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Ist die Tour de France 2013 sauber? Umfrage der FAZ fällt eindeutig aus.

Die FAZ hatte in Ihrem Artikel am heutigen Tag über den Kolumbianischen Radprofi Nairo Quintana, der sich vorhin auf Platz 3 der Gesamtwertung bei der Königsetappe schob, auch eine Umfrage eingebaut. Die Sauberkeit des Sports mit dem hundsmiserablen Image auf dem Prüfstein der Leser. Zahlreiche Dopingfälle ziehen sich durch die Geschichte der Tour de France. Das sie nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet ist wohl dem Geheimnis der Hassliebe geschuldet.

Die Umfrage der FAZ schaute heute am 18.07.2013 um 17.45 Uhr so aus:

Tour de France 2013 – ein Aufbruch zu sauberem Radsport?

20977 Stimmen wurden abgegeben.

4%   Ja, die neue Generation der Radprofis hat sich konsequent von den Altlasten getrennt!
17% Schön wäre es, aber haben die alten Doper nicht auch gesagt, sie seien sauber?
14% Es ist wie immer im Leben, es gibt solche und solche. Nur wer kann sie unterscheiden?
65% Nein, diese Sportart ist seit 100 Jahren mit Doping verseucht und wird es auch bleiben

Hassliebe Tour de France

Höllenqual, der Mund schon lange trocken, die Waden schmerzen, die Arme vibrieren, am Lenker wird gezerrt, doch es sind noch 6 Kilometer bis L’Alpe d’Huez. Scheiß Höllentour.

Noch ein Tritt. Noch ein Tritt. Noch ein verdammter Tritt. Erbarmungsloser Fight gegen sich selbst. Der Puls scheint die Schädeldecke öffnen zu wollen.

Die Sonne peitscht den Asphalt, die Gesichter und den Rücken der Radprofis. Die Arme schmerzen. Die Beine lösen sich auf. Noch ein paar Meter.

Simpson, Tommy. Mount Ventoux 67. Scheiße. Todeskampf, Hubschrauber. Einsatzkräfte. Flug in das Krankenhaus. Alles zu spät. Sinnlos. Mount Ventoux der Killerberg. Die Todeszone. Die surreale Mondlandschaft. Die Bilder seiner Todesfahrt gehen um die Welt.

Denkmäler. Sie stürzen ein wie ein Kartenhaus bei starker Zugluft. Anquetil, Bobet, Fignon, Armstrong, Merckx,  Jan Ullrich, Contador, Guerilla-Pirat Pantani, Landis, Indurain, Winokurow, Millar, Hamilton, Zabel, Riis, Cancellar, Kohl, Rasmussen. Wanken. Bröckeln. Die Heroes kommen ins straucheln. Ich bin empört. Wütend. Phlegmatisch. Gleichgültig. Desillusioniert.

Die Doping-Scheiße. Schlimmer wie Lepra. Fukushima. Tschernobyl. Krebs in der Endphase.

Ich will diesen Zirkus ohne Doping. Ohne Bluteigendoping. Keine Klebestreifen an Hotelwänden zur Befestigung der Blutbeutel. Kein Motoman mit dicken Cocktail-Kurier-Taschen. Keine Rolex für zuverlässige Überbringerdienste am Ende der Tour.

Man möchte die Kiste abschalten. Nein, Fenster auf. Das TV-Monster über die Terrasse geschmissen in bester Kinski Manier.

Hat die Seele jetzt ihre Ruhe?

Andreas Burkert berichtet für die Süddeutsche Zeitung von der Höllentour 2013. Marcel Kittel spricht vorwurfsvolle Worte Richtung Jan Ullrich. Kittel musste sein auf der 1. Etappe errungenes Gelbes Trikot bereits nach der 2. Zielankunft wieder abgeben. Das ging aber schnell. Motivationstrainer wie Anthony Robbins empfehlen in solchen Situationen die Konzentration der Kräfte. Keine Verzettelung.

Finger krampfen. Venen erstarren. Das Sitzfleisch ist aufgerauht. Salz auf der Haut. Schweiß, der den Augen zu schaffen macht.

