Schachmatch des Jahrzehnts: Magnus Carlsen – Vishy Anand

In Sotschi sind bereits zwei WM-Partien um die Schachkrone gespielt. Magnus Carlsen geht am Sonntag mit dem Sieg gegen Herausforderer Vishy Anand mit 1,5:0,5 in Führung. Gelegenheit einen Artikel aus dem Blogarchiv zu holen, den ich im Januar 2014  mit etwas Abstand zu Chennai 2013 schrieb.

Reblog (vom 21. Januar 2014)

Schachmatch des Jahrzehnts 2013 in Chennai: Magnus Carlsen – Viswanathan Anand

Nein, der Generationswechsel kam nicht wirklich überraschend. Der Sportwettenanbieter bwin notierte vor Beginn des Schach-WM Kampfes in Chennai eine Favoritenquote von 1,30 für den jungen Norweger Magnus Carlsen. Der amtierende Weltmeister Viswanathan Anand ging mit der Außenseiterquote von 3,20 in das C&A Duell. Im Vorfeld ist viel über die Elo-Dominanz von Carlsen geschrieben worden, auch gab es einen Hype um den ersten Schachspieler aus der „westlichen Hemisphäre“ , der sich nach 41 Jahren wieder für ein WM-Match qualifizieren konnte, seit Bobby Fischers Einzug in das Finale 1972.

Einmalige Konstellation: Schachmatch des Jahrhunderts 1972

Manch einer der Kommentatoren stilisierte im Vorfeld gar die Auseinandersetzung zwischen Viswanathan Anand und Magnus Carlsen in jene historische Höhe von Reyjkjavik. Das wäre aber doch ein wenig zu viel des Guten. 1972 war eine einmalige Konstellation. 25 Jahre russische Schachvorherschaft (die WM-Kämpfe trugen Spieler aus der Sowjetunion regelmäßig in Moskau untereinander aus) wurden von einem Einzelkämpfer und Schachgenie aus Amerika herausgefordert. Fischer lernte intensiv russisch um in die Schachbücher und Geheimnisse der führenden Nation in Sachen königliches Spiel einzutauchen. Das Charisma von Bobby Fischer zu jener Zeit strahlte in die Wohnzimmer der Schachfreunde aus West und Ost. Auf dem Weg zum Schachmatch des Jahrhunderts zerlegte Bobby Fischer die Stellungen von starken Spielern wie Taimanow oder Petrosjan. Es waren dominante und beeindruckende Siege. Ein Hurrikan auf den 64 Feldern. In der damaligen Form, eine Zeitmaschine vorausgesetzt, würde man gerne Kasparow und Carlsen gegen Fischer spielen lassen. Das russische Schach sah sich herausgefordert durch Bobby Fischer. Kleine Randnotiz: Weder sein Kontrahent Boris Spasskij noch er selber repräsentierten in ihren Charakteren das jeweilige typische Gesellschaftsystem ihrer Heimatländer.

Bobby Fischer kämpfte einst für adäquate Preisgelder und scheute den Vergleich zu Ali nicht

Die Bedingungen, die beinahe zum Abbruch des Schachmatch des Jahrhunderts in der isländischen Hauptstadt geführt hätten, sind legendär und oft beschrieben worden. Bobby Fischer kämpfte um Preisgelder, professionelle Rahmenbedingungen und Respekt wie Manager Uli Hoeneß um den Erfolg von Bayern München. Unerbittlich, selbstbewusst, die Meinung der Mehrheit oft auch ignorierend, ehrgeizig bis in die Zehenspitzen, polarisierend und in der Fischerschen eigenen Logik. Er verglich sich wie selbstverständlich mit dem großen Profiboxer Muhammad Ali und forderte monetäre adäquate Entlohnung für den professionellen Schachsport. Seine hartnäckige Art in Sachen Preisgelder kam allen nachfolgenden Schachgroßmeistern zu gute. Der Berufsschachspieler Bobby Fischer wurde nicht vom amerikanischen Schachverband gehätschelt. Er hatte keinen riesigen Stab an Betreuern oder ein Managementteam um sich. Fischer boxte sich quasi fast alleine durch die Schachwelt. In seiner besten Zeit trug er auch die besten Anzüge. Ein Kennedy Schneider musste es sein. Seine eleganten Schuhe ergänzten das makellose Äußere. Bobby Fischer sah gut aus und konnte auch charmant plaudern, wenn er denn wollte.

