Nachdenkenswert #63

,,Ich habe schon genug damit zu tun, Dellings verschachtelten Sätzen zu folgen, damit die für mich Sinn machen. Ich muss mich auch extrem darauf konzentrieren, seine Fragen zu beantworten. Denn die Aussagen müssen sitzen. Präzise und kurz. Ich weiß um die Bedeutung, die das hat. Deswegen kann ich nicht auch noch in die Kamera grinsen. Bei der deutschen Nationalelf versteht der Deutsche ohnehin keinen Spaß. Einer hat mal zu mir gesagt: Dein Fernseherfolg ist mir unbegreiflich. Du sitzt mit einer Steinbeißerfresse da und die Leute mögen dich auch noch. Er hat hundertprozentig Recht.“

Günter Netzer, im Interview mit Gerhard Delling bei Welt Online

Urs Siegenthaler Interview im Tagesspiegel

In der Flut der täglichen Artikel, Meldungen und Nachrichtenströme rund um die WM 2010 ist mir ein sehr lesenswertes Interview im Tagesspiegel mit dem Chefscout der deutschen Nationalmannschaft, Urs Siegenthaler, fast durch die Lappen gerutscht. Vor dem Halbfinale äußerte er sich unter anderen über die Mentalität der Spanier.

,,Schauen Sie sich deren Mentalität an. Wenn ich Spanien besucht habe, ist mir aufgefallen, dass sie sehr korrekt sind. Ich habe 60-, 70-jährige Leute gesehen, die sich an der Hand halten, sie sind sauber gekleidet, sie mögen das Traditionelle, das Königshaus steht noch im Vordergrund. Auch wenn man einen Stierkampf beobachtet: Da geht es viel um ein Gehabe von Stolz. Sie sind nie unfair. Nehmen Sie den FC Barcelona, da gibt es nie ein Skandalspiel, sie spielen, und wenn sie verlieren, dann gehen sie zum Gegner und sagen: Du, wir waren heute nicht gut drauf. Aber dass da mit gestrecktem Fuß reingegangen wird, das sieht man von Spaniern eigentlich nicht. Für Ausraster sind sie zu stolz und zu selbstkritisch.“

Das Interview mit dem Analytiker aus der Schweiz ist gut investierte Lesezeit. Tiefgründige Gedankengänge über den alltäglichen Fußball-Tellerrand hinaus. Der Hamburger SV kann sich auf seine Dienste freuen.

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Nachdenkenswert #62

„Deutschland hat gegen Spanien so gespielt wie gegen England und Argentinien. Das hätte im Halbfinale gegen jede andere Mannschaft gereicht. Nur halt nicht gegen Spanien. Ich persönlich finde es zum Kotzen, dass wir Holländer im Finale nicht gegen Deutschland spielen.“

           Johan Cruyff, Fußballvizeweltmeister 1974, auf spox

Pressespiegel WM zum Spiel Deutschland-Spanien

Die Normalität ist eingetreten. Die spanischen Fußballer  und ihr Trainerfuchs del Bosque haben der Elf von Übungsleiter Löw die Grenzen aufgezeigt. Ein kleiner Blick in den Pressespiegel nach dem Scheitern der Mannschaft im Halbfinale gegen Spanien:

Puyol sein Kopfballtreffer in der 73. Minute brachte die Entscheidung. Die taz titelt Eine große Symphonie des Fußballs und sah nach dem 0:1 folgendes:

,,Die deutsche Maschine war abgestorben. Die Musik wurde ganz leise. Aus einer fußballerischen Symphonie wurde ein Krampfspiel und die Deutschen mussten einsehen, dass gegen eine Mannschaft wie Spanien nichts zu erzwingen ist. Die hohen Bälle in den Strafraum, die am Ende auch Mario Gomez spielte, der für Sami Khedira ins Spiel gekommen war, bedeuteten keine Gefahr.“

