Schachfreunde die Live vor Ort die Partien der Schachbundesliga verfolgen hält sich in überschaubaren Grenzen. 2014 schrieb der in Moskau geborene und in Deutschland Schach spielende Ilja Schneider auf dem Schachblog von Zeit Online unter dem Titel Bauern, Könige und nur eine Handvoll Senioren über die Problematik der fehlenden Zuschauer in der Schachbundesliga.

,,Die muffigen Gaststuben wurden gegen repräsentative Sparkassengebäude, Hotels oder Rathäuser eingetauscht, in Berlin ist die Bundesliga manchmal im Willy-Brandt-Haus der SPD zu Gast. Es gibt hochwertiges Catering, die Spieler tragen Einheitskleidung, die Partien werden live ins Internet übertragen. Nur nach einer Kleinigkeit aus früheren Zeiten sehnt man sich heute: dem Zuschauer.“

Ilja Schneider, einem breiteren Publikum vor seinem Auftritt im Mehrautoren-Schachblog der Zeit Online mit dem eigenen Blog Schachzoo bekannt, wies auch auf den marketingtechnischen Aspekt hin.

,,Als sich die Schachbundesliga e.V. 2007 vom Deutschen Schachbund loslöste, wollte sie sich eigentlich besser vermarkten. Doch eine Liga zu verkaufen, der die wichtigen Merkmale einer Liga fehlen, ist schwer.“

Das lasse ich mal so stehen.

Foto: © Ray Morris-Hill  www.rmhphoto.eu

Schachweltmeister Magnus Carlsen gab in der Geschichte der Schachbundesliga ebenfalls seine Visitenkarte ab. Das norwegische Schachgenie spielte erstmalig in der Saison 2004/2005 für den SF Neukölln 1903. Später folgte das Engagement für die OSG Baden-Baden.

Deutschlands renommierter Schachpublizist Johannes Fischer, durch seine publizistische Arbeit bei ChessBase, dem Schachmagazin KARL, dem Schachblog von Zeit Online und seinem eigenen Blog Schöner Schein über regionale Grenzen bekannt, ist ein kompetenter Kenner in Sachen Schachbundesliga. Im Sportinsider Interview fragte ich Johannes Fischer:

Noch ein paar Worte zur Schachbundesliga. Wie ist die Liga aufgestellt in puncto Marketing, der Rolle in den Medien, den Zuschauerzahlen sowie der Spielstärke?

Johannes Fischer: Ach ja, die Bundesliga. Ich glaube, die könnte etwas flotter sein und eine Auffrischung gebrauchen. Wenn ich mit Freunden aus Schachkreisen über die Bundesliga rede, finde ich selten jemanden, der sich wirklich dafür interessiert geschweige denn begeistert. Die Saison ist zu lang, die vielen Rückzüge verzerren den sportlichen Wert der Liga, und es fehlen Vereine, mit denen man sich identifizieren, mit denen man mitfiebern kann.

Das ist schade, denn in der Bundesliga spielen nicht nur unglaublich viele starke Spieler, sondern in der Bundesliga wird auch viel Geld für Schach ausgegeben. Mit dem Gesamtbudget der Liga könnte man sicher ein phantastisches Schachereignis auf die Beine stellen. Aber ich glaube, ein paar Reformen täten der Bundesliga gut.

Ich weiß, technisch ist das alles schwierig und aufgrund von Regeln, Bestimmungen, Traditionen, etc. wahrscheinlich nicht machbar, aber einfach ins Unreine gesprochen, könnte ich mir vorstellen, dass die Bundesliga attraktiver wäre, wenn man sie auf zehn oder zwölf Vereine reduziert, die irgendwann im Laufe des Jahres an einem zentralen Ort um die deutsche Mannschaftsmeisterschaft spielen. Das könnte ein richtiges Schachfestival werden – und vor allem ein Turnier, bei dem sich die besten deutschen Spieler mit der internationalen Spitze trifft.