Nach 4 Remis zum Auftakt folgt der Doppelschlag von Carlsen

Magnus Carlsen mit Bobby Fischer zu vergleichen wäre nicht fair. Diese Last sollte man dem Norweger, dem die Mutter noch vor 3 Jahren die Sachen zum Anziehen rauslegte, auch nicht aufbürden. Er ist jetzt Weltmeister, übrigens nicht der jüngste wie irrtümlicherweise in der letzten WM-Woche in einem dpa-Artikel in Zeitungen wie der Passauer Presse zu lesen war. Das Privileg hatte sich einst Garri Kasparow gesichert. Nach der großartigen Eröffnungsfeier in Chennai kam es zum lang ersehnten Schach-WM Kampf zwischen dem Champion Anand und seinem Herausforderer Carlsen. Die Eröffnungspartie war auf den 9. November terminiert. Magnus Carlsen begann mit 4 Remis. Die beiden Auftaktspiele waren blutleere Remis. Diese handzahmen und sehr schnellen friedfertigen Remis hatte Bobby Fischer immer bei Kandidatenturnieren zwischen sowjetischen Spielern vehement kritisiert. Die 3. und 4. Partie wurde ausgespielt ohne einen Sieger zu finden.

Nach dem 2. Ruhetag gab es dann den Doppelschlag von Magnus Carlsen. Er profitierte in der 5. und 6. Partie in Endspielen von Fehlern Anands. Dann kam der Sonntag mit dem 3. Ruhetag. Der amtierende Weltmeister hätte sicher auch einen weiteren gebraucht. Die Körpersprache am Brett von Anand nach dem Wochenende gefiel mir nicht.  In der 7. und 8. Partei gab es wieder Punkteteilungen. Fast aufreizend lässig blitzte Carlsen dabei die 8. Partie herunter. Magnus Carlsen schob sich so fast unauffällig mit einem 5:3 Zwischenstand dem WM-Titel näher. Die Hausaufgabe bestand nun darin, 1,5 aus 4 zu holen. Erinnerungen an das volatile Nervenkostüm vom norwegischen Schachgroßmeister beim Kandidatenturnier im Frühjahr  in London 2013 wurden wach. Das Ticket für Chennai wäre beinahe an den ehemaligen Weltmeister Kramnik gegangen. Der 22-Jährige Carlsen kam in der englischen Hauptstadt mit einem blauen Auge davon.

Doch konnte Anand nochmals einen Hitchcock-Thriller inszenieren? Den Rückstand verkürzen? Dafür ging er offensiv und gut präpariert in die 9. Partie.  Er spielte auf Angriff. Doch dann kam der Hardcore-Fehler von Vishy Anand. Der Weg zum WM-Titel war mit 3 Punkten Vorsprung nun für Magnus Carlsen frei.

Der Spiegel verzeichnet 1,15 Millionen Klicks und Schach schafft es in das ARD Morgenmagazin

Schach hatte es in der Zwischenzeit sogar bis in das Morgenmagazin von ARD und ZDF gebracht. Kein Fake. Mit Live-Bildern vom WM-Schachmatch aus Chennai, Bildschnipseln aus einer Sporthalle von einem Basketball spielenden Carlsen und ein paar Zeilen, die aus einer Agenturmeldung stammten. Manch einer der deutschen Schachfreunde rieb sich verwundert die Augen. Schach wird sonst von den öffentlich-rechtlichen Sendern links liegen gelassen. Bei der WM 2010 in Sofia zwischen dem bulgarischen Herausforderer Topalov und Anand haperte selbst der kleine kontinuierliche Nachrichtenfluss beim ARD Videotext. Doch Schach war 2013 im November auf einmal In. Deutschland hat durchaus eine bemerkenswerte Schachtradition aufzuweisen. Weltmeister Emanuel Lasker, Dr. Robert Hübner, Wolfgang Uhlmann seien hier stellvertretend genannt.  Der Spiegel, jenes ehrwürdige Hamburger Nachrichtenmagazin powerte stolz in der Printausgabe vom 18. November 2013 eine Klickrate in Rekordhöhe vom Live-Schachticker der 4. Partie heraus: 1,5 Millionen Klicks. Eine deutsche mediale Randsportart war in aller Munde. Warum gab es eigentlich 2011 in den Medien so verdammt wenig Resonanz? Damals siegte die deutsche Schachmannschaft der Männer überraschend bei der Schacheuropameisterschaft in Griechenland. Doch das ist wieder eine andere Geschichte.

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