10 Erkenntnisse vom Tata Steel Chess 2011 in Wijk aan Zee

Die Schachuhren sind abgestellt. Die Schachbretter verstaut und die Figuren eingesammelt. Es ist wieder Ruhe in den Kultort der Schachenthusiasten eingezogen. Was brachte das Turnier im niederländischen 2400 Einwohner zählenden Dorf Wijk aan Zee 2011 an Erkenntnissen?

1. Nakamura ist in der Lage ein hochkarätiges Turnier zu gewinnen

Der Amerikaner war schon immer mit Talent gesegnet. Er spielte manch aufsehnerregende Schachpartie. Doch es gab auch Zweifel an seiner seriösen Turniergestaltung. Die eine oder andere Kamikaze Aktion war in der Vergangenheit dabei und verhinderte bessere Turnierplatzierungen. In Wijk aan Zee verlor er nur eine Partie gegen Magnus Carlsen. 

2. Mit ARD und ZDF sitzen Sie in der letzten Reihe

Die mit den Zwangsgebühren der deutschen Bevölkerung gemästeten Pay-TV Sender ARD und ZDF bestücken weiterhin nicht den Videotext mit kontinuierlichen Nachrichten von hochkarätigen Weltklasseschachturnieren. Okay, für Freunde von Sportarten wie der Disziplin – Frauen mit dem Gewehr auf dem Rücken in der Schneeloipe – gibt es weiter Infos und Bilder bis zum abwinken. Mir komme bitte keiner mit moralin-sauerer Miene und dem öffentlichen Auftrag.

3. Schachweltmeister Anand wartet auf einen großen Turniersieg

Linares 2008. Der letzte klassische Turniersieg vom Tiger von Mudras. Seiner Reputation hätte ein Sieg in Wijk aan Zee 2011 gut getan. Viswanathan Anand verlor keine Partie. Er remisierte jedoch auch 9 Spiele. Für einen Schachweltmeister ist seine Bilanz in den Weltklasseturnieren der letzten 3 Jahre unbefriedigend. 

4. Aronian ist weiter schwer in einer Turnierpartie zu schlagen

Er ist für jeden Schachspieler der Welt schwer zu spielen. Levon Aronian, Tal-Memorial Sieger 2010 und amtierender Blitzschachweltmeister, verlor in den Niederlanden keine einzige Schachpartie. Er macht kaum Fehler, spielt hochkonzentriert und ist sicherlich noch nicht am Ende der Fahnenstange angekommen. Auf seine weitere Schachkarriere darf man gespannt sein.

5. Carlsen spielt weiter zu unbeständig 

Schachgenie Magnus Carlsen ist jetzt 20 Jahre alt. Da sind Schwankungen durchaus nichts besorgniserregendes. Doch das Schachgenie wurde bereits vor 12 Monaten von zahlreichen Schachexperten wie der kommende Schachweltmeister gehandelt. Die Anzahl der verlorenen Partien stimmt nachdenklich. Auch in Wijk aan Zee verlor er zwei Spiele und damit die Chance auf den Turniersieg. Magnus Carlsen galt als Wettfavorit. Der Siegquote von 1,65, beim österreichischen Sportwettenanbieter bwin im Dezember 2010 aufgerufen, wurde er nicht gerecht. Beim Norweger wechseln mir Licht und Schatten zu oft. Einerseits zerlegte er in der 8. Runde den späteren Turniersieger Nakamura um aber gegen den Youngster im Feld, Giri, nach 22 Zügen am Ende zu sein.

6. Smeets wird trotz Unterstützung von Gustafsson nur Vorletzter

Der deutsche Schachgroßmeister Jan Gustafsson coachte Jan Smeets während des Tata Steel Chess 2011 im niederländischen Schachkultort Wijk aan Zee. Am Ende sprang für den Niederländer nur der vorletzte Tabellenplatz raus. Der deutsche Großmeister bestückte mit Leichtigkeit seine Kolumne auf seiner eigenen Website mit den Berichten vom Turnier. Doch die Platzierung von Jan Smeets kann den Sekundanten Jan Gustafsson eigentlich nicht so richtig glücklich stimmen.