Der Tagesspiegel sieht Übungsleiter Löw Nicht am Ende des Wegs, vergleicht Klinsmann mit dem Assistent von 2006 und befindet:

,,Seit vier Jahren trainiert Löw nun das deutsche Team, er weiß um die Erwartungen an das Amt und die Zumutungen, die mit ihm verbunden sind. Während der Halbfinal-Niederlage gegen Spanien konnte man ihm den Druck vom Gesicht ablesen. Ein Bundestrainer von heute ist eine öffentliche Person, bei der selbst die Frage wichtig ist, ob er sich die Haare färbt. Löw, der Fußballfachmann, ist den weichen Themen lange Zeit ausgewichen, vor dem Halbfinale aber hat er vergleichsweise ausführlich über seinen blauen Glückspulli referiert. Löw ist hier längst nicht so verbohrt wie sein Vorgänger Jürgen Klinsmann; er bedient mit einem kleinen Scherz auch mal die Bedürfnisse der Öffentlichkeit nach Unterhaltung.“

Lange hielt Deutschland das 0:0. Die Zeit Online attestiert Spanien Auf der Suche nach den Löchern und dem Torschützen eine bemerkenswerte Hartnäckigkeit:

,,Carles Puyol ist ein hartnäckiger Typ. Das war er schon immer. Es gibt die Geschichte, dass er damals, als er als Nachwuchsfußballer um Aufnahme in die Talentschmiede des großen FC Barcelona bat, immer wieder abgewiesen wurde, und dennoch stets wieder kam. Zu schlecht gehst du mit dem Ball um, sagten die Jugendcoaches, ich will aber doch, sagte Puyol. Irgendwann durfte er dann bleiben, es hat sich gelohnt.“

Die Süddeutsche Zeitung bemerkt die Wucht der Wahrheit und bringt die Personalie Müller ins Spiel:

,,Vielleicht hätte aber auch Müller die Wucht des Ereignisses ergriffen, der Respekt vor dem großen Gegner. Die elf DFB-Spieler auf dem Platz in Durban erinnerten jedenfalls kaum an die breitbrüstigen Energiefußballer aus den erhebenden Siegen gegen England und Argentinien. Die Spanier, die mit sechs Akteuren vom FC Barcelona begannen, zogen ihr dominantes Passspiel auf, sie attackierten die Deutschen im Aufbauspiel und erreichten damit fast während der gesamten 90 Minuten ein Übergewicht.“

Zum Schluß der kleinen Rundreise durch den Pressespiegel kommt die FAZ zu Wort und titelt Vor der Abwehr gefesselt und wirft ein Auge auf Bastian Schweinsteiger: 

,,Es war die Saison, es war bisher auch die Weltmeisterschaft des Bastian Schweinsteiger. Aber es war nicht sein Halbfinale. Im großen Duell der Regisseure ist der Münchner in der zweiten Halbzeit gegen Spanien zum Statisten gemacht worden, während Xavi das Zepter schwang. Als der Chef der Spanier seinem Abwehrchef Carles Puyol den 1:0-Siegtreffer per Ecke auf den Kopf legte, konnte Schweinsteiger nur noch einen deftigen bayrischen Fluch loswerden, für den man keinen Lippenleser benötigte.“

Deutschland gegen Spanien oder ein Gespür für den Ball

Udo Lattek hatte Tränen in den Augen. Ein ganz bitterer Abend. Das Filetstück des spanischen Fußballs, der FC Barcelona, hatte gerade das Prunkstück der Bundesliga zerlegt. Die Anzeigetafel zeigte nach 90 Minuten ein desaströses 4:0 an. An der Seitenlinie ein ratloser Vereinstrainer-Novize Klinsmann. Mark van Bommel (Herzlichen Glückwunsch übrigens zum Einzug ins Finale) schüttelte den Kopf und sagte nach dem Spiel in Barcelona:

,,Wenn wir angegriffen haben, waren sie immer schon weg – wie sollten wir da in die Zweikämpfe kommen.“

Ein Jahr vorher im Sommer 2008 gab es ein Endspiel der Europameisterschaft in Wien. Die spanische Nationalmannschaft gewann „nur“ 1:0. Klingt nach einer knappen Niederlage der Löw Elf. Die Überlegenheit von Spanien war wesentlich höher. Ein wenig Flauschcontent im Rückblick, selbst auf die Gefahr hin Mehmet Scholl zu nerven (er mag die Musik nicht).

