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59. Vierschanzentournee oder ein bemerkenswertes Interview von Toni Innauer in der SZ

Pünktlich zu Beginn der Vierschanzentournee lese ich doch heute in der Printausgabe der Süddeutschen Zeitung ein bemerkenswertes Interview mit Toni Innauer. Er kratzt den Lack von einer medial gehypten Wintersportart und spricht Klartext. Das Interview ist erfreulicherweise auch online nachzulesen. Der 52-Jährige Österreicher kennt alle Facetten des Skispringens und seine Antworten im Gespräch mit Thomas Hahn regen zum Nachdenken an:

,,Der Sport könnte ein Vorbild sein, wenn er sich selbst und die Verantwortung für seine Spielregeln ernst nimmt. Und da habe ich gemerkt, dass es im Berufssport immer schwieriger wird, vernünftige, humane Ideen umzusetzen. Man wird, wenn man Kollateraleffekte berücksichtigen will, fälschlicherweise als naiv betrachtet. Wenn man Erfolg absolut sieht und auch das Gefühl hat, solange ich nicht erwischt werde, ist die Wahl der Mittel egal – dann sind wir in einer Situation, die uns langfristig ruiniert. Deshalb müssen wir uns den Sport immer wieder genau anschauen und unsere Regeln bedenken: Sind da genug Regenerationszeiten drin? Ist das menschlich zumutbar, was wir verlangen? Wenn wir das nicht tun, wird der Bereich versaut.”

Skisprunglegende Innauer kritisiert auch das Techno-Gedröhn während der Weltcups, nimmt Stellung zur Diskussion um die Bindung, bedauert stärker werdenden sportpolitischen und medial-wirtschaftlichen Einfluss auf das Skispringen. Auch Themen wie Bulimie oder der Druck der Auslese unter den österreichischen Springern und etwaige Nationenwechsel werden besprochen. Also meine unbedingte Leseempfehlung. Wer obige Ausfahrt zum Interview verpasst hat: Hier geht es zum kompletten Interview

Nachdenkenswert #81

,,Hinzu kam mein Faible für Schachcomputer, der mir zuvor einige interessante Beratertätigkeiten für die damals größten Schachcomputerhersteller eintrug.  Aus der ein oder anderen Enttäuschung über vermeidliche Fehlentscheidungen der Hersteller entwickelte sich dann der Wunsch, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen und es auf diese Weise besser zu machen. Den Schwerpunkt sollten eine fachlich kompetente Beratung und die Auswahl geeigneter Schachcomputer für jeden Schachfreund bilden. Mein stetiges Bemühen um den optimalen Service wurde von den Kunden honoriert, das Geschäft wuchs und gedieh. Mit sieben Vollzeit- und bis zu fünf Teilzeitmitarbeitern sind wir heute nicht nur der in Deutschland, sondern in ganz Europa – wahrscheinlich sogar der weltweit – führende Schachvertrieb.”

        Günter Niggemann, Kopf von Schach Niggemann,

        engagierter Schachhändler, im sportinsider Interview

Nachdenkenswert #79

,,Sie haben uns zum Beispiel verboten, Länderspiele auszutragen. Genau an jenem 30. Oktober 1970, als der DFB das Frauenfußballverbot aufgehoben hatte, haben wir ja in Köln noch ein Länderspiel bestritten gegen Italien. Und zwei Tage später noch eins in Wörrstadt. Das war uns danach untersagt, wir durften auch nicht zu den inoffiziellen Weltmeisterschaften, für die wir eine Einladung aus Mexiko hatten. Das war ein klarer Rückschritt. Und außerdem durften wir nur zweimal dreißig Minuten spielen, was mir zum Beispiel immer deutlich zu kurz war. Die meisten von uns kamen ja vom Handball, der schon lange viel aufgeschlossener war gegenüber Mädchen und Frauen, zum Fußball. Wir waren also gewohnt, sechzig Minuten richtig hart Sport zu treiben. Da waren sechzig Minuten Fußball ziemlich lasch.”

      Bärbel Wohlleben, Fußball-Pionierin und erste Torschützin

      des Monats im Interview mit der FAZ

Sportinsider Interview mit Martina Berg

In Deutschland erfreut sich Nordic Walking seit Jahren wachsender Beliebtheit. Parks, Seen und Waldwege bieten 365 Tage im Jahr die Möglichkeit sich frei in der Natur zu bewegen.  Im heutigen Interview mit Martina Berg, Nordic Walking Trainerin, gibt es interessante Einblicke in die Technik, das beste Einstiegsalter für die Trendsportart sowie überraschende Erkenntnisse für Männer bei einer Tour mit den Stöcken ins Gebirge.   

sportinsider: Frau Berg, wie wird man in Deutschland Nordic Walking Trainerin?