Auch aktuell gibt es Entwicklungen die weniger erfreulich sind. Blogger Georgios Souleidis, einst kontinuierlich auf seinem Schachblog Entwicklungsvorsprung schreibend und seit einigen Jahren dort etwas arg sparsam im publizieren, berichtete gestern auf der Webseite der Schachbundesliga Trierer Bundesligateam zieht um nach Großbritannien. Einzig München dürfte aus dieser Nachricht Honig saugen. Durch den Rückzug von Trier bleiben beide Schachbundesligateams aus München in der Liga. Viele Fragen  bleiben.

Wie steht es um die Schachbundesliga in den Medien?

Der Videotext von ARD und ZDF ist regelmäßig bestückt mit Ergebnissen von Volleyball, Handball, Basketball, Hockey, Tischtennis Eishockey (DEL und DEL2), klar Fußball bis in die Niederungen der viertklassigen Regionalligen. Die Schachbundesliga fehlt da komplett. Komplett. Auch die mediale Aufmerksamkeit der Schachbundesliga in Deutschlands großen überregionalen Zeitungen wie der Süddeutschen Zeitung oder der FAZ ist von überschaubarer Größe. Kontinuierliche Berichterstattung, lange Artikel, Fotostrecken, Interviews mit Protagonisten der Schachbundesliga etc. sind kein Standard. Hier am Bodensee lässt sich gleiches auch über die großen Abonnementzeitungen Südkurier (Sitz in Konstanz) und Schwäbische Zeitung (Sitz in Ravensburg) sagen. Im Südkurier und der Schwäbischen Zeitung findet die Schachbundesliga nicht statt.

Ulrich Geilmann zu den Zuschauerzahlen Live vor Ort in der Schachbundesliga

Schachbundesliga Vizepräsident Ulrich Geilmann stellte sich im vergangenen Jahr meinen Fragen in einem längeren E-Mail Interview. In puncto Marketing und Vermarktung merkte Schachfreund Geilmann an:

,,Bedauerlicherweise haben wir in den letzten Jahren keine kontinuierliche Besetzung des Vorstands für Marketing und Vermarktung sicherstellen können, was sicher ein Manko ist. Bewerbungen nehmen wir aber gerne entgegen! Wer also Qualifikation, Zeit, Lust und Laune hat, den Posten unentgeltlich übernehmen zu wollen, mag sich bei uns melden.“

Auch zur Problematik der Zuschauerzahlen Live vor Ort, die der Internationale Meister Ilja Schneider wie eingangs erwähnt auf Zeit Online 2014 bereits thematisierte, nahm der Schachbundesliga Vizepräsident Ulrich Geilmann Stellung.

,,Erlauben Sie eine kurze Zwischenfrage, Herr Geilmann? Kann man die Zuschauerresonanz vor Ort vielleicht einmal konkreter darstellen?

Ulrich Geilmann: Gerne, Herr Wiemer, auch wenn Sie die Beantwortung nicht ganz zufrieden stellen wird. Die Bundesligawochenenden werden von den Mitgliedsvereinen in Eigenverantwortung ausgetragen. Dabei werden die Zuschauerzahlen jedoch nicht stringent erfasst, weil die Clubs zum Beispiel keine Eintrittsgelder erheben. Nach meiner langjährigen Erfahrung als Teamchef schwanken die Besucherzahlen jedoch je nach Event durchschnittlich im einem zwei- bis dreistelligen Bereich. Da müssen wir noch besser werden.“

Die Schachbundesliga ist in Sachen Zuschauerzahlen Live vor Ort kein Erfolgsmodell. Das mag man bedauern. Andererseits sind die Themen Marketing, Öffentlichkeitsarbeit, die Schaffung attraktiver Rahmenbedingungen für Zuschauer vor Ort jetzt auch nicht über Jahre mit Vehemenz offensiv und mit der nötigen Power umgesetzt worden.

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