Spanien wechselte nach dem EM Sieg planmäßig den Coach. Der neue Trainer ist der renommierte Vicente del Bosque. Er führte den Europameister souverän durch die WM Qualifikation. Im Interview mit der Süddeutschen Zeitung verweist er auf die Frischzellenkur der deutschen Mannschaft seit 2008.

 «Deutschland hat seine Mannschaft seit Juni 2008 praktisch zu 50 Prozent erneuert, mit Spielern wie (Thomas) Müller, (Jérome) Boateng, der Torwart, Özil. Es ist eine neue Mannschaft. Die Nachwuchsarbeit hat Früchte getragen. Deutschland hatte, seit wir es kennen, immer diesen Wettbewerbsgeist, aber jetzt gab es noch einen wesentlichen Fortschritt.»

Sportme titelt Deutschland gegen Spanien: Wer macht uns den Müller im WM-Halbfinale? und verweist auf die Barcelona Achse der Spanier und die verloren gegangene Dominanz von 2008.

,,Gegen die kombinationsstarken Spanier wird vor allem in der Defensiv-Arbeit viel Konzentration gefordert sein. Jede Unaufmerksamkeit kann von den Männern um Xavi und Iniesta genutzt werden. Die Spanier sind im Gegensatz zum DFB-Team noch nahezu dieselben wie vor zwei Jahren. Die Barcelona-Achse Pique-Puyol-Xavi-Iniesta flößt mit Sicherheit jedem Gegner respekt ein. Doch im Gegensatz zu 2008 dominieren die Spanier nicht. Die Auftaktpartie wurde blamabel gegen die Schweiz verloren und auch in den restlichen Spielen erinnerte nur wenig an den alten Glanz. Vor allem Fernando Torres enttäuschte und muss nun um seinen Platz in der Starelf bangen.“

Der Kaisergrantler befindet: Der wahre Held der WM – Louis van Gaal und verweist auf die Vorarbeit des Bayern Coach für Übungsleiter Löw. Stichwort Müller, Schweinsteiger und Lahm. Er legt auch das nötige Selbstbewußtsein an den Tag:
,,Es wird mal wieder Zeit etwas bayerische Arroganz an den Tag zu legen. Ist ja kaum noch auszuhalten, dieses Zusammengehörigkeitsgefühl. Kleiner Spaß. So eine WM kann für einen “verhassten” Bayern-Fan ganz angenehm sein. Ich bin aber auch froh, wenn es wieder in die alte Bayern-Sparte geht. Am liebsten als Weltmeister.“

DFB-Team will Feuerwerk gegen Spanien entfachen titelt Zeit Online und  druckt einen Artikel vom Sportinformationsdienst.

,,Die Störfeuer ignorieren, ein Feuerwerk entfachen, ins Endspiel einziehen: Die deutsche Nationalmannschaft will ungeachtet der von Philipp Lahm losgetretenen Diskussion um die Zukunft von Michael Ballack sportlich weiter für Schlagzeilen sorgen und auf ihrem Weg zum vierten Stern auch den vorletzten Schritt erfolgreich bewältigen. Der Machtkampf um die Kapitänsbinde und die Chefrolle in der DFB-Auswahl in der Zeit nach Südafrika soll deshalb im WM-Halbfinale heute (20.30 Uhr/ARD und Sky live) in Durban gegen Europameister Spanien kein Thema sein.“