100 Jahre. Für die einen die größte professionelle Radsport-Rundfahrt der Welt, für die anderen die größte und skrupelloseste rollende Apotheke auf Rädern. Zeit Online bringt die ultimative mediale Festagsausgabe. Ein multimediales Scroll Dossier.

Jäger und Gejagte. Den Laborspezialisten immer einen Schritt voraus. Oder? Armstrong Beichte, die Stunde der Heuchler.

Telekom, Gerolsteiner, US-Postal, Phonak, Milram, Radio Shack pumpten Millionen in das umstrittene Spektakel.

Wasserträger fluchen und buckeln gleichzeitig.

Eurosport sendet. Auch 2013. Beharrlich. Unaufhörlich. Kontinuierlich. Das halbstaatliche Fernsehen ARD + ZDF köchelt auf Sparflamme. Nicht erst dieses Jahr. Hatten ihren moralischen nach dem Telekom-Team Kater. Jan Ullrich, einst von ARD hochgejazzt, wurde fallengelassen wie eine heiße Kartoffel. Moralin-sauer wird sich von der Schmuddelsportart abgewendet. Andererseits wer will es ihnen verdenken.

Derweil gibt es da diesen Froome. Trägt Gelb. Tourdominator. Scheinbar aus einer anderen Welt. Wie er am Mount Ventoux davonritt, leicht, scheinbar ohne physikalische Widerstände, im Speedmodus, erinnerte er mich stark an Pantani. Der hatte solche Berg-Guerilla Attacken auch drauf.

Tour de France Scroll Dossier auf Zeit Online

Für alle Freunde und Gegner des harten Radsports sei auf das Scroll Dossier auf Zeit Online verwiesen. Philipp Katzer und Jonathan Sachse, beides engagierte freie Journalisten, haben im Zusammenspiel mit der Redaktion alles gegeben. Der Bogen wird von einem Hotelier über den Österreicher Kohl bis zu einem Investmentbanker schön gespannt und dargeboten. Philipp Katzer hat das Stück über den Investmentbanker Keith Tuffley geschrieben und dabei eine seiner spektakulärsten Autofahrten erlebt. Auf seinem Blog gibt er dies so wieder:

,,Am Sonntag haben wir Keith Tuffley, so heißt der Verrückte, auf seiner 11-stündigen Fahrt begleitet. Sind nur wenige Meter hinter ihm den steilen Anstieg zum Mont Ventoux hochgeklettert. Im Auto, selbstredend. Die zehntausenden Zuschauer standen bereits dicht gedrängt am Straßenrand. Feuerten an, schrien, fackelten Bengalos ab. Eine der denkwürdigsten Autofahrten meines Lebens.”

Hier am Bodensee geht es dafür etwas ruhiger in Sachen Rad zu. Traveler Digital CameraDabei ist der Ehrgeiz Gelb zu tragen bei dem einen oder anderen durchaus vorhanden.Traveler Digital CameraDie Tour de France gilt ja auch als Werbekarawane. Die Radsportler trugen einst Radtrikots mit den Schriften für Phonak, Gerolsteiner, Telekom oder Milram. Im Jahr 2013 ist Sky in. Hier am See werden die Räder diskret mit der jeweiligen Botschaft abgestellt.Traveler Digital CameraTraveler Digital CameraErmüdungserscheinungen oder brutalen Kräfteverschleiß wie bei der Tour de France wird hier am Bodensee mit entsprechenden Pausen entgegengewirkt. Ganz im Entspannungsmodus. Traveler Digital CameraTraveler Digital CameraTraveler Digital CameraAuch die Tierwelt scheint relaxt und zufrieden zu sein.Traveler Digital CameraEs gibt hier am Bodensee auch keine Dopingkontrollen. Im oben erwähnten Dossier wird auch wieder auf die Möglichkeit einer Manipulation im Jahr 2013 verwiesen.

Fehlende deutsche Sponsorships im Radsport

Es darf ruhig in diesen Tagen, da die Tour de France ohne deutsches Team ihre 100. Ausgabe erlebt, an Sportsponsoring im Radsport in Deutschland oder die Illusion vom Return on Investment erinnert werden.

