Das Paradies der kleinen Wettsünder

Der aktuelle Wettskandal im Fußball wäre ohne die Mithilfe von manipulativen Spielern nicht denkbar. Im entscheidenden Augenblick den gegnerischen Stürmer alleine zum Kopfball steigen lassen, fällt doch nicht weiter auf. Oder eine 100% Großchance neben den Pfosten setzen. Passiert doch jedes Wochenende. Wer sollte da auch Verdacht schöpfen. Ja, und Torhüterfehler passieren auch permanent. Bei einem haltbaren Ball ein wenig verspätet abspringen und die Finger nicht optimal strecken. Das gewünschte gewettete Ergebnis stellt sich ein. Der Geldregen rieselt lauwarm.

Wie geraten Sportler da eigentlich hinein? Gibt es ein Muster ? Im Film Die Mafia spielt mit von Benjamin Best und Fred Kowasch kommt auch ein hochrangiger ehemaliger Ex-Mafia-Boss zu Wort. Er wurde einst wegen Betrug und Erpressung zu einer zehnjährigen Haftstrafe verurteilt. Das Manipulieren von Wetten in verschiedenen Sportarten gehörte zu seinen „geschäftlichen Aktivitäten“ .

,,Oft machen die Sportler die Fehler von ganz alleine, sie Wetten und verstricken sich immer tiefer in Wettschulden. Dann können sie nicht mehr zahlen oder wollen nicht, dass die Öffentlichkeit von ihrer Spielsucht erfährt. Und dann wird ihnen gesagt: OK, entweder zahlst Du uns eine bestimmte Summe jede Woche, jeden Monat, oder Du bezahlst Deine Schulden durch Match-Fixing. Natürlich ist auch Einschüchterung eine Maßnahme. Selbst wenn die Spieler sagen sollten, sie wenden sich an die Behörden, wird ihnen gesagt: Du kannst Dich verstecken aber wir finden Dich.“

              Michael Franzese, ehemaliger Mafia Boss

Geldsegen

 © Peter Kirchhoff: Pixelio

Der wegen Manipulationsverdacht suspendierte Kapitän des Regionalligisten SC Verl, Patrick Neumann, will bei der Staatsanwaltschaft Bochum aussagen. „Er wird gegenüber den Bochumer Ermittlern alles sagen, was er weiß“, kündigte sein Anwalt Lutz Klose im Westfalen-Blatt an. Dabei gebe es allerdings „nicht so viel zu gestehen“.

Kapitän Neumann sei in „diese Sache hineingedrückt worden“. Rechtsanwalt Klose sagte weiter: „Nach dem gewonnenen Spiel gegen Gladbach II ist mein Mandant von einer Person außerhalb des Vereins massiv psychisch unter Druck gesetzt worden“.

Der große Fjodor Dostojewski schrieb in seinem Roman Der Spieler  im Jahr 1866 über Spieltrieb und Gewinnsucht . Dostojewski kannte die Spielsucht aus eigener Erfahrung. Im Roman beschreibt er sehr eindringlich und im Detail die Symptome der unheilvollen Sogwirkung. Der tragische Romanheld Aleksej trägt alles Geld zum Roulette.

Flurin Clalüna schreibt in der NZZ über die bedenkliche Entwicklung im Sport und verweist auch auf die Aushöhlung des Fußballs.

,,Formel-1-Autos werden absichtlich gegen die Wand gefahren, Doping zersetzt den Radsport, Pferdebeine werden eingesalbt, um sie schmerzempfindlicher zu machen, wenn sie gegen die Stangen schlagen. Aber im Fussball geht es bei Spielmanipulationen um den innersten Kern: Wenn der Fussball die Unvorhersehbarkeit verliert, verliert er alles.“

Beim aktuellen Wettskandal setzt Flurin Clalüna auch den Hebel der Kritik bei den Funktionären an.

,,Im Zug des Wettskandals dringen nun staatliche Ermittler in den Fussball ein; die Fussball-Funktionäre haben ihre Parallelwelt immer gegen Einflussnahmen von aussen zu schützen versucht, aber ihr Versagen ist offensichtlich.“

Im Zusammenhang mit möglichem Wettbetrug bei Fußballspielen in China sind 16 Personen festgenommen worden, wie staatliche Medien berichteten. Unter den Festgenommenen seien ehemalige Spieler, Vereins- und Ligafunktionäre. Der Vizepräsident des Chinesischen Fußballverbandes, Nan Yong, nannte den Wettbetrug laut einer Meldung der Nachrichtenagentur Xinhua „ein Krebsgeschwür“, das ausgemerzt werden müsse.

Wer weiter in die Materie – Sport und seine Schattenseiten- einsteigen will, findet auf sportspool.tv sicherlich interessante Hintergrundinformationen. Empfehlenswerte Leselektüre! 