Apropos Störfeuer und die unsägliche Diskussion um die Kapitänsbinde mit den Personalien Lahm/Ballack. 11 Freunde verweist im Artikel Der falsche Souffleur auf die Wortmeldung von Lothar Matthäus zum Thema:

,,Ausgerechnet Matthäus, der Marathon-Deutsche, der ewige Libero, der wahrscheinlich noch 2006 den Sommermärchenonkel gegeben hätte, wäre er nur gefragt worden, hat sich in der Debatte um die Zukunft Ballacks zu Wort gemeldet: Seine Zeit sei vorbei, er solle sich lieber auf Leverkusen konzentrieren. Auf einen ruhigen Lebensabend. Mit Blick auf den Rhein.“

Der Stern bemüht in einem Check Aberglauben, Fakten und Zahlen und nimmt sich auch der Kleiderordnung von Übungsleiter Löw an.

,,Jogi Löw wird wieder seinen Vier-Tore-Pulli tragen. Den 299 Euro teueren Kaschmirstrick hatte er beim 4:0 gegen Australien sowie beim 4:1 gegen England und beim 4:0 gegen Argentinien an. Damit das Oberteil seine volle Wirkung entfalten kann, zwingen Oliver Bierhoff, Hansi Flick und Andreas Köpke ihren Chef dazu, den Pullover nicht zu waschen.“

Schaun wir. Noch 10 Stunden und 30 Minuten bis zum Anpfiff. Dann zeigt sich wer das größere Gespür für die Kleidung, den Ball und den historischen Moment hat. 
 
Peter Blaumann von der Schaumburger Zeitung hat sich unters Volk gemischt und nach den Tipps gefragt. Thomas Zimmermann, Rentner aus Bad Eilsen beruft sich bei seiner Prognose auf eine Tennisqueen:
 „Ich halte es mit Steffi Graf. Die tippt auf einen 2:0-Sieg für Deutschland. Im Finale gegen Holland werden wir den Endspielsieg von 1974 wiederholen.“ 

Harald Schmidt und andere Stimmen zur WM 2010

Noch 4 Spiele und die monetären Festspiele der Firma sind dann auch schon wieder Geschichte. Die Zeit rast. Wer ist noch im Topf? Schau an, die Mannschaft aus Uruguay mit dem Europa League Sieger Forlan, die Niederlande mit der Bayern Fraktion Robben und Co. , der Europameister Spanien mit Villa und die 8 Bayern München Spieler mit ihren Spielkameraden aus Deutschland.

Der frecheste Intellektuelle Deutschlands, Harald Schmidt, erzählte einst die Franz Beckenbauer Story und erklärte anhand der Playmobil Figuren auch die Geschehnisse des großen Duells 1974 mit König Johan aus den Niederlanden. Schmidt hat sich kürzlich in seiner wöchentlichen Kolumne im Focus in der Ausgabe Nr. 25/10 auch zum so gerne propagierten Sommermärchen in Deutschland geäußert.

,,In diesen Tagen ist der Mittelstand wieder besonders gut zu erkennen. Er hat Fähnchen am Auto. Weil er sich die bald nicht mehr leisten kann, hat er Statuspanik. Falls nicht, ist er voll ausgerüstet beim Public Viewing. Perücke, Fanhut, Flagge – 100 Euro kommen da schnell zusammen. Aber das war, bevor das große Wegbrechen begann. Da legte sich der Mittelstand noch mal schwer ins Zeug, um ein picobello Sommermärchen zu inszenieren. Ein Wunsch der scheidenden Regierung. Ein fröhlich dekorierter Mittelstand ging ihr über alles. Der eigenverantwortliche Bürger auf der Fanmeile zeigte auch dem Ausland: Da schau her, Ausland, wir sind wie du! „

Noch ein Wort zum Ausscheiden der Maradona Elf. Argentinien weint. Die Tränen sind echt. Diego Maradona konnte 24 Jahre nach dem Triumph von Mexiko im Aztekenstadion dem argentinischen Volk keinen weiteren WM Titel schenken. Adios Argentina