Marketingleiter der DAX Unternehmen können heute gleich die Faszination der Tour unter den marketingtechnischen Gesichtspunkten Image, Umsatzsteigerung, Medieninszenierung, Aufmerksamkeitspegel, Nutzen-Kosten Aufwand oder emotionalen Werbeeffekt checken. Es steht die längste Etappe dieser 2013er Rundfahrt auf dem Programm. Doch die Länge ist nicht das besondere an diesem Sonntag.

Am heutigen Tag steht übrigens der Killerberg Mount Ventoux auf dem Programm. Jene berühmt-berüchtigte Mondlandschaft. Der britische Radsportler Tom Simpson und die tödliche Tragödie 1967. Sinnloser Tod. Er starb am 13. Juli 1967. Für alle Freunde und Gegner des harten Radsports hier die musikalische Umsetzung der Blues Engerlings.

Google Suchbegriffe

Es kommt auch immer ein Besucherstrom durch die Google Suchmaschine hierher auf das Blog. In den letzten Tagen waren unter anderen folgende Suchbegriffe dabei:

Tour de france 2013 interesse in deutschland

garde schachuhr ruhla

doping fc barcelona

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Wider dem Guardiola Hype

Für den Hype um seine Person kann und will ich ihn nicht verantwortlich machen. Der eine oder andere Fußballfan hat bereits eine Substratsättigung. Die Rede ist vom aus der Auszeit zu Bayern München gekommenen Trainer Pep Guardiola. Mir war es bereits bei der Installation vom Vereinstrainernovizen Klinsmann alles ein zu großer medialer Auflauf. Ära. Aufbruch in neue Dimensionen. 5 Jahre später ist in München wieder von einer Ära die Rede. Pep Guardiola ist gelandet. Das Ingolstädter Dienstauto mit 520 PS übergeben. Lorbeerkränze im Dutzend sind dem Katalanen überreicht worden. Die Lobeshymnen arteten teilweise in einen Personenkult aus. Vielleicht ist es an der Zeit das Scheinwerferlicht ein wenig zu dimmen. Sportexperte Thomas Haider, einst von Alberto Contador in Sachen Doping belogen, hat auf sport10.at auch ein paar kritische Anmerkungen vorzubringen. Unter dem Titel Doppelmoral verweist er auf dunklere Stellen in der Fußballerbiografie von Pep Guardiola. Er zieht den Vergleich zu Jan Ullrich, dem ehemaligen Tour de France Teilnehmer und Sieger der Höllentour von 1997. Die mediale Sicht auf beide fasst er so zusammen:

,,Ullrich der Böse, Guardiola der Messias.”

Dabei gibt es zwischen beiden Gemeinsamkeiten. Thomas Haider, der einst  mit der Amerikanerin Lindsey Vonn schon Interviews führte, als die Skirennläuferin noch Kildow hieß, verweist in seinem Artikel darauf:

,,Was Ullrich und Guardiola gemeinsam haben? Positive Dopingkontrollen in ihrer aktiven Karriere und jahrelang intensive Kontakte zu Blutpanscher Fuentes!”

Thomas Haider erinnert in seinem Beitrag an die unsäglichen Machenschaften von Mediziner Fuentes und die Verquickung zum Fußballbiotop. Hat-Tip geht an Fokus Fussball.

Aber es gibt auch noch andere kritische Stimmen, die beschäftigen sich nicht mit Doping sondern mit der etwaigen Gefahr für die Freude am Fußball unter Guardiola. Im Interview mit Zeit Online berichtete Wolfram Eilenberger dem Fußballinternetpionier und Hartplatzhelden Oliver Fritsch vor 5 Monaten:

,,Ich bin Bayern-Fan, ich bin Fußball-Fan, und ich mache mir Sorgen um die Schönheit des Spiels. In letzter Konsequenz könnte Guardiola nicht nur mir, sondern einem ganzen Kontinent die Lust am Fußball nehmen.”

Der meinungsstarke Wolfram Eilenberger ist Chefredakteur des Philosophie Magazins. Der Philosoph spielt selber Fußball und hat in der deutschen Autoren-Nationalmannschaft die Spielposition im linken Mittelfeld inne. Er hielt mit seiner Kritik an der Kurzpass-Spielweise von Guardiola nicht hinter dem Berg.