Weiterführende Artikel zum Thema Wettskandal 

1. das Sportmagazin ´sport inside´ – „Die Mafia spielt mit“

2. Wettskandal: Festnahmen in ganz Deutschland

Anmerkung: Ein herzlicher Dank von mir geht an Fred Kowasch von sportspool.tv für die Nutzung des obigen Zitats von Michael Franzese.

 

Stimmen zum Fall Claudia Pechstein

Nach dem Urteil des Sportgerichts gab es viele Stimmen zur Personalie Claudia Pechstein. Eine kleine Stimmensammlung.

Die erfolgreichste Winterolympionikin Deutschlands meldet sich auf ihrer Webseite zu Wort:

Claudia Pechstein:,,Der Alptraum geht weiter. Mit Urteil vom 25. November 2009 hat der Internationale Sportgerichtshof CAS die Sperre gegen mich bestätigt. Demnach kann ich bis auf  Weiteres nicht bei Wettkämpfen starten und meine sechste Teilnahme an den Olympischen Spielen im Februar 2010 in Vancouver ist damit weiter ungewisser denn je.

Das zu akzeptieren, ist für mich unglaublich hart. Nach dem wochenlangen, unwürdigen Hin und Her war das Urteil aber abzusehen. Ich bin nicht mehr über das Ergebnis geschockt, sehr wohl aber darüber, wie es zustande gekommen ist. Erst die ISU, jetzt der CAS. Ich habe lernen müssen, dass es ausgerechnet vor Sportgerichten offenbar keinen Platz für das im Sport so oft beschworene Fair Play gibt. Ich habe nie gedopt und ein reines Gewissen.“

Joachim Franke (langjähriger Trainer von Claudia Pechstein):,,Es ist eine Katastrophe, ein absolutes Fehlurteil. Sie hat nie eine Leistung manipuliert. Insofern ist die Entscheidung nicht nachzuvollziehen.“

Fritz Sörgel (Pharmakologe, Leiter des Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung): ,,Ich denke, dass von Anfang an klar war, dass es in diese Richtung laufen musste. Ich habe gleich gesagt, dass es sehr schwierig werden wird, hier Gegenargumente zu finden. Es ist immer eine gewisse Unsicherheit mit drin, aber die ist im Fall Pechstein sehr klein.“

Wilhelm Schänzer, Leiter des Instituts für Biochemie an der Deutschen Sporthochschule Köln: ,,Ich bin sicher, dass der indirekte Nachweis von Doping-Missbrauch aufgewertet wird und die Entscheidung eine positive Stimmung bei den Verbänden erzeugt. Nicht wohl ist mir aber, dass das Urteil nur auf einen Parameter, die erhöhte Anzahl von Retikulozyten im Körper, beruht.“

Detlef Thieme, Leiter des Instituts für Dopinganalytik und Sportbiochemie in Kreischa: ,,Das Prinzip ist bestätigt. Individuelle Blutprofile und Blutpässe werden an Bedeutung gewinnen. Wichtig ist, wie sind die Details beschaffen, was wird uns für die Praxis mit an die Hand gegeben.“

Helge Jasch (Teamchef Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft): ,,Mir verschlägt es die Sprache, ich bin platt. Jetzt ist das Urteil da, es schwächt sportlich unser Team. Wir haben schließlich nicht 20 Leute, die Medaillen gewinnen können.“

Udo Sprenger (Vizepräsident Bund Deutscher Radfahrer): ,,Ich denke, die indirekte Beweisführung müssen und sollten wir zulassen. Ansonsten ist das ganze Prozedere mit Blutpassprogramm etc. hinfällig.“

Clemens Prokop, Präsident Deutscher Leichtathletik-Verband (DLV): ,,Die Entscheidung dürfte die Qualität der Doping-Bekämpfung spürbar verändern. Sie wird in Zukunft nicht mehr isoliert nur auf die Kontrollen abgestellt. Nun wird die Summe der Fakten ein Gleichgewicht erhalten.“

Thomas de Maiziere (Bundesinnenminister): „Das Urteil ist für Claudia Pechstein menschlich bitter. Sie war bis zum heutigen Tag für viele Sportbegeisterte, auch für mich, ein großes Vorbild. Das Disziplinarverfahren gegen Claudia Pechstein als Bundespolizistin wird wieder aufgenommen, wenn das Urteil rechtskräftig ist. Für den internationalen Sport ist das Urteil wegweisend. Es lässt den Indizienbeweis zum Nachweis von Doping zu. Der Nachweis eines einzelnen Dopings im konkreten Fall ist nicht mehr notwendig. Damit kann der internationale Sport sauberer werden. Als deutscher Innenminister erwarte ich allerdings, dass solche strengen Maßstäbe nicht nur gegenüber unseren Athleten, sondern weltweit angewandt werden.“

Weiterführende Artikel zum CAS-Urteil gegen Claudia Pechstein

1. Ein wertvoller Umweg

2. 63 Seiten, zwei Jahre, eine Verliererin

3. Pechsteins düsteres Ende

4. Im Zweifel gedopt

5. „Ich fühle mich unwohl mit dem Urteil“