Doris Akrap hat in der taz eine Liebeserklärung an Diego Armando Maradona geschrieben:

,,Mit Diego Maradona verliert die WM ihren glamourösen Superstar. Das war er, trotz des 0:4 im Viertelfinale. Denn Götter scheitern ohne Ehrentreffer. Glam ist nicht, wenn der Anzug perfekt sitzt. Glam ist, wenn das ganze Ensemble ein bisschen verrutscht ist. Maradonas Anzug saß überhaupt nicht, aber dafür alles andere. Ob am Spielfeldrand, auf der Pressekonferenz oder im Training – diese WM hatte nur einen glamourösen Superstar, und das war, nach dem Ende des Heldenfußballs, kein Spieler, sondern ein Trainer: er, Diego Armando Maradona. Mit dem Ausscheiden Argentiniens verliert das Turnier die absolute Leidenschaft, das beste Entertainment, die große Show, ja das Gesicht.“

Welche Show ist heute beim Spiel Niederlande gegen Uruguay zu erwarten? Der 63-Jährige Nationaltrainer der Südamerikaner, Oscar Tabarez, schwärmt von der deutschen Nationalmannschaft und freut sich auf das heutige Halbfinale:

,,Es ist eine Party, zu der wir gar keine Einladung haben. Aber wir können die Party sprengen.“

Schaun wir.  Das letzte Halbfinale bestritt Uruguay 1970 in Mexiko gegen die brasilianische Wunderelf um Pele. Nach der Niederlage gegen Brasilien fand sich Uruguay im Spiel um Platz 3 gegen Deutschland wieder. Das damalige Duell um die Makulatur-Platzierung gewannen die deutschen Fußballer.

Nachdenkenswert #61

,,Auf die Uhr habe ich nicht geschaut, aber richtig, die Kanzlerin wollte uns ein paar Punkte sagen. Dass sie schwer begeistert gewesen ist von unserem Spiel. Sie hat uns erzählt von ihrem Besuch vor dem Spiel in einem Township. Dort hatte sie viele Kinder getroffen, die ihr alle gesagt haben, dass Argentinien das Spiel gewinnen wird, wegen Messi! Sie hat den Kindern darauf geantwortet, dass sie für Deutschland ist. Und das zu Recht und mit Stolz, wie sie uns sagte, weil wir als eine tolle Mannschaft aufgetreten sind.“ 

Peer Mertesacker, Innenverteidiger, im Interview mit 11Freunde

Pressespiegel WM zum Spiel Deutschland – Argentinien

Hat Übungsleiter Löw bereits ein Glückwunschtelegramm des Dankes an Louis van Gaal und Hermann Gerland gesandt? Aber was war bitte mit den Argentiniern los? Nach dem 0:1 in der 3. Minute verfallen sie in eine Melancholie und kommen aus der Nummer nicht wieder raus. Die deutschen Fußballer spielen Fußball für die kleinen Geschichtsbücher. Das erreichen der letzten Vier ist nicht spektakulär in der deutschen Fußballhistorie. Das Halbfinale erreichten auch die Löw Vorgänger Klinsmann und Völler. Letzteren gelang mit einer fußballerisch limitierten Elf sowie den zwei Recken Kahn und Ballack der Einzug ins Finale. Die Art und Weise des Fußballspiels und der auch in dieser Höhe verdiente 4:0 Sieg gegen Argentinien sind jedoch spektakulär zu nennen. Joachim Löw kann also Geschichte schreiben. 

Ein kleiner Blick in den Pressespiegel. 