Martina Berg: Ich habe mir beim Verband der Nordic Walking Schulen (VDNOWAS) eine Schule ausgesucht und mich weiter gebildet. Ich bin seit vielen Jahren im Fitnessstudio gewesen. Bewusst habe ich nach einer sportlichen Bewegung in der Natur Ausschau gehalten. In Herzogenaurach bot dann eine Apotheke Kurse Nordic Walking in Kombination mit Ernährungsberatung an. Ich war beim ersten Nordic Walking Erlebnis sehr begeistert.

sportinsider: Können Sie kurz die entscheidenden Momente der Technik beim Nordic Walking erklären?

Martina Berg: 99% machen es falsch. Der Kick ist die ganze Bewegung des Oberkörpers und die Arme soweit wie möglich nach hinten bewegen, damit die Muskulatur nicht nur vorne die Stöcke spazieren trägt.

sportinsider: Welche Strecken werden absolviert?

Martina Berg: Kurzstrecken von 30 Minuten werden absolviert, wenn die Zeit knapp im Alltag ist. Ansonsten sind mindestens 45 Minuten auf dem Programm. Es dürfen wie beim  BR1-Nordic Walking-Lauf in Landshut mit Rosi Mittermaier und Christian Neureuther auch gerne einmal 15 Km sein. Ich gebe auch am Tegernsee Kurse in landschaftlich reizvoller Kulisse.

sportinsider: Welche Altersgruppen trainieren Sie. Wann sollten Menschen mit Nordic Walking anfangen?

Martina Berg: In der Regel die Altersgruppe ab 40. Der älteste Kursteilnehmer kann auf 78 Lebensjahre zurückblicken. Den Einstieg in das Nordic Walking Training muß letztendlich jeder selbst entscheiden. Auch für Kinder kann Nordic Walking bereits sinnvoll sein. Übergewichtige Schüler werden in der Schule gehänselt, links liegen gelassen, keine Begabung für Bockspringen etc. Mit Nordic Walking Training stellt sich auch für Kinder mit genannten Problemen schnell das verbesserte  Körpergefühl ein.

Ich trainiere 80% Damen. Die Herren der Schöpfung haben manchmal noch Vorurteile gegenüber Nordic Walking. Ich kann da eine kleine Episode aus dem ALDIANA Ferienclub in Tunesien erzählen. Ich war dort Gasttrainerin. 8 Männer um die 40 Jahre spielten dort regelmäßig Tennis und machten die eine oder andere Bemerkung über Nordic Walking. Nun gut. Ich lud die Männer zu einem straffen Training in das nahe gelegene Gebirge ein. Die Gruppe hat nie wieder über Nordic Walking gelächelt.

sportinsider: Welche Philosophie hegen Sie beim Nordic Walking?

Martina Berg: Das schöne an Nordic Walking ist, daß es draußen stattfindet. Natur pur an 365 Tagen im Jahr. Die Jahreszeiten werden sehr intensiv erlebt. Nordic Walking kann überall ausgeführt werden. Auch bei Schnee. Mit den Stöcken im Schnee sich bewegen hinterlässt jedes mal bei mir ein besonderes Glücksgefühl.

sportinsider: Gibt es für Sie wahrnehmbare Spannungen zwischen Joggern und den Anhängern von Nordic Walking?

Martina Berg: Nein, überhaupt nicht. Ich habe bisher keine Probleme verspürt. Einst habe ich Joggen probiert. Ich habe auch eine große Bewunderung für die 42 Km Läufer. Jeder nach seiner Fasson. Für mich fühlt sich Nordic Walking gut an. Es ist meine Passion.

sportinsider: Was empfehlen Sie Interessierten an Nordic Walking? Einen Schnupperkurs?  Ausrüstung leihen oder gleich kaufen?

Martina Berg: Mein Ratschlag: Erstmal ein Schnupperkurs mit 2-3 Trainingseinheiten. Beim Auftakttraining ist man meistens noch verspannt. Ich plädiere für den Anfang für das Ausleihen von Stöcken. Das Thema Schuhe kann besprochen werden. Der Trainer kann wegen der Stöcke und der Schuhe Empfehlungen geben. Bleibt der Interessierte beim Nordic Walking dabei, sollten dann gute Stöcke gekauft werden. Ich persönlich mag die Leki Stöcke und komme damit sehr gut zurecht.    

sportinsider: Vielen Dank, Frau Berg, für dieses Interview. Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg.

Neugierig geworden? Frau Martina Berg ist im Internet unter Ihrer Website www.image50plus.de zu finden.

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Deutsche Mentalität

Manchmal braucht es den vorgehaltenen Spiegel. Natürlich wird irgendwann Gras über den 64. Platz der deutschen Nationalmannschaft bei der Schacholympiade 2010 gewachsen sein.  

Turm in der Schlacht

 © Michael Alber: Pixelio

Den eingangs erwähnten Spiegel hält Rustam Kasimdshanow in der Zeitschrift Schach Heft 10/10 dem deutschen Schach vor. Der Schachgroßmeister aus Usbekistan lebt seit Jahren in Deutschland mit seiner Familie in Ruppichteroth. 30 Kilometer vom einstigen Regierungssitz Bonn entfernt. In einem mehrseitigen Interview äußert er sich auch zur deutschen Mentalität und seinen Folgen für das Schach.