7. Der 16-Jährige Giri legt eine bemerkenswerte Premiere hin

Der niederländische Shooting-Star Anish Giri war in aller Munde nach seinem spektakulären Sieg gegen Magnus Carlsen in 22 Zügen. Am Ende des Turniers gab es einen sehr beachtlichen 7. Tabellenplatz. Das war wesentlich mehr wie einst bei der Premiere des Norwegers in der A-Gruppe des Turniers von Wijk aan Zee. Doch mit den Lobeshymnen oder gar den verbalen Goldkränzen ala – Schachwunderkind – sollte man vorsichtig sein. Auf alle Fälle hat die Niederlande mit Anish Giri ein sehr hoffnungsvolles Schachtalent. Wo bleiben eigentlich die deutschen Schachtalente? Okay, ich zieh die Frage zurück.

7. Turnierberichterstattung von Chess Tigers

Chesstigers macht seit Jahren einen soliden Job. Auch vom Turnier in Wijk aan Zee bekommen sie von mir Bestnoten. Aktueller Spielplan mit entsprechender Ergebnispflege, ausführliche Berichterstattung, sehenswerte Fotostrecken, gelungene Textbeiträge. Das sie eine etwas andere Meinung zum Abschneiden von Anand wie ich haben ist doch klar. Chesstigers hat ein besonderes Verhältnis zum indischen Schachchampion. Der Schachorganisator Hans-Walter Schmitt, Vorsitzender des Chess Tigers Schach-Förderverein 1999 e.V., ist der Betreuer und guter Ratgeber von Anand. Beide bildeteten beim erfolgreichen WM-Schachkampf 2010 in Sofia gegen Topalov ein erfolgreiches Gespann. Doch an der langen Zeitspanne ohne klassischen Turniersieg von Anand entzünden sich naturgemäß die Diskussionen. Ein überzeugender Turniersieg ist überfällig.

8. Das kulturelle Schachmagazin Karl stimmte auf Wijk aan Zee ein

Bonuspunkte bekommt die Printausgabe vom Karl mit dem Schwerpunktthema Schach in den Niederlanden von mir. Das war eine gelungene und lesenswerte Einstimmung auf Wijk aan Zee. In gut sortierten Bahnhofsbuchhandlungen wie  Nürnberg gibt es das Heft immer noch zu kaufen. Allen Schachfreunden kann ich die Lektüre von Karl nur wärmstens empfehlen.  

9. Die Sache mit dem Sponsor und dem Namenspatronat

Der indische Konzern Tata Steel war Namensgeber für das Turnier 2011. Der komplette Turniername Tata Steel Chess 2011 Wijk aan Zee sorgte für gelungene Gymnastik der Finger an der Tastatur. Ein Sieg ihres Landsmanns Viswanathan Anand hätte dem Sponsorengagement die Krone aufgesetzt. Das Turniere in dieser Qualität durchführbar sind ist auch immer dem finanziellen Einsatz von Sponsoren geschuldet. Daher an dieser Stelle einfach ein herzliches Danke an die Macher von Tata Steel und die anderen wirtschaftlich Engagierten. 

10. Vorfreude auf 2012

Was kann einem Schachturnier besseres passieren, wie die faszinierende Vorfreunde auf die nächste Auflage 2012. Die Zeit wird bis dahin wie im Fluge vergehen. Wir werden erleben ob Anand bis dahin einen großen Turniersieg landen kann, Carlsen seine Formschwankungen in den Griff bekommt oder Aronian sich weiter als schwer schlagbar erweist. Die Entwicklung von Giri wird spannend werden. Kann Nakamura weitere Turniersiege erzielen? Und, und … Auf ein Neues! 

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