,,Im idealen Fußball des Guardiola regieren kurze Pässe, es gibt keine Distanzschüsse, direkten Freistöße, Flanken, Kopfballtore. Kleinteilige Ballkontrolle und Penetrationsarmut kennzeichnen seinen Stil. Günter Netzer, übernehmen Sie!”

Bayern München hat in den letzten Jahren nicht immer glücklich bei den Trainerneueinkäufen agiert. Erinnert sei an Klinsmann. Aber auch der Kontrakt mit Louis van Gaal fand ein jähes Ende in der 2. Saison. Kontrakt hin oder her. Stimmt das Timing des Einkaufs von Bayern München in der Personalie Guardiola? Eilenberger hat da seine Bedenken und urteilt:

,,Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass   die Bayern einen verglühten Stern gekauft haben.”

Das habe ich einst von Jupp Heynckes nach seiner Reaktivierung bei Bayern München gedacht. Hiermit muss ich noch nachträglich Abbitte beim Triple-Erfolgscoach leisten.

Ist die Tour de France pervers?

Die Lohnarbeiter der Asphaltstraßen sind in Kürze wieder im Einsatz. Die Brot und Wasser Tour durch Frankreich steht auf dem Programm.

Es wird wieder jenes von den Organisatoren gewünschte Spektakel werden. Die Tour de France feiert Geburtstag. Die 100. Rundfahrt hält wieder ein fast unmenschlich anmutendes Streckenprofil bereit. Nur die harten kommen in den Garten. Für die einen ist es nach wie vor das faszinierendste Radrennen des Planeten und für andere die größte rollende Apotheke der Welt. Die Liste der grandiosen Pedalritter und ihrer anschließenden Entzauberung durch aufgeflogenes Doping ist ellenlang. Wie wird dies eigentlich bei den Anbietern von professionellen Sportwetten gehändelt? Ich meine, da gewinnt einer die Tour um sie Monate oder Jahre später wieder annulliert zu bekommen. Gib mir mein täglich Landis oder Contador. Oft haben auch die Zweitplazierten bei genauerer Betrachtungsweise Dreck am Stecken gehabt.  Der Wettschein ist zu dem Zeitpunkt oft bereits zerknüllt und nicht wieder auffindbar. Wettdrama der arteigenen Art. Verrückte Sportart. Verlogenheit inbegriffen. Aber auch die Stunde der Moralapostel. Erinnert sei an die Heuchelei um Lance Armstrong. Andererseits sind da diese faszinierenden Duelle in der Vergangenheit gewesen, diese Kämpfe Mann gegen Mann, diese kraftvollen Antritte am Berg, das sich schinden, die auch für den Fernsehzuschauer sichtbare Quälerei der Rennradfahrer. Nein, ich bring jetzt kein Udo Bölts Gedächtnis-Zitat. Dann diese Landschaftsaufnahmen. Die grandiose Naturkulisse. Die Wohnmobile an der Strecke. Die Faszination einer ganz großen Zirkusveranstaltung. Die Menschen lieben Spektakel.  Auch bei den Sprintankünften oder beim Zeitfahren, dem gnadenlosen Kampf gegen die Uhr. Was waren das für Duelle Lance Armstrong kontra Jan Ullrich. Hitchcock-Thriller der Extraklasse. Fast ganz Deutschland fieberte einst mit, hielt den Atem an und drückte die Daumen.

Auch der Tod ist mit eingepreist. Tommy Simpson starb 1967. Sein surrealer Tod am Mount Ventoux war sinnlos. Die Show ging weiter.

Reinhold Messner Interview auf Abenteuer Sport

Der von mir sehr geschätzte Sportjournalist Stefan Nestler hat mit Bergsteigerlegende Reinhold Messner (ja, dies darf man so stehen lassen) ein bemerkenswertes Interview geführt auf dem Kultblog Abenteuer Sport. Detailliert und kompetent nähert sich Nestler dem Grenzgänger, Extrembergsteiger, Abenteurer, Marketinggenie, Autor, Vortragsredner, Museumsbesitzer und Freigeist. Thema ist natürlich auch der Mount Everest. Der Berg der Berge feiert dieses Jahr seinen 60. Geburtstag der Erstbesteigung durch Edmund Hillary und den Sherpa Tenzing Norgay am 29. Mai 1953. Reinhold Messner nimmt auch Stellung zur Entwicklung der letzen Jahre in Sachen Mount Everest Tourismus und spricht offen gern verschwiegene Dinge im Messnerschen Klartext an:

,,Ich möchte dort nicht ungern auch mal eine konkrete Probe machen, wie es mit den Drogen steht. Ich bin gespannt, ob jemand den Urin abgeben will. Es gibt ja Aussagen, dass am Everest das Doping sozusagen auf Universitätshöhe wäre im Verhältnis Kindergarten Tour de France. So weit gehe ich nicht, aber dort misst niemand, ob jemand gedopt ist. Wir wissen ja heute, dass es im normalen Sport vor allem die Laien sind, die dopen, um ein bisschen schneller zu sein als im Vorjahr oder schneller auf den Everest zu steigen als seine eigene Sekretärin.”

Stefan Nestler hat selber umfangreiche Erfahrungen in der Bergwelt gesammelt. Sein Blog führt er auch während der Touren in der Höhe. Erinnert sei an Durchbeißen auf der Königsetappe im Jahr 2011. Doch zurück zum obigen angesprochenen Interview mit Bergpionier Reinhold Messner. Stefan Nestler bloggt auch sehr leseorientiert. Gefällt mir immer wieder ausgesprochen gut. So gibt es bei ihm als Service, im Nachklapp sozusagen, auch das Video: Messner über den Everest zu sehen.

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Showtime mit Lance Armstrong und Oprah Winfrey

Über Pep Guardiola reden wir ein andermal. Es ist Lance Armstrong Beichtzeit. Oder ist das mit der Beichte ein wenig hochgegrifffen? Bevor wir weiter in das Thema einsteigen vorab ein Statement von Pepe Danquart, Filmemacher von Höllentour, in einem legendären Interview mit der Freitag unter dem Titel Die Moral der Käfer:

,,Von Politik und Wirtschaft denken die Leute, die sind eh alle korrupt. Beim Sport ist das vielleicht nicht so, das transportieren die Medien, Sport ist etwas Reines, das sind alle Leute wie du und ich, da geht es nicht um Geld. Aber es geht da um Geld, und Spitzensportler wird man nicht, nur weil man ein guter Mensch ist.”

Jonathan Sachse ist ein profunder Kenner der Radsportszene. Die letzten zwei Jahre begleitete er die Tour de France live mit und berichtete unter anderen für das ZDF. Jetzt hat er ein wenig vorgeschlafen. Er widmet in seinem Blog unter dem Titel Lanceoprah – Business Day One dem Ex-Tour de France Seriensieger Lance Armstrong und der charmanten Talkshow-Moderatorin  Oprah Winfrey die volle Aufmerksamkeit.

,,Ich werde meinen Schlafrhythmus bis Samstag ein wenig auf amerikanische Zeitzonen verschieben, sodass ich heute irgendwann am späten Nachmittag hoffentlich im Bett liege und dafür über Nacht eine Live-Versorgung garantieren kann.”

Nun denn. Live-Versorgung klingt gut. Jonathan Sachse will die Ausstrahlung der Armstrong Verteidigungstaktik intensiv begleiten. Das TV-Interview mit den zwei Prominenten aus dem Show-Business ist bereits in einem Hotel in Austin aufgezeichnet worden. Peter Ahrens titelt auf Spiegel Online Dopingbeichte im TV: Tröpfchenweise Wahrheit und bescheinigt dem Anwalt von Lance Armstrong eine gewissenhafte Vorbereitung des medialen Auftritts:

,,Auch wenn Armstrong gesagt hat: Winfrey könne “fragen, was immer sie will, ich werde direkt, ehrlich und offen antworten”, darf man davon ausgehen, dass jedes Wort, das Armstrong vor den Kameras gesprochen hat, von seinem Staranwalt Tim Herman im Vorfeld sorgfältigst abgewogen und zurechtgelegt worden sein wird. Direkt, ehrlich, offen – das sind nicht die Attribute, mit denen man Armstrong zuallererst in Verbindung bringt.”