Die Süddeutsche Zeitung titelt Von Kätzchen zu Löwen und verweist auf die Lahm Aussage vor dem Turnier:

,,Viele belächelten den Kapitän Philipp Lahm, als er im Vorfeld der Südafrika-Reise die Mannschaft als beste gepriesen hatte, in der er je gespielt habe. Wer will ihm jetzt noch widersprechen? Hat er geahnt, dass Arne Friedrich sich in die Reihe der zähsten deutschen Verteidiger spielt? Dass Bastian Schweinsteiger sich zum König des Mittelfelds krönt, Sami Khedira endlose Lauferei mit gescheiten Pässen verbindet, Mesut Özil das feinste Füßchen der WM hat, Thomas Müller den neuen Spielertypen des freigeistigen Räumesuchers erfindet? Dass Lukas Podolski und Miroslav Klose sich abermals von Bundesliga-Kätzchen in Nationalmannschafts-Löwen verwandeln?“

Michael Horeni in der FAZ verweist auf die nicht vorhersehbare Entwicklung der Mannschaft, die schwere Kunst der Prognose und titelt Ein Team zum Träumen:

,,Fußball-Deuschland steht kopf: Wer vor drei Wochen behauptet hätte, Deutschland erreicht das Halbfinale der Fußball-Weltmeisterschaft und nimmt dabei erst die Engländer 4:1 im Achtelfinale auseinander und dann im Viertelfinale die Argentinier mit 4:0 – und der überragende Innenverteidiger Arne Friedrich erzielt dabei den dritten und den Argentiniern den letzten Nerv raubenden Treffer, der wäre in Deutschland als blutiger Fußball-Laie verlacht worden. Oder er hätte im Wettbüro ein Vermögen verdient.“

Die Welt Online erinnert an die junge Mannschaft und die Teilnahme einiger Spieler an der Junioren Europameisterschaft im vergangenen Jahr und titelt Der Titel ist für Deutschland zum Greifen nah:

,,Es fällt schwer daran zu glauben, dass diese Mannschaft zu großen Teilen noch vor einem Jahr bei der Junioren-Europameisterschaft kickte. Sie hat sich im Laufe des Turniers gefunden, sie lebt nicht mehr von ihrer jugendlichen Leichtigkeit. Wer vier Tore gegen England schießt und vier gegen Argentinien nachlegt, der besitzt mehr als nur Euphorie, der besitzt eine außergewöhnliche Klasse und damit die Möglichkeit, einen großen Titel zu gewinnen.“ 

Spiegel Online verweist auf den Anteil von Übungsleiter Joachim Löw am Erfolg gegen Argentinien und titelt Besser geht´s nicht – oder doch?:

,,Der Bundestrainer trägt seinen Anteil am Erfolg. Löw hat wie schon gegen England aus einem Berg Daten, zusammengestellt von Chefscout Urs Siegenthaler, die wichtigsten Erkenntnisse extrahiert und dem Team mitgegeben. Vor allem die, dass Argentinien eine zweigeteilte Mannschaft ist mit fünf Defensiven, die wenig nach vorn machen. Und fünf Offensiven, die ungern nach hinten arbeiten. Entstanden vorne Ballverluste, gab es in der Mitte Lücken – und die wurden laut Löw verblüffend gut genutzt: „Wie wir die Argentinier mit Tempogegenstößen ausgehebelt haben, das war schon beeindruckend.“

Deutschland gegen Argentinien oder Maradona – ein Grenzgänger zwischen Genie und Wahnsinn. Teil 3

Diego Maradona polarisiert. Die einen lieben ihn und die anderen hassen ihn. Im Tagesspiegel gibt er ein bemerkenswertes Interview und äußert sich auch zum bevorstehenden Match gegen die Mannschaft von Übungsleiter Löw:

,,Ich mache mir keine großen Sorgen wegen Deutschland. Wenn wir gleichviel Ballbesitz haben, dann sind wir im Vorteil, weil wir den Ball besser kontrollieren können. Wie wir im März gegen Deutschland gespielt haben, war taktisch perfekt. Ich möchte, dass die Jungs verstehen, dass wir dem Gegner nicht den Ball herschenken können, wie wir es zwanzig Minuten lang gegen Mexiko getan haben. Wenn wir die Kontrolle am Spiel abgeben, dann ist das ganz allein unsere Schuld.“