,,In einer normalen logischen Welt wäre es für die reichen Länder leichter, das Geld zu haben und zu geben. Deutschland ist immerhin der dritt- oder viertreichste Staat der Welt. Wie lange das noch so bleibt, weiß ich nicht. Aber jetzt ist das schon seit ein paar hundert Jahren. Das Deutschland immer extrem reich war. Aber wenn man hier lebt, hat man nicht das Gefühl, dass die Deutschen reich sind. Die Leute mögen zwar Geld haben, aber die gehen damit extrem sparsam um. Das ist vielleicht auch gut so. ´Altersvorsorge´ ist ein deutsches Wort. Das Wort gibt es im Russischen überhaupt nicht. Denn die Russen denken anders.”

Rustam Kasimdshanow ist einer der wichtigsten Männer im Sekudantenteam von Weltmeister Viswanathan Anand. Kasimdshanow kann selber auf eine erfolgreiche Schachlaufbahn verweisen. Seine beste Elo-Zahl beträgt 2706 aus dem Oktober 2001. Sein Unverständnis über das Dilemma der deutschen Nationalmannschaft in Sachen Schacholympiade bringt er deutlich zum Ausdruck.

,,Aber dass es im dritt- oder viertreichsten Land der Welt nicht möglich ist, 20.000 Euro aufzutreiben, damit die beste deutsche Mannschaft nach Chanty Mansijsk fahren kann, das ist nicht nur unlogisch, das ist katastrophal. Das ist Unsinn. Das kann nicht sein! Wenn die Jungs gesagt hätten: ´Wir haben in Dresden so toll gekämpft. Die Medien waren da, wir sind jetzt mehr wert als damals, wir wollen 200.000 Euro.´ Dann könnte ich verstehen, dass das nicht geht. Aber dass man mit 20.000 Euro zu kämpfen hat, das ist Wahnsinn. Mir ist eigentlich egal, was für bürokratische Gründe es gibt, um das zu erklären. Das ist einfach Wahnsinn!

Soweit der vorgehaltene Spiegel vom in Taschkent geborenen 30-Jährigen Schachgroßmeister Rustam Kasimdshanow.

Nachdenkenswert #71

,,Das sage ich nicht, weil ich Topalov nicht mag, sondern ich versuche, objektiv zu sein. Sein Markenzeichen sind großartige Resultate, nicht großartige Spiele. Manchmal spielt er auch großartig. Aber im Unterschied zu anderen holt er, wenn er nicht gut spielt, immer noch gute Resultate. Vielleicht weiß er Tricks, die wir Sterblichen nicht kennen.”

         Wladimir Kramnik, im Interview mit Stefan Löffler

         auf Zeit Online am 7.05.2010

Max Schmeling hat den Hitlergruß nie benutzt

Die Boxikone Max Schmeling ist in historischen Filmaufnahmen verdammt nah dran an Adolf Hitler. Jetzt wird Schmelings Leben in einem Film erzählt. Die Hauptrolle spielt Henry Maske. Filmstart in Deutschland ist der 7. Oktober 2010.

Der Boxliebling des vereinten Deutschlands äußerte sich kürzlich im Interview mit der Süddeutschen Zeitung über den Schmeling-Film. Maske lehnt in seiner Rolle den Hitlergruß ab.

,,Der wirkliche Schauspieler muss Dinge tun, die er normalerweise nie tun würde. Ich bin aber kein Schauspieler und gehöre zu einer Generation, denen bestimmte Worte nicht leichtfallen.”

In der heutigen Ausgabe der Süddeutschen Zeitung am 16. September 2010 gibt es dazu folgenden Leserbrief von Frau Brigitte Maibohm aus München.

Ich war durch meinen verstorbenen Mann nahezu 40 Jahre eng mit Max Schmeling befreundet und will mich zur letzten Antwort von Henry Maske äußern (,,Siebenstellig war meine Gage auf alle Fälle”, 27. August). Es ist lobenswert, wenn Herr Maske im Film den Gruß ,,Heil Hitler” ablehnt – jedoch gefällt mir die Begründung dafür nicht. Schmeling hat während des Dritten Reiches den Gruß nie ausgesprochen. Mehr noch, er hat es stets abgelehnt, Adolf Hitler mit ,,Mein Führer” anzusprechen, er hat ihn immer nur ,,Herr Reichskanzler” genannt.” 

Der Gruß mag eine Formalie gewesen sein, die Nähe von Schmeling zu Hitler war es nicht. Diktatoren schmücken sich gerne mit dem Ruhm “Ihrer Sportler”. Hitler machte da keine Ausnahme. Es ist vielleicht müßig, zu fragen, wieviel Nähe zum Diktator Sportler wie Max Schmeling zulassen konnten oder mußten. Ich will da gar nicht moralisch drüber richten.

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