Die TV-Show ist selbstverständlich ausgeklügelte PR-Strategie. Da ist sicherlich nichts dem Zufall überlassen worden. Gleichzeitg auch ein gutes Lehrbeispiel für alle PR-Agenturen. Lehrstoff für den Umgang mit scheinbar ausweglos erscheinenden Situationen. Krisenmanagement in Reinkultur. The Guardian hebt derweil für das Publikum vorsorglich schon den Zeigefinger:

 „Die PR-Strategie der Tropf-fürTropf-Veröffentlichung wurde perfekt umgesetzt. Lasst Euch nicht verkohlen: Das einzige, was Lance derzeit beschäftigt, sind die Gerichtsverfahren, mit denen er umgehen muss.“

Eigentlich darf beim Thema Doping auch nicht die Stimme von Prof. Werner Franke fehlen. Der vielleicht bekannteste Dopingexperte Deutschlands flüchtet sich im Interview mit Focus Online unter dem Titel ,,Armstrong bei Oprah? Das ist für mich Satire!” fast ein wenig in Ironie und verweist auch auf die Problemstellen im eigenen Land

,, Er hat ja immer noch beste Kontakte. Vielleicht kommen auch Georg Bush oder Bill Clinton während dieser Oprah-Sendung hereingeradelt, mich überrascht da nichts mehr, mich bringt das alles eher zum Lachen. Was mich aber stört: Jetzt zeigen wieder alle mit dem Finger auf die USA. Dabei darf in Deutschland niemand etwas Erschreckendes über die Geschehnisse dort sagen, hier geht es genauso zu. Hier gab es sogar noch nie eine Strafe für einen West-Sportmediziner wegen Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz oder wegen Beihilfe zur Körperverletzung. Das zeigt doch, wie korrupt das Land ist. In Deutschland hat auch noch nie ein Arzt wegen Dopings die Approbation verloren, das sagt alles.”

Menschenskinder, dass es den Begriff West-Sportmediziner 22 Jahre nach der deutschen Einheit noch gibt. Bei genauerer geografischer Ortung heißt es vielleicht dann irgendwann Süd-West-Sportmediziner. Ansonsten ist kehren vor der eigenen Haustür natürlich immer zu empfehlen. Gar keine Frage.

Die Heuchelei um Lance Armstrong wird so schnell kein Ende nehmen. Es ist guter Filmstoff. Gemixt mit allen Komponenten einer klassischen Hoolywoodstory. Irgendwann wird die Geschichte vom gefallenen Radsporthelden und Krebsbezwinger verfilmt werden. Da bin ich mir sehr sicher.

Die Verpflegungstasche bei der Tour de France

Die Tour de France feierte kürzlich die Präsentation der 100. Ausgabe im nächsten Jahr 2013. Die Personalie Armstrong schwebte wie ein Damoklesschwert über der Veranstaltung in Paris. Manch Funktionär wollte nicht mehr an den einstigen Tourgott und siebenfachen Gewinner der Tour de France erinnert werden. Es sollten sich wieder andere positive Bilder im Kopf des Publikums festsetzen. Die Heuchelei um Lance Armstrong nahm Kinoformat an. Dabei gab es seit den Anfängen der Tour immer wieder unerlaubte Methoden der Radsportler. Kein Trick wurde ausgelassen. Es wurde probiert was ging …

Helge Jepsen hat in seinem lesenswerten Buch Männerspielzeug sehr schön die Tricks der Lohnfahrer beschrieben. Tauchen wir also kurz hinein in die Historie der Frankreichrundfahrt:

,,Die Tour wurde 1903 ins Leben gerufen und hatte schon im zweiten Jahr ihre ersten ,,Doping-Fälle”: Die Plätze eins bis vier in der Gesamtwertung wurden allesamt disqualifiziert, weil die Fahrer sich hin und wieder von Autos ziehen ließen oder Teile der Strecke mit der Eisenbahn fuhren! Außerdem waren damals Cognac, Bier, Wein, Sekt, Koffein, Chloroform, Kokain und Nitroglyzerin gerngesehene Gäste in der Verpflegungstasche.”

Das muss man sich plastisch vor Augen halten. Der Schwierigkeitsgrad der Tour war bereits damals offenbar nicht nur mit Brot und Mineralwasser zu bewältigen. Ganz großer Radsportzirkus.