Derweil hat die protestantische Pfarrerstochter Merkel ihren Besuch zum Spiel angekündigt. Der Bund der Steuerzahler ist gerade dabei die gute Stimmung etwas zu trüben. Die Bundeskanzlerin wird kritisiert. In der Passauer Neue Presse erklärte der Präsident des Steuerzahlerbundes, Karl-Heinz Däke, sehr deutlich und unmißverständlich:

,,Diese Reise ist ein Unding. Es kann nicht sein, dass man für den Besuch eines Viertelfinales so mit Steuergeldern umgeht. Frau Merkel verspielt sich jetzt noch die letzten Sympathien.“

Die Kosten einer Flugstunde mit der Regierungsmaschine belaufen sich laut Däke auf 10 000 Euro.

Wie ist es überhaupt mit der Fußballbegeisterung und Kompetenz der CDU Politikerin bestellt? Angela Merkel ist Ehrenmitglied vom Zweitligisten Energie Cottbus mit der Mitgliedsnummer 2008. Vor zwei Jahren gab sie vor der EM der Süddeutschen Zeitung ein längeres Interview.

,,Die Sache ist doch ganz einfach: Auch wenn mir Fußball ziemlich gleichgültig wäre, würde ich einer EM oder einer WM im eigenen Land als Kanzlerin trotzdem die Ehre geben, ja sogar geben müssen, weil es auch darum geht, wie unser Land sich repräsentiert. Und nun kommt das Glück hinzu, dass ich mich dazu noch nicht einmal zwingen muss, sondern dass ich Spaß daran habe und seit vielen Jahren Europa- und Weltmeisterschaften im Fernsehen verfolge, nicht nur unsere Mannschaft, sondern auch Begegnungen mit Mannschaften von Italien oder Brasilien und vielen anderen. Und zu Ihrem Stichwort Männerdomäne: Ich kenne viele Frauen, die genauso begeistert dabei sind. Verlassen Sie doch einfach mal Ihre Klischees und unser Gespräch wird interessanter.“

Wann hat Angela Merkel ihr erstes Fußballspiel gesehen?

,,Das weiß ich nicht mehr. Ich vermute, Anfang der sechziger Jahre mit dem Einzug des Fernsehers in meine Lebenswelt. Zunächst bei Nachbarn, die früher einen Apparat hatten als wir. Ich weiß, dass ich immer gerne Eishockey und Fußball geguckt habe.“

Jetzt wird sie Diego Armando Maradona an der Seitenlinie sehen. Emotional, gestikulierend, temperamentvoll. Eine charmante Nervensäge. Ein Grenzgänger zwischen Genie und Wahnisnn. Sein Charisma reicht locker bis in die Höhen des Mount Everest. Gutes Stichwort. Vor der WM besuchte Reinhold Messner die deutsche Elf im Trainingslager. Motivation der besonderen Art. Joachim Löw zeigte sich begeistert:

,,Reinhold kann uns Dinge mitgeben, die uns helfen werden, den Gipfel zu erreichen.“

Messner selber verglich die Besteigung des Mount Everest mit dem Triumph bei der Weltmeisterschaft und legte sich fest welche Expedition schwieriger sei:

,,Den Mount Everest zu besteigen ist heute ein Spaziergang. Kürzlich hat es sogar ein 13-Jähriger auf den Gipfel geschafft. Ganz klar: Weltmeister zu werden ist schwerer.“

Einer weiß wie es geht: Diego Maradona. 1986 war er der überragende Mann der WM. Sein Jahrhunderttor gegen England ist auch 24 Jahre danach sehenswert: 

Ein historischer Moment. Ein magischer Moment. Ein unvergesslicher Moment.

Heute steht also die Partie Deutschland gegen Argentinien auf dem Plan. Wer sich noch ein wenig einlesen will und die ersten beiden Teile verpasst hat findet hier noch weiteren Lesestoff bis zum Anpfiff:

Deutschland gegen Argentinien oder Maradona – ein Grenzgänger zwischen Genie und Wahnsinn. Teil 1

Deutschland gegen Argentinien oder Maradona – ein Grenzgänger zwischen Genie und Wahnsinn. Teil 2 

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Tauscht Holland Fußball aus der Feinkost Abteilung gegen den Erfolg?

Die WM nimmt Fahrt auf. Im Viertelfinale treffen heute die Niederlande und Brasilien aufeinander. Bisher haben sich  beide Mannschaften ohne größeren Kraftakt einspielen können. Niederlande gegen Brasilien im Viertelfinale könnte ich mir auch gut als Partie im Halbfinale vorstellen. Die Niederlande sind bisher nicht echt gefordert worden, zeigten jedoch sehr effektiven Fußball. Manch einer mag die einstige Schönheit  vermissen.

Die Süddeutsche Zeitung schreibt zur Spielweise unseres Nachbarlandes:

,,Trotzdem nölen Kritiker, die einst für ewige Schönheit bekannte Elftal wurstele sich 2010 so rational und unterkühlt durchs Turnier wie früher die Deutschen (die nun ihrerseits schick wirken). Man könnte sogar frotzeln: Holland spielt wie der alte FC Bayern – Hauptsache gewonnen!“

Für Freunde des atemberaubenden holländischen Fußballs habe ich nochmals ein Video mit Sequenzen von König Johan Cruyff ausgegraben: 

Das war Fußball aus der Feinkost-Abteilung. Da schnalzt jeder Fußballfreund mit der Zunge. Bei meiner Reminiszenz zum WM Endspiel 74 aus der Max-Schmeling Villa schrieb Leser Fred:

,,Tja, und seit dieser WM bin ich Holland-Fan.

Das kam so: beim Spiel BRD-DDR hielten alle Kumpels, einschließlich meinem Vater, auf die Bundesrepublik. Nach der peinlichen Vorstellung hatte ich genug von dieser Elf, zumal sich Günther Netzer nach seiner Einwechslung, noch als Totalversager herausstellte.

Holland aber spielte den schönsten Fußball und sollte im Endspiel auf die Truppe aus Hamburg treffen. Johann Cryff, der Fußballgott. Nach zwei Minuten die Führung, wenig später die ‘Schwalbe’ von Hölzenbein. Dann Müller. Die zweite Halbzeit: Spiel auf ein Tor. Der Rest ist bekannt, meine Laune war für Tage im Keller.

Vier Jahre später rettete der linke Pfosten den Argentinien in der 89. Minute den Weltmeistertitel. 1998, im Halbfinale, das wohl beste Spiel der WM-Geschichte. Und 2006 setzte Marco van Basten (der ‘Held’ von 1988 München) Ruud van Nistelroy nicht ein.

Ein Deutscher als Holland-Fan. Warum nicht?!
Zum Endspiel fahre ich dieses Jahr nach Amsterdam.
Irgendwann muss es ja doch mal klappen ….
Holt mich dann bitte von der Intensivstation )“

Schaun wir was Robben, Sneijder, van Bommel und Co. gelingt.  Auch Brasilien hat sich auf effektiven Fußball konzentriert. Die halbe brasilianische Abwehr spielt bei Inter Mailand. Robben und van Bommel werden sich an das Bollwerk aus dem Finale im Championsleague-Finale erinnern. Apropos Erinnerung. Bei der erwähnten WM 74 verspeisten die Holländer mit ihrem begeisternden Fußball gleich drei südamerikanische Mannschaften. In der Vorrunde in Dortmund schlugen Johan Cruyff und seine Mitspieler Uruguay souverän mit 2:0. In der  2. Finalrunde demontierten die Holländer in Gelsenkirchen die Mannschaft von Argentinien mit 4:0. Auch Brasilien war kein Hindernis. In Dortmund gab es ein klares 2:0 der holländischen Ballzauberer.